Lizenz zum Rauchen

Der blaue Dunst spaltet und radikalisiert die Gesellschaft. Während Raucher sich gegen eine zunehmende Kriminalisierung wehren, ist für andere der Tabak die gefährlichste Droge der Welt. Sind wir auf dem Weg zu einer Gesellschaft von Puritanern?, fragt der Autor, seit 32 Jahren Nichtraucher

Rauchringe, bald Historie: Rauchfreie Bannmeile um Kneipen? (c) Rike_pixelio.de

Der Australier Simon Chapman, Professor für öffentliche Gesundheit an der Sydney Universität, führt seit Jahren einen Kreuzzug gegen das Rauchen. Der kulminierte unlängst darin, dass er die Einführung einer Lizenz für Raucher forderte. Das ist eine Chipkarte, bei deren Erwerb der Raucher über die tödlichen Gefahren seiner Gewohnheit aufgeklärt wird. Sie soll seinen Konsum regulieren helfen.

Der Kauf von Zigaretten ist, so des Australiers Vorschlag, nur noch mit der Karte möglich. Je mehr jemand kauft, desto mehr muss er bezahlen. Bei über 50 Stück am Tag wird der Konsum automatisch abgeregelt, so wie ein hochmotorisierter Sportwagen, der Tempo 250 erreicht.

Der Wissenschaftler weiß die Statistiken auf seiner Seite. Fünf Millionen Menschen sterben pro Jahr an den Folgen des Tabakkonsums, warnt die Weltgesundheitsorganisation WHO. Nach einer von Nature vor 12 Jahren veröffentlichten Prognose könnten in diesem Jahrhundert bis zu einer Milliarde Menschen durch Inhalation von Zigarettenrauch den Tod finden. Das Anziehen der Preisschraube könnte Raucherleben verlängern helfen. Die Asiatische Entwicklungsbank rechnet vor, dass eine Verdoppelung des Preises 55 Millionen Menschenleben auf dem Kontinent rettete.

Auf der anderen Seite argumentieren selbst Nichtraucher, dass eine Raucher-Lizenz ein viel zu drakonisches Mittel wäre, das sich für liberale Demokratien verbiete. England warnte vor einer weiteren Kriminalisierung der Raucher, und der österreichische Gesundheitsminister hält die Chipkarte mit der Entscheidungsfreiheit des Menschen und den bürgerlichen Grundrechten für nicht konform. Nur in Deutschland bleibt es erstaunlich ruhig. Was meinen Sie?

Tatsache ist, dass die US-Zigarettenindustrie über Jahrzehnte hinweg die gesundheitlichen Risiken des Rauchens herunterspielte, und zwar mit gekauften wissenschaftlichen Gutachten. In den 1990er Jahren setzte dann der Umschwung ein. Immer mehr Länder verboten das Rauchen in geschlossenen Räumen. Auf dem European Health Forum in Bad Gastein verlangten Gesundheitspolitiker nun sogar eine Art Rauchbannmeile um Kneipen, damit sich der Rauch weniger konzentriere und das Passivrauchen der Anwohner unterbunden werde.

* Wie weit lässt sich Rauchen reglementieren? ** Wo ist die Schmerzgrenze? *** Welche Freiheiten bleiben den Bürgen bei Genussmitteln, etwa Oktoberfestbier und Heuriger, Pralinen und Schweinshaxe?

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6 Gedanken zu “Lizenz zum Rauchen

  1. Die Qualität des menschlichen Lebens ist m.E. abhängig von der Qualität des menschlichen Zusammenlebens in der Gesellschaft. Da liegt der Mangel für ein glückliches und erfülltes Leben weniger in zu geringem Drogenkonsum sondern eher am Mangel an Verantwortung, der sich zeigt an falscher unterwürfiger Akzeptanz einer jeden Anordnung von oben. Wir brauchen Rebellen, Menschen, die sich nicht unterwerfen und kleinkriegen lassen. Wir müssen uns der Verantwortung für unser Verhalten, Denken und Fühlen viel bewusster werden.

    „Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen“ (Hannah Ahrendt).

    Aber: Ein kurzes aber erfülltes Leben mit Drogen? Wie finden das unsere Kinder?
    Wollen sie Eltern, die kurz aber glücklich leben? Die sie überdauernde Musik hinterlassen, aber selbst nicht für sie da sind?

    Wenn wir bewusst leben und nicht die Zeit vorbei gleiten lassen mit der Idee, dass das Leben in der Zukunft noch kommt, gibt es so viele Herausforderungen, jeden Tag, so viel Neues zu lernen an dem man sich berauschen kann.

    Für mich ist ein erfülltes Leben nicht unbedingt eins, indem ich exzessiv lebe und etwas erschaffe, das mich überdauert. Aber wenn ich Solidarität erlebe und spüre, was Verantwortung übernehmen mit meinem Ausstoß an Glückshormonen macht, dann hüpft mein Herz und meine Seele freut sich.

    Und das geht auch bei einem langen Leben. Zum Glück!

  2. Soziale Kosten von Süchten und Verkehr

    Rauchen tötet, Alkohol auch, und der Autoverkehr ebenso. Hier mal ein paar »Hausnummern«, ein Vergleich der gesellschaftlichen Kosten für Deutschland für ein Jahr:

    — Alkoholkonsum: knapp 26,7 Milliarden Euro
    — Tabakkonsum: über 33,5 Milliarden Euro
    – Autoverkehr: fast 88,3 Milliarden Euro

    In diese Geldbeträge fließen direkte und indirekte Kosten ein, nicht aber die sogenannten »intangiblen Kosten« ein. Dazu gehören beispielsweise die Veränderung der Lebensqualität, der verlorenen Konsummöglichkeiten, Verlust an Freizeit und die Teile der zerstörte Lebenserwartung, die keine Auswirkung auf die Produktivität der Menschen haben.

    Interessant ist, dass die direkten Kosten des Alkoholkonsums bei über 10 Milliarden Euro liegen, die des Tabakkonsums dagegen nur bei rund 8,7 Milliarden.

    Vielleicht mag ja noch mal jemand recherchieren, wieviel direkte und indirekte Tote in diesen Zahlen enthalten sind.

    Nebenbei: Hat nicht Autofahren auch einen Abhängigkeits-, einen Drogenrauschaspekt? Und: Müssen wir nicht zu allererst die Verkehrs- und Transportprobleme angehen, bevor wir uns um Drogen kümmern?

    Sind Drogen Teil des Menschseins?

    Im Rahmen dieser Wissenschaftsdebatte würde mich aber vor allem interessieren, warum offenbar alle Menschen in allen Kulturen seit Menschengedenken Drogen nehmen. Selbst die Inuit, in deren Lebensraum keine Drogenpflanzen wachsen, zwangen sich, lange wach zu bleiben oder über einen längeren Zeitraum nichts zu essen, um sich in eine Art Hochgefühl hineinzusteigern.

    Die biologischen Grundlagen der Wirkung von Drogen sind ja inzwischen weitgehend aufgeklärt. Auch die Mechanismen der Abhängigkeit und Sucht.

    Aber was würde die Menschheit, oder auch einzelne Menschen, verlieren, wenn es keine Drogen mehr gebe? Viele große künstlerische und schriftstellerische Werke vorn Drogensüchtigen sind zum kulturellen Erbe der Menschheit geworden: Die Beatles, Miles Davis, Janis Joplin, Jimi Hendrix,  Jim Morrison, William Burroughs, Edgar Allen Poe, Aristoteles, Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller, Georg Christoph Lichtenberg, Jean Paul, E.T.A. Hoffmann, Ernest Hemingway, und viele, viele andere.

    Was hätten diese Menschen in ihrem Leben verloren, wenn sie nicht gekifft, getrunken, geraucht, gespritzt oder gekokst hätten? Wären sie glücklicher gewesen, wenn sie nüchtern gelebt hätten?

    Gewiss, sie sind alle, bis auf wenige Ausnahmen, sehr früh gestorben, oft schon vor ihrem 40. Lebensjahr. Aber sie haben in dieser kurzen Zeit exzessiv gelebt, so viel erschaffen und erlebt, wie alle 70- oder 80-Jährigen in ihrem ganzen Leben nicht.

    Und damit stellt sich auch die Frage, ob eine quantitative Zunahme des Lebens in Lebensjahren denn auch eine qualitative Zunahme an Lebensfreude und Schaffenskraft bedeutet – ein Aspekt, der auch im Thema »Demografie« in dieser Wissenschaftsdebatte diskutiert werden könnte. 

    »Wen die Götter lieben, den lassen sie jung sterben (quem dei diligunt, adulescens moritur)«, schrieb der lateinische Dichter Titus Maccius Plautus (ca. 254 bis 184 v. Chr.). Haben die Drogen den Genies nicht vielleicht ein zwar kurzes, aber umso volleres, umso erfüllteres Leben beschert? Haben sie ihnen so viel Glücksgefühle – auch mit ihren Werken – beschert, dass das Leben im Grunde schon früh erfüllt war – erfüllt im wahrsten Sinne des Wortes? So erfüllt, wie es es Menschen, die lange leben, nie kennen gelernt haben? Kann ein Leben noch wirklich als erfüllt erlebt werden, wenn im Alter die zunehmende Demenz die Erlebnisse der Vergangenheit verblassen lässt?

    Zurück zur Wissenschaftsdebatte: Was sagen Psychologen zur Qualität des menschlichen Lebens? Was sagen sie zu den Persönlichkeitsstrukturen von berauschten Genies im Vergleich zu ganz normalen Menschen?


    Quelle für Alkohol- und Tabakkonsum: ADAMS, Michael (2010): Tabak-, Alkohol- und Glückspielabhängigkeit – Soziale Kosten und wirksame Vorschläge zur Verhältnisprävention. Präsentation

    Quelle für Autoverkehr: BECKER, Udo, Thilo BECKER, Julia GERLACH (2012): Externe Autokosten in der EU-27 .TU Dresden, Lehrstuhl für Verkehrsökologie.

    Quelle zu Inuit: HÖLLER, Katharina (2011): Voll auf Droge. Interview mit dem Kulturhistoriker Mike Jay in der Zeit 2011-05-26

  3. Erst seit Raucher eine Minderheit geworden sind (ca. 30 Prozent Raucher und 70 Prozent Nichtaucher), traut man sich, sie so heftig zu attackieren. Dabei spielt man Nichtraucher gegen Raucher aus. Mit „Studien“, die ihren Namen nicht verdienen, sondern eher dafür gut sind, um ein Klima der Ausgrenzung zu schaffen. Streicht bürgerliche Freiheiten, auch dort wo es gar nicht nötig wäre, wo Nichtraucherschutz gewährleistet ist. Fördert Intoleranz, wenn man der anders lebenen MInderheit keinen Quadratmeter Raum mehr zugesteht. Alles baut darauf auf, dass Dritte geschädigt werden.

    Dass diese freiheitsfeindlichen Angriffe sich praktisch nur auf die Raucher eingeschossen haben, und den Alkohol NICHT annähernd mit entsprechenden scharfen Massnahmen wie beim Rauchen, zeigt wie sehr ideologisch und wie wenig fair es zu geht: Ein Drittel aller Straftaten werden unter Alkoholeinfluss begangen. 3900 Schwer- Verletzte u. 400 Tote jedes Jahr ALLEIN auf den Strassen jedes Jahr in DEutschland. Die vielen Prügelopfer von akoholisierten Personen noch nicht mitgezählt…usw.. 10 Millionen Alkoholsüchtige bzw. stark Alkoholsucht-Gefährdete. Folgt man der Argumentation derer, die das Rauchen in allen Gaststätten verbieten, muss man auch den Alkohol dort verbieten. Man kann mit dem Alkoholverbot Gesundheit und Leben vieler Menschen retten. – Nur es tut keiner. Vielleicht spielt auch eine Rolle, dass es die überwiegende Mehrheit ist, die den Alkohl gerne trinkt und es sich nicht verbieten lassen möchte. Die bittere Medizin nur den anderen ?

  4. ALKOHOL UND NIKOTIN SIND DIE SCHLIMMSTEN DROGEN IN DEUTSCHLAND, verheerender als die illegalen, melden die Deutschlandfunk-Nachrichten am 3.IV.13. Quelle ist das neue Jahrbuch Sucht. Es verzeichnet einen weiteren Anstieg des Tabakkonsums bei Jugendlichen. Störungen durch Alkohol sind bei Männern die häufigste Krankenhausdiagnose. Die Deutschen trinken fast zehn Liter Reinalkohol pro Jahr und gehören damit zu den Weltmeistern –>> http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2013/04/03/dlf_20130403_0544_10a3c006.mp3

  5. Vielleicht mal mit „Snus“, Kautabak probieren. Ist billig, gibt’s aber nur in Dänemark und Schweden, sonst in der EU verboten. Dabei gibt selbst die EU-Kommission zu, dass diese Form des Tabakkonsums weitaus weniger gefährlich ist, als die Inhalation — und die Nichtraucher würde es ebenfalls freuen.

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