Bürgerstiftungen als Mitgestalter wissenschaftlicher Partizipation?

Das größte Kapital eines Staates und dessen Gemeinwesens sind seine Bürger. Sie formieren sich immer mehr zur Bürgergesellschaft und haben als Finanzquelle Bürgerstiftungen erfunden. Das Buch „Diskurs Bürgerstiftungen“, herausgegeben von Aktiver Bürgerschaft e.V., zeichnet ihre steile Karriere nach.

Die erste in Deutschland wurde vor 15 Jahren vom Bertelsmann-Chef Reinhard Mohn nach US-amerikanischem Vorbild gegründet. 2012 gab es bereits 326 Bürgerstiftungen mit einem Kapital von über 200 Millionen Euro. Sie sind Ausdruck eines aufgeklärten, sich einmischenden Bürgertums und dessen „Katalysator und Motor“, notiert das Diskurs-Buch.

Einer der
Veteranen und langjährigen Anwälte von Bürgergesellschaft und Bürgerstiftungen ist Rupert Graf Strachwitz, auch bekannt als Leiter des Maecenata Instituts, das regelmäßig die neuesten Forschungsergebnisse zu diesem Thema publiziert. Er würdigt in dem vorliegenden Diskurs den „Anbruch einer neuen Zeit“, in dem sich „zivilgesellschaftliches und philanthropisches Handeln für freiwilliges, selbstorganisiertes, kollektives und öffentliches Handeln zugunsten der ganzen Gesellschaft“ ausdrückt.

Ausführlich auseinander setzt sich damit der Geschäftsführer der Aktiven Bürgergesellschaft, Stefan Nährlich. Wichtigstes Merkmal von Bürgergesellschaft und Bürgerstiftungen ist für ihn die finanzielle Unabhängigkeit vom Staat. Nur das erlaubt, eigene und selbstbestimmte Ziele zu verfolgen. Freie Bürger orientieren sich am Gemeinwohl, anders als die Wirtschaft, die nach Gewinnmaximierung strebt. Das macht den „Dritten Sektor“, neben Staat und Wirtschaft, zu einer tragenden Säule der Gesellschaft.

Die Bürgerstiftungs-Diskurs bietet eine beeindruckende Bilanz, aber wenig wirklich Neues. Die Vielzahl der englischsprachigen Begriffe weist auf den Import der Bürgerstiftungen aus der angelsächsischen Kultur hin. In den USA gibt es sie bereits seit 99 Jahren. Inhaltlich bleibt die Darstellung innerhalb der bekannten Horizonte. Hermann A. Klasen von der Oldenburgischen Bürgerstiftung beschreibt sie zwar als „Salz in der Suppe“ im Bildungs- und Sozialbereich ebenso wie in der Kunst und Kultur, nennt aber die Wissenschaft als deren einflussreichster Akteur nicht.

Die bringt die Ingenieurin Maren Heinzerling, Gründerin der Bürgerstiftung Berlin, ins Spiel. Ehrenamtliche Physikpaten veranstalten für sozial benachteiligte Kinder sogenannte Zauberstunden. Das sind Experimente zu physikalischen Alltagsphänomen. Damit will die Stifterin Begeisterung für die Naturwissenschaften entfachen und Nachwuchs heranziehen.

Die Forschung verdient zweifellos, insbesondere von Bürgergesellschaft und deren Stiftungen, viel mehr Beachtung. In der modernen post-industriellen Gesellschaft sind Wissenschaft und Technologie der Schrittmacher der Gesellschaft und des Fortschritts, mitunter auch Minenleger.

Nano-Partikel in Kleidung und Essen etwa stoßen bei vielen Menschen auf Bedenken und erfordern mehr Dia-, Multilog und Debatte, wie der Risiko- und Governance-Forscher Ortwin Renn verlangt. Das ruft nach mehr unabhängigen, selbst organisierten Initiativen, im von Nährlich und Strachwitz definierten Sinne: Und zwar nicht nur sozial-edukativ-kommunal, sondern auch in der Forschung, deren Risikowahrnehmung und Akzeptanz.

Hier wartet ein riesiges, bisher wenig wahrgenommenes Diskurs-Potenzial für den Dritten Sektor. Mit dieser Ausrichtung könnten sich deutsche Bürgerstiftungen von ihren Vorbildern emanzipieren, innovative Wege beschreiten und selber zum Vorbild werden für die weltweit fast 2000 Bürgerstiftungen.

http://www.aktive-buergerschaft.de/buergerstiftungen/band_buergerstiftungen

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