Zündende Technik-Schreib-Tipps für den Gabentisch

Über Technik verstehbar und spannend zu schreiben kann einen ganz schön ins Schwitzen bringen. Zweimal im Jahr veranstalte ich an der Münchner Volkshochschule das Samstags-Workshop „Technik mit Pfiff & Dreh“. Dafür kämme ich immer die neueste Literatur durch, auf der Suche nach Büchern, die ich den Teilnehmern neben den praktischen Beispielen aus dem Redaktionsalltag empfehlen kann.

Letzte Woche
war es mal wieder so weit. Ich setzte mich zur Vorbereitung einen Abend lang in die Münchner Staatsbibliothek (wo man so schön ungestört arbeiten kann) und blätterte die relevanten Neuerscheinungen durch. An „Verführung mit Worten. 33 Quickies für erfolgreiche Texte“ (Karen Christine Angermayer/Kösel) las ich mich fest. Prima Idee: „Schreiben ist Sex mit dem Leser …“, schreibt die Autorin, „die Verführung eines anderen Menschen auf dem Papier“.

Stimmt, macht neugierig, ebenso wie der Hinweis, dass es vorgetäuschte Orgasmen nicht gibt, „sonst landen wir im Papierkorb“. Das auf 33 Quickies heruntergebrochen, witzig und locker, die allerdings im Kopf nicht das große Feuerwerk entzündeten, fand ich.

Der Leser merkt ganz genau, ob Sie den G-Punkt haben, heißt es etwa. Ja, würde ich unterschreiben, doch wann und wie schnackelt es bei mir, damit es auch beim Leser schnackelt? Da fehlt mir die Aufklärung, die ich hier gerne nachschiebe, aus meiner eigenen Sicht: Auf die Überschrift kommt es an, die ist der Lackmus-Test, für die Verkaufe gegenüber dem Chefredakteur oder Lektor, die muss mit wenigen Zeichen ein klares Bild zeichnen, besonders darüber, was den Leser inhaltlich erwartet. Darüber hätte ich gerne Beispiele gelesen!

Also, steigern wir die Dosis und greifen gegen 21.30 Uhr nach der Fachliteratur. „Schreiben über Technik“ von Michael Bechter, Volker Thomas/UVK, solider, ein wenig hölzerner, aber auch hier: „Jeder Textanfang ist ein Flirt mit dem Leser …“. Das kann man gut üben im Workshop, ebenso wie den Hinweis auf die Notwendigkeit kurzer Sätze, zwischen acht und zwölf Wörtern. Das, in der Tat, können wir von der Bildzeitung lernen.

Im Kontrast dazu die typischen Technikersätze, ohne Fleisch und rote Bäckchen, statt dessen Nominalstil, etwa: „Je nach Maßnahme der Bettung ist die Befriedigung des Liegebedürfnisses von Unterschiedlichkeit gekennzeichnet“ – auf gut Deutsch: Wie man sich bettet, so liegt man.

Am Ende des Buches dann der Hinweis, das Schreiben eine unendliche Qual sei, oft ein Gehangel von Schreibblockade zu Schreibblockade, selbst Bestseller-Autoren bestens vertraut. Nach der Veröffentlichung, verspricht das Autoren-Duo, werde der Schreiber aber von einem alles entschädigenden Glücksgefühl durchströmt.

Damit sind wir bei Altmeister Wolf Schneider, aus dem auch Becher/Thomas Honig gesaugt haben. „Qualität kommt von Qual“, hat Schneider Generationen von Journalisten eingebimst, die ihn dafür liebten und hassten, insbesondere für seinen pädagogisch wenig korrekten Unterrichtsstil („Dieser Text widert mich an“). Dennoch, von Schneider lernen heißt siegen lernen, im Dickicht der deutschen Sprache und allen anderen Idiomen, die Schneider-Lehre ist universal.

Das neueste
Buch des mittlerweile 86-Jährigen, „Deutsch für junge Profis“/Rowohlt, ist eine Essenz seiner zwölf Sprachbücher, auf 170 kleine Seiten mit großen Buchstaben reduziert, unanstrengend und beschwingt zu lesen wie eine Boulevardzeitung, aber mit so viel sprachlichem Tiefgang wie ein schwer beladener Tanker mit Schwarzem Gold. Allein die Kapitelüberschriften lassen die Synapsen im Kopf hüpfen: Lasst Verben tanzen!, mit Kommas Musik machen, Sätze wie Pfeile …

Und wer beherzigt das alles und macht daraus ein vortreffliches journalistisches Produkt? Klaus Meyer, Journalismus-Professor und Herausgeber von „einsteins“/Magazin der Eichstätter Journalistik. Die neueste Ausgabe befasst sich in allen Variationen mit dem Thema „tabu“. Der Leser staunt, wie unsere scheinbar so freie Gesellschaft von Tabus vermint ist. Das Journal steckt voller zündender Themenideen (Vater Priester, Mutter Nonne), ungewöhnlichen Bildstrecken (hemmunglos die Mitreisenden bei einer Zugreise anglotzen), Erklärungen nie gehörter Begriffe (heart-core-pornos), auch Technik scheint auf (welcher Fetisch-Typ bist du?).

Dieser Technikteil könnte natürlich noch mehr schillern, gerade in unserer technik-affinen und technologie-getriebenen Welt, lieber Herr Meyer. Post diesmal nicht von BILD-Wagner, sondern TELI-Goede: „einsteins“ 2012, rund um dieses herausfordernde und zukunftsträchtige Thema, journalistisch so verführerisch gemacht wie das Aufblättern der Tabus, dazu möchte Sie und Ihre studentischen MitstreiterInnen der älteste Verband für Technikjournalisten der Welt ermuntern!

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