Noble Netzwerke in Lindau –
und Schwefel gegen die Sonne

Was ist das Geheimnis der 59. Lindauer Nobelpreisträgertagung? Offenbar wie so oft das Netzwerk. Dieses Jahr sind 580 junge Forscher gekommen – 20.000 aus 67 Ländern sollen sich beworben haben und wurden von nationalen Partnerorganisationen wie den Akademien der Wissenschaften vor-ausgewählt. Natürlich, es ist faszinierend, so viele Nobelpreisträger auf einmal erleben zu können. Unter den 23 Ausgezeichneten sind auch die drei „aktuellen“ Chemiepreisträger, also nicht nur der Ruhm und die Forschung vergangener Tage. Aber ist ist wohl vor allem das Netzwerk, was Lindau in diesen Tagen so attraktiv macht. Leute treffen und Kontakte knüpfen. Mir geht’s nicht anders.

Fonds-Vorsitzender und BASF-Vorstand Andreas Kreimeyer und Gräfin Bettina Bernadotte

Andreas Kreimeyer, Fonds-Vorsitzender und BASF-Vorstand, und Gräfin Bettina Bernadotte

Reise und Aufenthalt der gut 150 deutschen Nachwuchsforscher fördert der Fonds des Verbands der Chemischen Industrie (VCI). Von dieser Kooperation profitieren alle: Das vorhandene Netzwerk des Fonds hilft, in Universitäten und Forschungsinstituten die Top-Jungforscher für Lindau zu finden. Das Netzwerk wächst und damit der Kontakt zwischen Industrie und potenziellem Nachwuchs. Und wer als Jungforscher nicht „eingeladen“ wird, sich zu bewerben, sondern selbst initiativ wird, hat einen guten Anlass, sich vorzustellen. Das wäre vielleicht ein interessanter Aspekt? Wie kommen die deutschen jungen Forscher hierher? Vielleicht hier demnächst mehr dazu.

Ausgewählt werden die Gäste von nationalen Partnern. Unsere EUSJA-Kollegin Viola Egikova aus Moskau, EUSJA Honorary Secretary, hat in den letzten Jahren den Kontakt zur Russischen Akademie der Wissenschaften geknüpft. Stiftungsvorsitzender Wolfgang Schürer dankte ihr in der Auftakt-Pressekonferenz ausdrücklich dafür.

Never forget your passions!
Don’t become one-sided nerds!

Vormittags gibt’s Plenarvorträge der Preisträger, nachmittags bleiben die Forscher unter sich: Alt und Jung tauschen sich aus hinter verschlossenen Türen, ohne Presse. Das war angeblich schon immer so. Am Vormittag überrascht mich zunächst die Disziplin: Keiner überzieht seine Redezeit, alle werden exakt pünktlich fertig. Das war’s aber auch mit den Gemeinsamkeiten. Ganz unterschiedlich die Präsentationen: Faszinierend Richard Ernst über spektroskopische Untersuchungen von Pigmenten in tibetischen Kunstwerken und eine Kooperation „Science meets Dharma„, innerhalb derer europäische Lehrer in vier südindischen Klöstern unterrichten. Die Initiative ging vor elf Jahren vom Dalai Lama aus. Ernst hat zum Schluss noch eine Botschaft: „Never forget your passions! Don’t become one-sided nerds!“

Von Klimaforscher Sherwood Rowland, der ansonsten nüchtern die Entwicklung des Gehalts an Kohlendioxid und anderer Treibhausgase in der Atmosphäre referiert, bleibt ein Bild im Gedächtnis: In Kalifornien sei der Energieverbrauch pro Kopf seit etlichen Jahren etwa konstant geblieben, im Rest der USA weiter gestiegen. Überschrift: „Regulations and Local Policies can make a Difference“.

Macht es wie einst Pinatubo?

Kann Schwefel die schädlichen Folgen des Kohlendioxid-Anstiegs kompensieren? Paul Crutzen, mit Rowland 1995 geehrt, formuliert eine Idee, die ich in dieser Deutlichkeit noch nirgends gehört habe. So wie Vulkaneruptionen Sulfatteilchen in die Atmosphäre schleudern, welche das Sonnenlicht zurück ins All streuen, könnten auch künstlich in hohen Luftschichten erzeugte Kristalle eine Art Schutzschild bilden. Man könne zumindest einmal darüber nachdenken. Und über die Folgen: Welche Partikelgröße wäre letztlich effektiv, welche würde sich herausbilden? Was passiert chemisch in der Atmosphäre sonst noch, wird das Ozonloch vergrößert? Was in noch höheren Luftschichten? Was im Ozean? Sinkt dort der pH-Wert, werden die Weltmeere sauer? Die Therapie würde Jahrzehnte dauern und vor allem Politik und Wirtschaft nicht davor bewahren, trotzdem den Kohlendioxidausstoß drastisch zu reduzieren.

Abgetaucht in Membranproteine: Hartmut Michel

Abgetaucht in Membranproteine: Hartmut Michel

Etwas enttäuschend danach der Vortrag von Hartmut Michel, Max-Planck-Forscher und 1988 einer der jüngsten Nobelpreisträger. Er hat noch zu wenig Distanz von seiner Arbeit, um allgemeinverständlich zu sein. Selbst die meisten Chemiker dürften nach noch einer und noch einer Formel zum Mechanismus des Protonentransports in biologischen Membranen so nach und nach abgeschaltet haben. Wo andere zumindest teilweise in die Breite gehen, bohrt er kerzengerade nach unten. Eher schüchtern wirkt der Hinweis, dass 80 Prozent aller derzeit erhältlichen Medikamente irgendwie auf Membranproteine wirken. Aber das war schon ein verwegenes Abschweifen. Ob er damit der Zielgruppe wirklich gerecht wird?

Mehr aus Lindau im „offiziellen“ Blog: www.scienceblogs.de/lindaunobel (hier schreibt ein ganzes Team von Bloggern unterschiedlicher Herkunft über alle Vorträge und Perspektiven) oder im Fischblog von Lars Fischer fisch-blog.blog.de, demnächst werden wir vielleicht auch TELI-Kollegen Paul Janositz in ZEIT ONLINE lesen.

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