Shawn Otto: „Stoppt Anti-Wissenschaft!“

by Wolfgang Goede | 14. November 2011 02:21

Im Frühjahr 2009 zu ihrem 80. Geburtstag launchte die TELI eine Wissenschaftsdebatte. Diese stellte erstmals in der deutschen Geschichte die Politik als Beweger und Verhinderer von Wissenschaft in den Mittelpunkt einer oeffentlichen Diskussion. Die TELI hatte sich bei dieser Aktion von dem US-amerikanischen Kollegen Shawn Otto inspirieren lassen.

Der hatte ein Jahr zuvor waehrend des Praesidentschaftswahlkampfs die Science Debate 2008 erfunden. Bei der ESOF Konferenz 2010 in Turin berichteten Otto, Vertreter der TELI sowie der europaeischen Wissenschaftsjournalisten EUSJA über das Erreichte. Alle plaedierten dafür, bei diesem wichtigen Thema am Ball zu bleiben, die Debatte europa-und weltweit zu entfachen und immer wieder neu zu beleben.

Das hat
Shawn Otto jetzt erfuellt. Über die besorgniserregende Tendenz in seinem Heimatland, die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung als Lug und Trug darzustellen, veroeffentlichte Otto das Buch „Fool Me Twice“. Darueber berichtete bereits Alex Gerber an dieser Stelle in einem Bericht mit dem Titel: „Fighting the Assault on Science in America“.

Jetzt hat Otto nachgelegt. Für den renommierten New Scientist schrieb der die Titelgeschichte „Unscientific America. A dangerous retreat from reason“ (Das unwissenschaftliche America. Der gefaehrliche Rueckzug aus der Vernunft / 29 Oct 2011).

Darin beschreibt er, wie 96 von 100 neu gewaehlten republikanischen Abgeordneten im Kongress den Klimawandel leugnen. Das ist um so problematischer, als „wir hundertprozentig von der Wissenschaft abhaengig sind, um unsere Umwelt zu erhalten und zu schützen, aber die Gesetzgeber zunehmend die Antworten der Wissenschaft zurückweisen“, schreibt Otto und fragt: Kann eine Demokratie das aushalten?

Otto klaert den historischen Kontext der Unabhaengigkeitserklaerung, die sich auf Freiheit, Vernunft und Wissenschaft stützte. Ihr Verfasser, Jefferson, hatte dazu die Gedanken der groeßten Denker seiner Zeit, Newton, Bacon, Locke und Hume in dieses Dokument eingewoben.

„Wenn jeder Mensch die Moeglichkeit hatte, mit Hilfe der Wissenschaft sich Wissen über die Wirklichkeit und die Wahrheit zu verschaffen, konnte weder ein Koenig noch der Papst selber behaupten, eine groeßere Autoritaet als ein gewoehnlicher Bürger zu haben“, beschreibt Otto die Grundlage der US-Verfassung, die demokratische Augenhoehe.

Doch in der Zeit seit dem Zweiten Weltkrieg ist diese Basis immer broeckeliger geworden. Zum einen verwandelte sich die Wissenschaft von einer Methode zur Erforschung der Natur in eine Waffe, die die Grundlage der Erde und der Zivilisation zerstoeren konnte. Zum anderen lehnte eine neue Generation von Journalisten den Objektivitaets- und Wahrheitsbegriff, wie ihn Philosophie und Wissenschaft vorgaben, immer mehr ab.

Ziel des Journalismus in ihrer Sicht war die Aneinanderreihung der verschiedenen Gesichtspunkte zu einem Thema, ohne sie geistig richtig zu durchdringen. Weiterhin ging auch die Überzeugung verloren, dass Wissenschaft stets auch politisch ist, weil „das Schaffen neuen Wissens immer auch eine Veraenderung unserer Moral und Ethik verlangt“, so Otto.

Er beklagt, dass die US-Energiewirtschaft von Januar 2009 bis Juni 2010 eine halbe Milliarde Dollar dafür investierte, die Befunde der Forschung ueber den Klimawandel in Frage zu stellen. Das bezeichnet Otto als „Anti-Wissenschaft“, die bisher noch keinem Land gut getan habe, s. dazu auch: Naomi Oreskes, Erik M. Conway: „Merchants of Doubt. How a Handful of Scientists Obscured the Truth on Issues from Tobacco Smoke to Global Warming.“

So vertrieben die Nazis Einstein, weil sie seine Relativitätstheorie als jüdische Verschwörung verdammten; der sowjetische Forscher Lyssenko brandmarkte die moderne Genetik als Pseudowissenschaft, mit katastrophalen Folgen für die Landwirtschaft seines Landes; Maos wissenschaftliches Fortschrittsprogramm entfesselte eine Hungerskatastrophe, die 40 Millionen Opfer kostete.

Um die USA vor diesen historischen wissenschaftlichen Fehlern zu bewahren, hat Otto die ScienceDebate2012.com ausgerufen. Sie dürfte auf Deutschland und Europa sowie das Verhaeltnis zwischen Wissenschaft und Politik einen erheblichen Impakt haben!

Source URL: http://www.wissenschaftsdebatte.de/?p=1140