Deutsche Journalisten — alle nur Noergelisten?

„Noergeln! Des Deutschen groesste Lust“ heißt ein Buch des geborenen Hawaianers Eric T. Hansen. Das im Fischer-Taschenbuch-Verlag erschienene Werk ist anfangs ungeheuer amüsant zu lesen, spaeter scheint es sich im Kreise zu drehen. Es haelt uns in vielen Beispielen aus allen Lebensbereichen einen Spiegel vor:

Das Klagen, Kritisieren, Besserwissen als geistig-seelische Grundkonstante der Nation, ausgedrückt etwa in der Bemerkung eines Kollegen am letzten Freitag in der Kantine, 12. August 2011, bei schoenstem Sommerwetter, auf der Terrasse sitzend: „Es sieht schon wieder so nach Herbst aus!“

In dieser Unzufriedenheit steckt grundsaetzlich ein wichtiger Motor, finde ich, sich nicht mit dem Naechstbesten zufrieden zu geben, sondern nach dem bestmoeglichen Produkt zu streben, ob nun ingenieurtechnisch, methodologisch oder einfach nur bei der Frage: Wie ziehe ich einen moeglichst geraden Strich?

Letztlich, streng wissenschaftlich gesehen, steht dahinter das Dialektische allen Seins: Zu jeder Behauptung findet sich eine Gegenbehauptung, die, wenn bewiesen, mit Ersterer zur Synthese verschmilzt und, quantensprungmaeßig, die Qualitaet der Erklaerungversuche der Phaenomene dieser Welt auf eine hoehere Stufe hebt.

So weit, so gut, jetzt wird’s spezifisch, wissenschaftsjournalistisch. Wenn Hansen, selbst Journalist, den deutschen Journalismus als „Noergelismus“ beschreibt, was steckt dahinter?

O-Ton Hansen: Das Kernprinzip des Journalismus ist. Der Journalist bleibt neutral. Keiner interessiert sich für seine Meinung, er soll bloß Information weitergeben. Der Leser ist schon selbst in der Lage, die Ereignisse zu interpretieren. Im Noergelismus ist es umgekehrt.

Im anglo-amerikanischen Journalismus, so Hansen weiter, kommen die Fakten zuerst, dann die Sorge aller ansprechen, ausgedrückt durch Zitate von Amtstraegern. Über den Klimagipfel in Kopenhagen im Dezember 2009 titelte die New York Times: „Viele Ziele bleiben unerreicht im Fünf-Laender-Klima-Deal“, Spiegel Online hingegen: „Die Klimakonferenz von Kopenhagen wird zum Fiasko — Klimakonferenz steht vor dem Scheitern.“

Das haelt Hansen für nicht zulaessig und faehrt fort: „Der Noergelist geht dem Leser unter die Haut … packt ihm am Herzen, das sich vor Schreck zusammenkrampft, greift direkt in das Angstzentrum seines Gehirns und kurbelt den Adrenalinspiegel so hoch, dass der Leser nur noch stoehnen kann.“

Da scheint dem Autor der Gaul durchgegangen zu sein, und er schreibt sich mit diesem sensationalistischen Stil ein in die Zeitung mit den großen Buchstaben, die er selber abkanzelt. Aber zurück zur Grundfrage: Dürfen Journalisten nur die Maechtigen zitieren, die bekanntermaßen abwiegeln — oder auch selber nachdenken und Schlüsse ziehen?

Die Spiegel-Zeile
war naeher an der Wirklichkeit als die der NYT und hat vielleicht auch mehr bewirkt: Waehrend die Deutschen die Umwelt seither um so ernster nehmen und es weiter in der Umweltpolitik gebracht haben, scheinen die US-Amerikaner auf der Stelle zu treten. Insofern hat die Noergelei, nicht zuletzt im wissenschaftlichen Sinne, durchaus Vorteile, obwohl ich sie mir selber im Umgang mit unseren Landsleuten immer wieder sauer aufstoeßt.

[ Artikel drucken ]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.