„Es geht wieder aufwärts!“

Normalerweise spuckt er bei diesem Thema Gift und Galle. Wenn immer Jim Cornell, Präsident der „International Science Writers Association“ ISWA über den Zustand der Medien in den letzten Jahren geredet hat, ließ er kein gutes Haar an ihnen. So auch bei seinem kürzlichen Vortrag bei einer italienischen Journalistenschule. Aber im Gegensatz zu früher sieht er Zeichen eines Wiederaufschwungs. In „The Rise and Fall – and Possible Rise Again – of Science Journalism“ spricht er nostalgisch über die Blüte des US-amerikanischen Wissenschaftsjournalismus in den 1970er- und 80er-Jahren, lässt angesichts seiner derzeitigen Erosion das Todesglöckchen erschallen, um gleich darauf einen zaghaften Aufschwung auszumachen. Seine Quelle ist die Weltkonferenz der Wissenschaftsjournalisten in London. Dort wurde Anfang Juli nicht nur der moderne Fließbandjournalismus, Churnalismus kritisch durchleuchtet. Der ISWA Präsident stieß dort auch auf neue Geschäfts- und Unternehmenskonzepte für Wissenschaftsjournalismus. So könnten gemeinnützige Stiftungen die Lücken füllen, die die traditionellen Medien durch ihren Rückzug aus der Berichterstattung hinterlassen. Cornell verweist auf den Kaiser Health News Service, der alle Aspekte des Gesundheitssystems abdeckt. Gerade erst im Juni wurde der New Science Journalism gegründet, der vor allem Studenten aus aller Welt rekrutiert und ihnen eine Chance bieten will. Die Beispiele zeigen: Wir müssen selber viel mehr initiativ werden, neue Horizonte ansteuern. Dazu will nicht zuletzt die TELI mit der Wissenschaftsdebatte einen Anstoß geben – seit neuestem auch über Twitter!

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5 Gedanken zu “„Es geht wieder aufwärts!“

  1. Nachtrag: Und bevor mir jemand das Fell über die Ohren zieht. Ich will hier kein Redakteurs-Bushing durchziehen. Nur meiner Meinung nach, sitzen eben Redakteure an der Quelle. Sie bestimmen, was in die Zeitschriften kommt. Aber sie sind es auch, die diesen Job oft seit zig Jahren machen. Und sie machen ihn so, wie vor 20 Jahren. Aber das Wissen verdoppelt sich – glaube gehört zu haben – alle 5 Jahre. Die Art, wie Zeitung / Zeitschrift heute gemacht wird, ist den Zeiten nicht mehr angemessen.

  2. „Auf der anderen Seite sind die Menschen mit der zunehmenden Zahl von Informationskanaelen ganz einfach ueberfordert. Das liegt zum einen an der extrem nachlassenden Qualitaet der Massenmedien….“@Hakaider

    Da stimme ich Ihnen zu. Aber wieder: Es liegt auch an den Redakteuren.
    Kuriosestes Beispiel bei mir letztens: Ein Kunde wollte einen Artikel umsonst, weil er ein neues ausländisches Format habe, für das noch kein Budget vorhanden sei. Und weil er von diesem Kooperationspartner deshalb kein Geld bekäme, könne er mir auch nichts zahlen (Ich habe ihm freundlich aber bestimmt, die westliche Marktwirtschaft erklärt).

    Ein weiteres Problem: „Oh! Ich habe eine Idee! Wir machen ein Themenheft.“ Davon gibt es viele. Nur leider meinen Redakteure, Themenhefte müssten bei Adam und Eva anfangen. Aber wer kauft denn Themenhefte? Das sind doch Leser, die an einem Thema besonderes Interesse haben – also werden die die Grundlagen dieses Themas schon kennen. Muss das dann alles noch mal durchgekaut werden? Anstatt hier „viele Lesergruppen anzusprechen“, glaube ich, verjagt man die wirklich interessierten Leser, weil die nicht nur drei für sie interessante Berichte lesen wollen, da sie den Rest schon kennen. Allein schon die Zusammenstellung so mancher Themenhefte ist eine einzige Grotte.

    Andererseits wird den Lesern das Wissen viel zu fragmentarisch präsentiert. Ein Heft in folgender Reihenfolge der Artikel (ohne Kurzinfos): Ein Bericht über Viren, dann über Kamerascreening, anschließend wie Physik auf den Alltag wirkt, Bakterien in unserem Leben, Werbepsychologie, Herzinfarkt, Mondlandung, Öl, Nahrungszusammensetzung, Geschlechterpsychologie, Kunst der Form Im Makrokosmos (Fotografie), Kernspintomographie, Denken. Und nein, das ist kein Witz. Dieses Heft liegt vor mir. Keine Struktur, kein roter Faden, nichts hat etwas mit dem anderen zu tun. Das ist Klamauk. Und dazwischen ein Haufen „Kurzinfos“, mit denen kein Mensch etwas anfangen kann.

    Redakteure müssen die Grundlagen der Unternehmerschaft lernen. Wer sind meine Leser, wie sind die strukturiert, wo finde ich sie, wie spreche ich sie am ehesten an……. Ich fürchte, viele mißverstehen ihren Beruf.

    Schmankerl: Eine Reisende, die sich die Mitternachtssonne in Skandinavien ansehen wollte, hat den Reiseveranstalter verklagt. Argument: „Das war ja die selbe Sonne, die ich zu Hause auch habe……“

  3. Die Frage nach der verlorenen Neugier ist ein guter Ansatz, denn sie ist ja die Triebfeder fuer Wissenschaft schlechthin. Wobei man natuerlich unterscheiden muss zwischen der wissenschaftlichen Neugier (man koennte auch sagen, der Lust an der Forschung), und der Neugier an den Ergebnissen der Forschung. Denn Forscher und Wissenschaftler haben die Menschen immer dann begeistert, wenn sie den Menschen die wunderbare und doch so unendlich komplexe Welt erklaeren konnten.

    Auf der Suche nach Antworten muss man beide Seiten betrachten.

    Die Neugier auf Seiten der Wissenschaftler wurde meiner Meinung nach ganz einfach systembedingt immer mehr unterdrueckt, denn den Forschenden an Universitaeten wurde immer mehr Zeit & Geld entzogen. Inzwischen kann man fast schon mehr von Verwaltung von Forschung denn von Forschung selbst sprechen. Ideen entwickeln braucht ganz einfach Zeit, und mit Verlagerung des Schwerpunktes innerhalb von Universitaeten auf marktwirtschaftliche Gesichtspunkte, geht die Zeit verloren, weil sie Geld kostet.

    Diese finanzielle Luecke sollte eine staerkere Anbindung der Lehrstuehle an die Wirtschaft fuellen, was aber zu einer fatalen Vernachlaessigung der Geisteswissenschaften gefuehrt hat (lassen sich eben schlecht wirtschaftlich verwerten.) Denn diese sind notwendig um wissenschaftliche Debatten in die breite Oeffentlichkeit zu tragen. Sie sind in der Lage, der Bevoelkerung die Relevanz technischer Forschung erst nahezubringen. Genau deshalb funktioniert das nicht mehr, dass Forschung und Lehre von den Menschen als relevant fuer ihr ganz persoenliches Leben wahrgenommen wird.

    Auf der anderen Seite sind die Menschen mit der zunehmenden Zahl von Informationskanaelen ganz einfach ueberfordert. Das liegt zum einen an der extrem nachlassenden Qualitaet der Massenmedien, und der zunehmenden Professionalisierung von PR. In diesem Durcheinander von Falschmeldungen – sowohl im Netz als auch in den Printmedien -, und dem Durchdringen von interessengesteuerten PR-Artikeln, welche sich in finanziell ausgebluteten Redaktionen breit machen, da faellt es einem normalen Medienkonsumenten immer schwerer die Qualitaet, Relevanz und das Vertrauen in eine Publikation einzuschaetzen. Und bei so einer massiven Ueberforderung ziehen sich die meisten Menschen ganz einfach zurueck, und widmen sich der leichten Unterhaltung.

    Erschwerend hinzu kommt, dass Wissenschaft immer komplexer wird. Gentechnik und Molekularbiologie sind zB Wisschenschaftsbereiche, die in den Medien immer wieder auftauchen. Sie werden aber fast ausschliesslich populistisch verwendet, wie man an dem Thema Gentechnik und Ernaehrung gut sehen kann (entweder wird sie nur verteufelt, oder als heilsbringende Innovation gelobt – eine sachliche Aufklaerung wird von den Massenmedien nicht geboten.) Es sind Themen die so abstrakt sind, dass sie nicht einmal mehr von der Kunst erfasst werden. Man denke nur an das Atom, welches in den 50er-Jahren ein ueberall bekanntes Symbol war, welches bis heute Bekanntheitsgrad besitzt.

    Apropos Kunst und Wissenschaft, denn nicht nur Geisteswissenschaft kann komplexe Themen in die Oeffentlichkeit tragen, auch Populaerkultur ist dazu geeignet. Wo sind da die Ansaetze? Mir faellt hier spontan nur eine aktuelle kanadische TV-Serie ein: reGenesis. Ich habe es bisher nirgendwo anders erlebt, dass so komplizierte Themen wie Molekularbiologie und Virologie so unterhaltsam und spannend vermittelt wurden. Warum wird so etwas wie diese Serie nicht bekannter gemacht? Sie ist zB gerade in Zeiten der Schweinegrippenverwirrungen eine auesserst passende Auseinandersetzung mit dem Thema.

  4. Gute Frage, liebe Leserin, wie kann man die Neugier entzünden? Auf keinen Fall mit Fakten, glaube ich, die sind grundsätzlich langweilig, sondern mit den Geschichten rund herum — und die häkeln wir in dieser Branche viel zu wenig.
    schöne Grüße
    Wolfgang Goede

  5. Vielleicht stellen wir nicht die richtigen Fragen?
    Vielleicht sollten wir uns fragen:

    1. Warum sind die Menschen nicht mehr neugierig?
    2. Wie kann man Menschen wieder neugierig machen?

    Als Kinder waren wir alle neugierig, sonst hätten wir nicht einmal laufen gelernt. Und an der Schule / am Bildungssystem kann es auch nicht liegen, dass wir die Neugier verloren haben, denn es gibt ja viele, die trotzdem / immer noch / gerade dadurch neugierig geblieben sind.

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