Ortwin Renn: Zukunft braucht Dialog – Dialog schafft Zukunft

Der Stuttgarter Wissenschaftler Ortwin Renn ist ein international renommierter Experte in Technologie- und Risikoabschätzung. Zur neuen Folge von NOVA ACTA LEOPOLDINA (Bd. 114, Nr. 392) „Nano im Körper“ haben er und seine Kollegin Antje Grobe ein wichtiges Kapitel beigetragen. In „Zukunft braucht Dialog – Dialog schafft Zukunft: Die Debatte um Nanotechnologien“ (S. 63ff) beschreiben die Autoren, „wie gestaltende Dialoge zu einer verantwortungsvollen Entwicklung dieser neuen Technologien beitragen könnten“.

Grundsätzlich stellt das Papier fest, dass die Verbraucher immer noch „mehrheitlich positiv“ dem Nano-Einsatz gegenüber stehen. Für diese Entwicklung ist das Bundesinstitut für Risikobewertung BfR mitverantwortlich. Es geht mit Nano-Technologien kritisch um empfahl, den Einsatz von Nanosilber auf ein Mindestmaß zu beschränken. In Socken beispielsweise sorgt es dafür, dass sie länger frisch halten. Es wird allerdings befürchtet, dass der Masseneinsatz in anderen Kleidungsstücken sowie in der Küche dazu beitragen könnte, die Resistenzbildung von Bakterien therapeutisch nachteilig zu beeinflussen.

Renn und Grobe verweisen auch auf den Bund für Naturschutz Deutschland e.V. BUND sowie Friends of the Earth. Die sprechen sich für ein Moratorium von Nano-Partikeln in Lebensmittel aus beziehungsweise eine Kennzeichnungspflicht. Solche Interventionen müssen nicht unbedingt dilletantisch sein. Die bisher durchgeführten Bürgerdialoge haben, auf beiden Seiten, eine große Vielfältigkeit von Meinungen gezeigt: Experten und Laien. Daraus folgt die Empfehlung: „Expertenwissen und Laienwahrnehmung sollten eher als einander ergänzend, denn als gegensätzlich eingestuft werden.“

Das Fazit des Forscher-Duos: „Gestaltungsdiskurse können wirkungsvolle und demokratisch legitimierte Formen des Abwägens zwischen Risiko und Chancen bereitstellen.“ Sie sehen es als Aufgabe, „mehr dieser Dialog- und Beteiligungsformate zwischen Wirtschaft, Wissenschaft, NGOs und eben auch zwischen Experten und Laien in die politischen Steuerungsprozesse (Governance) für neue Technologien einzubauen“. Zwar gebe es bereits viele dieser Diskursformen, aber „es sind vermutlich weitaus mehr derartige Versuche und Bemühungen notwendig, um die Lücke zwischen Wissen und Moralität in der Bewältigung von Risiken in der modernen globalisierten Welt zu schließen“.

wissenschaftsdebatte.de
, bliebe zu ergänzen, ist einer dieser Dialoge, Diskurse, Beteiligungsformen, die genau das kultivieren, was Renn und Grobe für nötig erachten.

Link: http://www.leopoldina.org/en/publications/detailview/?publication%5Bpublication%5D=485&cHash=e2fcabc3f42c6566e660bc19a19947d0

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Ein Gedanke zu “Ortwin Renn: Zukunft braucht Dialog – Dialog schafft Zukunft

  1. Die Einleitung zu diesem Buch ist unter http://www.acatech.de/fileadmin/user_upload/Baumstruktur_nach_Website/Acatech/root/de/Publikationen/acatech_diskutiert/Nano_im_Koerper_Einleitung.pdf online verfügbar. Darin heißt es u.a.:

    „Während etwa gentechnisch veränderte Lebensmittel als solche gekennzeichnet werden müssen, ist es für den Verbraucher derzeit nicht ersichtlich, ob er ein Produkt mit Nanozusätzen kauft. Könnte die Einführung eines Nanolabels hier Transparenz schaffen? Diese und andere Fragen der Nanore-gulierung werden seit Jahren von Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Verbraucherverbänden disku-tiert. Es fehlt aber schon an einer allgemein anerkannten Definition von „Nano“: Sollen Nanopartikel allein durch ihre Abmessungen definiert werden, oder ist – beispielsweise für eine toxikologische Bewertung – eher deren Funktion und Reaktivität relevant? Reichen die üblichen mengenbezogenen Definitionen von Schwellenwerten nach dem Grundsatz, dass die Dosis das Gift macht, bei „Nano“ aus? Oder muss man neben der Gewichtsmenge auch die Zahl und die Oberfläche der Teilchen als neue relevante Maßstäbe anlegen, da diese Maße die Reaktivität bestimmen?

    Tatsächlich hat es schon mehrere Wellen medialer Aufmerksamkeit gegeben, deren Ausgangspunkt weniger konkrete Gefahren waren als Stellungnahmen und Positionspapiere, in denen diese beschworen wurden: So wurde ein Hintergrundpapier „Nanotechnik für Mensch und Umwelt“ des Um-weltbundesamtes, das im Oktober 2009 erschienen ist, von vielen Medien als Warnung vor der Nanotechnologie interpretiert: So hieß es am 21. Oktober 2009 „Riskanter Schokoriegel“ auf Seite 1 der Süddeutschen Zeitung und auf Spiegel online: „Umweltbundesamt warnt vor Nanotechnologie“. Nach ein paar Stunden der Recherche konnte dieses Online-Portal die Sache realistischer einschät-zen: „Umweltamt relativiert Nano-Warnungen“. In der „tageszeitung“ vom 23. Oktober 2009 brachte es dann ein Bericht von Niels Boeing auf den Punkt: „Die Nanotechnik birgt einige Risiken. Das allerdings ist seit langem bekannt und nur die halbe Geschichte.“

    Das Sondergutachten „Vorsorgestrategien für Nanomaterialien“ des Sachverständigenrats für Umweltfragen las sich zwei Jahr später ähnlich: Anlass für die Anwendung des Vorsorgeprinzips müsse bereits die vorliegende „abstrakte Besorgnis“ sein. Es wundert da kaum, wenn Öko-Verbände nicht nur mehr Transparenz fordern, sondern erstmal Nanomaterialien aus Lebensmitteln und Kosmetik ganz verbannen wollen, bis deren Ungefährlichkeit nachgewiesen ist. So ist die Verwendung von Nanoteilchen in Naturland-zertifizierten Lebensmitteln und Kosmetika verboten.“

    Fazit:
    „Es kann in dieser Debatte nicht einfach darum gehen, Verbraucher von den Segnungen der Nanoprodukte zu überzeugen. Vielmehr haben die Hersteller die Bedenken und Wünsche der Verbraucher zu beherzigen. Sonst könnte ein ähnliches Akzeptanzproblem wie bei der Grünen Gentechnik drohen. Die Akademien können solch einen Dialog um Innovationen begleiten und gestalten im Sinne einer Beratung von Politik und Gesellschaft.“

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