Wissenschafts-Journalismus: „Die vierte Gewalt für Forschungsthemen“

Mach dich fit – oder zieh Leine! Ein Spruch, den Angelsachsen so locker beherrschen (“shape up or ship out”), lässt sich auf Wissenschaftsjournalisten anwenden. Wenn diese sich nicht zu den traditionellen journalistischen Tugenden bekennen, könnte der Beruf aussterben.

Carsten Könneker,
Chefredakteur von Spektrum der Wissenschaft, hat ein Buch über Wissenschaftskommunikation veröffentlich. Beim Lesen in „Wissenschaft kommunizieren. Ein Handbuch mit vielen praktischen Beispielen“ (Wiley-VCH) stimmt man ihm über weite Strecken zu. Die „Verkaufe“ von journalistischen Beiträgen aus der Forschung krankt an unterentwickelten Titelzeilen, Motti, Seitentitel und Bildunterschriften. Sie sind oft zu kompliziert, banal, so sexy wie eine Wasserstandsmeldung, die Leser kaum in das Thema hineinziehen.

Die Titelei so verlockend wie möglich aufzubereiten, das ist goldenes journalistisches Handwerk, insbesondere für Wissenschaftsjournalisten, welches Könneker an vielen Beispielen aufblitzen lässt. Auch zahlt es sich aus, vor dem Abfassen eines jeden Beitrags, ob Meldung, Reportage oder Kommentar, sich den Nannenschen „Küchenzuruf“ klarzumachen: „Mensch, Mutter, wusstest du schon, dass …“. Das verspricht eine schärfere Fokussierung, übrigens auch ein guter Tipp für Themenkonferenzen, beim „Pitchen“ von Vorschlägen mit der Zeile anzufangen, also mit dem Satz, den man über den Artikel schreiben würde.

Trotz dieser
wichtigen, durchaus auch unterhaltsamen Ratschläge: Bei der Lektüre dieses Buches ist man immer ein wenig irritiert und weiß nicht, wen der Autor eigentlich anspricht: Forscher, Öffentlichkeitsarbeiter, Wissenschaftsjournalisten, alle gleichzeitig? Er schreibt meistens von Wissenschaftskommunikatoren, und es schleicht sich zunehmend der Verdacht ein, dass er auch die Journalisten darunter subsumiert.

Dann erst, auf Seite 198, bereits im Abspann, sieben Seiten vor dem Schlusspunkt, kommt der große Donnerschlag, redet Könneker Klartext, und zwar deftig, direkter als viele andere Kollegen sich zu diesem heiklen Thema geäußert haben!

Die Medienkrise und die Tatsache, dass immer mehr Forscher lieber selber kommunzieren, nicht zuletzt auch mit Hilfe seines Werkes, setzt den Wissenschaftsjournalismus immer mehr unter Druck, stellt Könneker fest. Allerdings „als unabhängige, kritische Instanz ist er ein wichtiges Korrektiv im allgemeinen Diskurs über Forschungsthemen“, räumt der Autor ein und schält die Unterschiede zwischen kommunizierenden Forschern und Wissenschaftsjournalisten heraus.

Beide sind der Wahrheit verpflichtet, beiden garantiert das Grundgesetz ein besonderes Maß an Freiheit, aber: „Viele Forscher halten Wissenschaftsjournalisten irrtümlich für die Sprachrohre der eigenen Zunft“, bedauert Könneker: „fliegende Übersetzungsbüros, die Fachdiskurs in gefälliges Deutsch zu überführen hätten“. Hat denn ein Politikjournalist die Aufgabe, möglichst gefällig zu vermitteln, was der Verteidigungsminister gerade mit seinem russischen Amtskollegen vereinbart hat?, fragt der Autor nicht ohne Süffisanz zurück.

Genau dies sei die Aufgabe von Öffentlichkeitsreferenten und Regierungssprechern, stellt der Könneker sofort klar. Politikjournalisten dagegen sollten unabhängig berichten, einordnen, Hintergründe und Interessen deutlich machen; ebensowenig sei es Aufgabe der Wirtschaftsjournalisten, den Zahlenwust und das Fachchinesisch von Quartalsbilanzen „in flüssiges Alltagsdeutsch zu übersetzen“.

Nein, die Gesellschaft fordere von dem Journalisten die Fähigkeit zur Kritik und zum Kommentieren – natürlich auch von Wissenschaftsjournalisten, verlangt der Spektrum-Macher. Denn „wie auch Politik und Wirtschaft ist auch die Wissenschaft von Interessen durchzogen, ist als hoch kompetitives System gar vor handfesten Manipulationen und Fälschungen nicht gefeit“, etwa durch einseitige Interpretation von Messergebnissen. Diese Praxis hätten viele Forscher in einer von “Nature” veröffentlichten Umfrage zugegeben.

Könneker zählt weitere Sünden auf: „Zitationsseilschaften“ beschleunigen und bremsen wissenschaftliche Karrieren, und Loyalität gegenüber Drittmittelgeber könne in Interessenkonflikte münden. Darüber hinaus tragen Wissenschaftler weltanschauliche Kontroversen aus, zanken sich über Behandlungsmethoden und Paralleluniversen.

„Damit die Gesellschaft mündig über all diese Dinge urteilen kann, bedarf es einer unabhängigen Instanz, die sie transparenz macht und kritisch dokumentiert: Wissenschaftsjournalismus“, folgert der Buchautor: „Die vierte Gewalt im Staat ist auch für Forschungsthemen unerlässlich.“

Diesen Satz sollten sich Forscher, die PR-Branche und Wissenschaftskommunikatoren sowie Wissenschaftsjournalisten ins Stammbuch schreiben. Er birgt viel Zündstoff und könnte darüber entscheiden, ob der Wissenschaftsjournalismus überlebt. Dazu muss er sich aber erst mal in Gänze von der Wissenschaft emanzipieren, gibt es doch immer noch viele Vertreter dieser journalistischen Zunft, die sich eher als Forscher und Wissenschaftler denn als Journalist begreifen. Überhaupt ist, leider, der Terminus „Wissenschaftskommunikator“ eher vernebelnd als klärend und deshalb, gelinde gesagt, ein sehr unglücklicher.

Schade, dass
diese Beschreibung des Wissenschaftsjournalisten als Kritiker, Enthüller, Klärer und Wahrheitssucher keine Best-Practice-Beispiele bringt, vielleicht auch aus der eigenen Praxis des Autors. Es bleibt der Eindruck, dass bei aller Wortgewalt dieser Buchteil ein Waisenkind, das fünfte Rad am Wagen dieser sehr lesenswerten Neuerscheinung ist.

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