Die Weltuntergangsuhr tickt lauter

Jahrhundertflut in New York, Europas Wirtschaften stürzen ins Chaos, Super-Beben in Guatemala. Weltuntergangspropheten haben Hochkonjunktur. Das Land der Maya und seine majestätischen Pyramiden werden am 21. Dezember zum weltweiten Pilgerort. An diesem Tag endet der Kalender des alten Indianervolkes. Sind Klima-, Natur- und Währungskatastrophen die Vorboten des nahenden Endes unserer Welt?

Wer Erklärungen sucht und sich im Internet schlau machen will, staunt: Dort wimmelt es von Verschwörungstheorien und Untergangsszenarien. Da ist es wenig Trost, dass gerade Obama eine zweite Amtszeit gewonnen hat, dank breiter Unterstützung durch Latino-Migranten und Schwule. Er hält fundamentalistische Republikaner, bibeltreue Kreationisten und ignorante Wissenschafts-Verweigerer zwar in Schach. Politisch und persönlich gilt der US-Präsident aber als schwach und naiv. Weiß er überhaupt, was in seinem Hinterhof los ist – spielen die wirklich Mächtigen dieser Welt Katz und Maus mit dem Weißen Haus?

Kolumbianische NGOs geißeln ein von der Weltöffentlichkeit nicht wahrgenommenes Wettrüsten in der Region. Von Zentralamerika bis zum Amazonas ist in den letzten Jahren ein langes Band geheimer US-Militärbasen entstanden, als ob hier ein neues Afghanistan lauerte. Über deren Sinn und Zweck wissen offensichtlich nicht einmal die Regierungen der Länder Bescheid. Kein Wunder, dass Spekulationen ins Kraut schießen. Sind die USA so pleite, dass sie gerade ihre Nachbarstaaten unterjochen, um sie aussaugen zu können? Haben sich die großen Konzerne dazu mit den Militärs verbündet, während Washington wegschaut?

Mit offizieller Kritik an dem Nachbarn nördlich des Rio Grande ist der Süden der Amerikas vorsichtig. Bezeichnend für die Beziehung zwischen Nord und Süd ist, dass der Gipfel lateinamerikanischer Staaten vor ein paar Monaten im kolumbianischen Cartagena nur mit „Sex und Suff“ Schlagzeilen machte. Obamas Personenschützer vergnügten sich mit Prostituierten und wollten am Ende für den Spaß nicht löhnen.

Das alles vor dem Hintergrund, dass Nordamerika durch die massenhafte Migration armer Campesinos und Latinos praktisch aufgerollt wird und das Republikaner-Bild vom weißen Amerikaner Vergangenheit ist. Gleichzeitig erinnern viele US-Metropolen wie etwa Chicago oder Seattle in ihrer Armut an Dritte-Welt-Städte. Die Hilflosigkeit eines in den atlantischen Flutmassen untergehenden New Yorks bestärken das Bild von einem abgewirtschafteten Nordamerika, das sich verzweifelt an jedem Strohhalm festklammert.

Insofern sind auch eher konservativen, nicht zu Verschwörungstheorien neigenden Lateinamerikanern die Militärbasen suspekt. Kolumbien, das ist bekannt, verfügt über reichste Bodenschätze in den Anden, enorme Frischwasservorräte in Amazonien, ausgedehnte und fruchtbare landwirtschaftliche Flächen, die einen Großteil der Weltbevölkerung ernähren könnten. Das weckt Begehrlichkeiten, auch seitens des nach der Weltmacht strebenden Chinas.

Die internationale Presse hat sich in den letzten Wochen nicht mit Ruhm bekleckert. Die Nachrichten waren voll mit eher sensationslüsternen Berichten über New York. Warum der Big Apple noch tagelang nach der Flut im Koma lag und welchen Impakt der Klimawandel auf die Katastrophe hatte, darüber schwiegen sich die Kolleginnen und Kollegen, auch aus den Wissenschaftsressorts weitgehend aus. Nur der Spiegel fand den Mut zur Titelgeschichte „Der amerikanische Patient“. Auch dass die Flutkastastrophe in der Karibik zum Teil viel schlimmer als an der US-Ostküste wütete, ging in den Medien unter. Das Guatemala-Beben, nicht weniger verheerend als die Flut, war der Presse nur ein paar dürrre Zeilen wert.

Noch 38 Tage bis zum Weltuntergang. Dieser tobt sich eher geistig aus, in den maroden internationalen Beziehungen, der Verdummung durch das Internet, einer Banalisierung der etablierten Presse. Aufklärung (die fehlt) ist der Ausgang der Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit, schrieb uns vor über 200 Jahren Immanuel Kant ins Stammbuch. Damit ist schon alles gesagt zum 21. Dezember 2012.

[ Artikel drucken ]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.