Zivilgesellschaft soll autistische Wissenschaftspolitik heilen

Der Naturschutzverband BUND will eine größere Rolle in der Wissenschaftspolitik spielen. Zur Eröffnung des Wissenschaftsjahres „Zukunftsprojekt Erde“ verlangt er von Bundesforschungsministerin Schavan einen Kurswechsel: weg von der industrie-getriebenen Wissenschaftspolitik, hin zur gesellschafts-orientierten Wissenschaftspolitik. Nur so kann die Wissenschaft den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gerecht werden, argumentiert der Verband in einem Hintergrundpapier.

Dafür ist größere Transdisziplinarität nötig, das Einbeziehen des Wissens der betroffenen Akteure, also etwa von Bürgerplattformen, des Naturschutzes, der Umweltbewegung, kurz: der Zivilgesellschaft. Die können zum wichtigen Transformationswissen beitragen, etwa zur Frage, wie sich die nötigen Veränderungen anstoßen lassen.

Bei vielen aktuellen Themen wie Elektromobilität oder Bio- und Gentechnik steht die ökonomische Verwertbarkeit im Vordergrund der Forschung. Die Energiewende, Mobilitätswende oder Ernährungswende sind aber keine Frage der technischen Transformation, sondern eine der Politik, Gesellschaft und Kultur. Letztlich geht es hier um die Schaffung und Vermittlung neuer Werte. Insgesamt ist die Forschung viel zu sehr auf das Auto als Verkehrsmittel fixiert.

Transparenz und Partizipation müssen schon bei der Definition von Forschungsprogrammen ansetzen, das heißt die gesellschaftlichen Gruppen müssen viel früher in den Prozess einbezogen werden. Für diese transdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung verlangt der BUND eine Milliarde Euro jährlich. Letzlich müssen darin „heterodoxe“, kritische Forschungsansätze viel mehr berücksichtigt werden.

Diese Bestrebung laufen auch auf EU-Ebene. So haben 100 europäische zivilgesellschaftliche Organisationen Kommissionspräsident Barroso im Sommer 2011 zu einer Reorientierung der europäischen Forschungspolitik aufgefordert. Der Titel des offenen Briefes:

Public Research should benefit Society, not Big Business.

Es wird verlangt, dass das Forschungsprogramm der Periode 2014 bis 2020 die „technologisch fixierte Orientierung der Forschungspolitik“ aufgibt und mehr demokratische Teilhabe fördert. Umweltverbände und zivilgesellschaftliche Organisationen sollten einen eigenen Forschungsfonds erhalten. Die Grundlagen dafür wurden bereits in dem EU-Programm „Research for CSO’s (Civil Society Organizations)“ geschaffen.

Solche Impulse sind auch in Deutschland aufzugreifen, um zu einer gesellschaftsorientierten Weiterentwicklung der Wissenschaftspolitik zu kommen: Dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, der die Markorientierung der Wissenschaft vorantreibe, muss ein „Nachhaltigkeitsverbands für die Deutsche Wissenschaft“ entgegen gestellt werden, verlangt das BUND-Papier.

PM BUND fordert eine Milliarde Euro für Nachhaltigkeitsforschung
BUND Hintergrundpapier Nachhaltige Wissenschaft

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