Kunst ist das Gegengift

Frank Schirrmacher über den Geist des Informationskapitalismus und eine neue Bürgerrechtsbewegung

»Edward Snowden ist ein Geschenk des Himmels«, sagt Frank Schirrmacher. Foto: Laura Poitras, Praxis Films, Wikimedia Commons

„Edward Snowden ist ein Geschenk des Himmels“, sagt Frank Schirrmacher in der Berliner Universität der Künste. Die hatte den Feuilleton-Chef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zum Abschlussvortrag ihrer Studium-Generale-Reihe (1) eingeladen, und der Vortragsraum im Konzerthaus der Universität ist überfüllt.

Eigentlich sollte Schirrmacher über den „Geist des Kapitalismus“ sprechen, und zwar jener neuen „Informationsökonomie“, deren historische Genese und düstere Perspektive er in seinem Anfang des Jahres erschienenen Buch „Ego, das Spiel des Lebens“ dargestellt hatte. Inzwischen hat die Debatte über die gesellschaftlichen Folgen der Informationstechnik mit den Enthüllungen des amerikanischen NSA-Dissidenten Snowden eine neue Dimension erreicht: Es geht um die Abwehr des digitalen Überwachungsstaates und die Verteidigung bürgerlicher Grundrechte.

Ein riesiges Thema, ein neuer „Kalter Krieg“, dessen Ausgang ungewiss ist. Schirrmachers frohe Botschaft, dem Ort des Auftritts geschuldet: die Künste können uns retten. Ihr Kreativitätspotenzial, ihre Unberechenbarkeit sind das „Gegengift“, sind Sand im Getriebe der Informationsökonomie.

Technologie des Mißtrauens

Schirrmachers Ausgangsthese beruht auf einem der wirkungsreichsten Transferprozesse zwischen Wissenschaft und Wirtschaft in der Geschichte der Menschheit. Unmittelbar nach dem größten Betriebsunfall der Naturwissenschaften – der Entdeckung der Kernspaltung und ihre kriegstechnische Nutzbarmachung in Gestalt der Bombe – wurde wichtige Teile dieses Wissenschaftspotenzials via Informationstechnik und Mathematik für den „Kalten Krieg“ nutzbar gemacht. Es galt, nicht nur die Flugbahnen der atomaren Interkontinental-Raketen ballistisch zu berechnen, sondern den Gegner insgesamt, sein Verhalten, zu simulieren. Sein schändliches Tun im Computer vorauszuahnen. Dieses Mißtrauen gegenüber dem anderen ist bis heute ein zentraler Wachstumsstrang der Informatik: die Vorhersage des menschlichen Handelns durch Nutzung seiner Daten.

Der zweite epochale Schritt ist laut Schirrmacher die Verknüpfung der Informationstechnik und dem Quantensprung des Internet mit der neoliberal gewendeten Ökonomie (in Abkehr von der sozialen Marktwirtschaft). Dies machte an den Börsen den Hochfrequenzhandel möglich und dem Aufbau von irrsinnigen Finanzmärkten, die sich zum Schluß über das Muster der Bankenkrise kompletter nationaler Volkswirtschaften bemächtigen und diese qua Computer-Logarithmen steuern. Die Politik ist nur noch passiv Getriebener. Zweiter Auswuchs ist das Entstehen gigantischer digitaler Daten-Imperien wie Google, Facebook und Amazon, denen es gelang, mit dem Internet erfolgreiche Geschäftsmodelle zu realisieren. Die Schattenseiten: Hoher Grad an Kundenmanipulation, rechtsfreie Räume (Datenschutz, Steuerhinterziehung) und – durch Snowden jetzt thematisiert – die Zusammenarbeit mit dem US-Geheimdienstkomplex.

Das digitale Ich: Die Kopie wird zum Original

In der Summe, und das ist die Botschaft von Schirrmachers analogem Digital-Buch, sind alle Akteure dabei, neben dem realen Ich des Menschen ein „digitales Ich“, eine zweite virtuelle Personalität zu schaffen, die in den neuen digitalen Infrastrukturen von Wirtschaft, Staat und Social Networks der Gesellschaft dann eine höhere Authentizität besitzt als das Ursprungs-Ich. Dem realen Menschen misstrauen die IT-Systeme, seinem digitalen Ich nicht, denn dort ist er von vorne bis hinten durchleuchtet.

Das sei kein „1984“ von George Orwell auf modern, sagt Schirrmacher vor den Kunststudenten. Die heutige Bog Brother-Welt ist keine digitale Diktatur, sondern funktioniert dank Freiwilligkeit und mit positiven Anreizen, Incentives. Keiner braucht sein tägliches Gesundheitsverhalten bei der zentralen Volksgesundheitsbehörde zu melden. Aber wer so nett ist, seine elektrische Zahnbürste auch ans Internet anzuschließen, damit der Hersteller erfährt, wie intensiv sie genutzt wird und auch die Zahnärztekammer und auch die Krankenversicherung etc, der bekommt ein kleines Gimmick.

Das ist auch der nächste Schritt, ergänzt Schirrmacher, der nicht erst bevorsteht, sondern jetzt schon stattfindet: Das Internet der Dinge. Die Gegenstände – jeder mit einer eigenen IP-Adresse – kommunizieren selbständig, ohne Zwischenschaltung des Menschen. Bzw. der Mensch wird in die Maschine hineingeholt. Das Auto ist derzeit ein prominenter Ort derartiger Integrationen: Autonomes Fahren, das Fahrerlose Auto kann die Vision des „unfallfreien Verkehrs“ Realität werden lassen. Aber nur unter Ausschaltung des Gefährdungspotenzials „Mensch“.

Auch der heutige Aufsichtsrats-Chef von Google, Eric Schmidt, hat ein Buch geschrieben. „The New Digital Age“. Es ist die Kontradiktion zu Schirrmachers Warnruf: Alles wird gut. Im Frühjahr war Schmidt auf Werbereise in Deutschland für die deutsche Ausgabe (der Titel mit arg gekünstelter Anlehnung an den wissenschaftshistorischen Bestseller „Vermessung der Welt“).

„We are horrified“

Es handele sich um den großen Entwurf einer „neuen digitalen Planwirtschaft“. Schirrmacher fragt: „Warum lässt die Politik die Informationsmonopolisten so ungehindert gewähren?“ (2). Der FAZ-Journalist berichtet in der UdK, wie er im vorigen Jahr eine Diskussion mit Schmidt in der Berliner American Academy zum nämlichen Thema geleitet habe. Das digitale Ich dominiert jetzt das reale Ich, war die Botschaft. „Nach der Rede meldeten sich einige der amerikanischen Fellows zu Wort. „We are horrified“ (“Wir sind entsetzt“), sagten sie.“ Schmidt seinerseits war überrascht. Von NSA, PRISM, Snowdon war da in der Öffentlichkeit noch nichts bekannt.

Wie umgehen mit diesem Datenskandal, den einige bereits als das „Tschernobyl“ des Informations-Zeitalters gewichten? Schirrmacher stellt „Transparenz“ an die erste Stelle. Aufklärung dessen, was geschehen ist und künftige Sichtbarmachung dessen, was geschieht. Das könnte eine große Zeit für unabhängigen Journalismus werden. So kamen auch die Snowden-Berichte in die Welt.

„Dabei ist Journalismus sehr wichtig, um diese Dinge auch öffentlich zu machen, also Fälle, in denen Menschen Nachteile erwachsen, wenn sie durchsichtig werden. Diese Geschichten müssen erzählt werden“, sagt Schirrmacher an anderer Stelle. (3)

NSA-Angriff auf die Menschenwürde

Zweites Petitum Schirrmachers ist das Recht, die Betonung er Rechtstaatlichkeit und der ihr zugrunde liegenden Werte. „Was NSA macht, ist ein Angriff auf die Menschenwürde. Denn sie stellen ALLE unter Verdacht, nicht nur einzelne Verdächtige“, betont der Frankfurter Journalist. Mit dieser „Verdachtsökonomie“ gehe der Verlust an persönlicher Freiheit einher. „Wir sind jetzt in einer Übergangszeit“, sagt Schirrmacher. Snowden markiere nicht das Ende einer verheerenden Entwicklung, sondern einen Wendepunkt. In diesem Sinne komme er zum richtigen Zeitpunkt, ein „Geschenk des Himmels“.

Jetzt sei die Zeit gekommen, dem Informationskapitalismus etwas entgegenzusetzen. Dessen Ausgangspunkt sei das rationale Selbstinteresse und nicht das Interesse an der Gemeinschaft.

„Wir brauchen Menschen und Einrichtungen, die dagegen angehen“. Dazu gehöre die Kunst, weil sie unberechenbar sei. „Sie ist ein Gegen-Narrativ.“

Schirrmacher erwähnt das MPI für Bildungsforschung, dessen Professor Gigerenzer er sehr schätzt. Aus seinen Forschungen weiß er um Potenziale des Menschen, die niemals maschinenkonform werden können. „Unberechenbarkeit“ nennt er es. Dazu zählt die Rolle der Intuition.

Berlin: „Hier ist das Gegengift“

Der Mann aus Mainhattan begeistert sich für Spree-Athen, der „Arm, aber sexy“-Hauptstadt, die sich neuerdings mit seiner hippen Gründerszene zu Europas Silicon Valley aufschwingen will. Lebendige Kreativszene und starke Humanwissenschaften – „Berlin ist der Ort, wo alles dafür vorhanden ist“, sagt Schirrmacher „Hier ist das Gegengift“. Die Barrikaden gegen den Informationskapitalismus können eigentlich nur hier gebaut werden. „Es geht darum, ein Gegenprogramm zu entwickeln. Ein Programm zum eigenen Denken“.

In Skandinavien entsteht jetzt das Schulfach Meditation. Das sei der Anfang einer Gegenbewegung. Vergleichbar mit der Einführung des Schulsports im 19. Jahrhundert, weil den Fabrikarbeitern bei monotonen Bewegungen die Muskeln verkümmerten. Auch das Buch werde seine Bedeutung als Trainings-Instrument zum Denken behalten – „Print als Therapie“ (4).

Es ist ein warmer Sommerabend. Vielleicht zu spät für revolutionäre Anwandlungen. Der Applaus der der Studenten ist freundlich, aber nicht euphorisch. In der Stadt wird tags drauf von keinem Medium über die UdK-Veranstaltung berichtet. Berlin, die Medienhauptstadt, hat große Medienprobleme.

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2 Gedanken zu “Kunst ist das Gegengift

  1. Ergaenzend noch ein TV-Beitrag von der letzten Zapp-Sendung, in der es darum geht, warum es den Medien nicht gelingt den Skandal an die Buerger zu vermitteln:

    > NDR ZAPP 07.08.2013: Der unverstandene Skandal

    http://www.youtube.com/watch?v=dWvEUQI6r5o

    Die Antwort wird leider nur kurz erwaehnt: weil plastische Beispiele fehlen. Und die fehlen, weil Journalisten nicht mehr in der Lage sein duerfen, ein Thema ueber langen Zeitraum zu verfolgen. Das waere hier aber noetig, um zB mehr als diese 3 Beispiele der BZ bringen zu koennen:

    http://www.berliner-zeitung.de/spionage-skandal/ueberwachung-wie-der-geheimdienst-unschuldige-buerger-ausspaeht,23568638,24032024.html

    Hier wurden zB alleine 2007 schon einige Faelle gesammelt:

    http://rollmops.wordpress.com/2007/12/28/amtliche-datenpannen/

    und seitdem sind noch Dutzende hinzu gekommen. Sowas ausbuddeln, ordentlich aufbereiten und gross rausbringen – der Aufschrei waere sofort ungleich groesser. Aber das macht halt Arbeit…

  2. Kunst gegen Spionage und Angriff auf die Bürger- und Menschenrechte rät der große Intellektuelle und Konservative Frank Schirrmacher. Unterdessen schlägt NSA weiterhin hohe Wellen. Was lässt sich tun? Kopf in Sand oder Jetzt erst recht? Zwei aktuelle Stimmen, von denen eine den Datenjournalismus propagiert. Er wird von Wissenschaftsjournalisten immer mehr zur Überprüfung zweifelhafter wissenschaftlicher Daten herangezogen. Insofern hat das ganze Thema auch große Relevanz für die Wissenschaftsdebatte.

    „Ueberwachung (…) ist kein Schicksal, sondern eine Folge der Anmaßung des Staates, der Ignoranz der Bürger und technischen Struktur des Internets selbst. Sie markiert einen epochalen und (…) bewussten Bruch mit der westlichen Idee des Rechtsstaats (…) Im digitalen Panoptikum von Prism, Tempora und aehnlichen Systemen ist jeder verdaechtig – von vornherein und ohne Begruendung. Wer dies aus Naivität oder Fatalismus akzeptiert, verabschiedet sich von einer historischen Errungenschaft.“

    [Zeit Wissen 5/2013, S. 32, „Das Netz neu erfinden“, Niels Boeing]

    Als „Gegengift“ gegen Apathie und Kontrollverlust empfiehlt Michael Seemann in der von der Augstein Stiftung und Gesine Schwan unterstützten CARTA: den Spieß umdrehen, mehr Öffentlichkeit, mehr Netz: kurz Netz 3.0. Ein Auszug:

    Game over, die Privatsphäre ist tot, die NSA hat lediglich ihren Stempel darunter gesetzt. Je schneller wir das begreifen, desto schneller werden wir wieder handlungsfähig.

    Es macht keinen Sinn mehr, Leute davon abhalten zu wollen, Daten zu sammeln und/oder auszuwerten. Wer mit genug Macht ausgestattet ist, wird sich über Regelungen hinwegsetzen.

    Auch im Neuen Spiel kämpfen wir gegen Überwachung. Aber mit anderen Mitteln und anderen Zielen. Es heißt Transparenz und Vernetzung.

    Noch nie in der Geschichte der Menschheit konnten einzelne Menschen Staaten auf so grundsätzliche Weise herausfordern. Noch nie konnten sich Menschen so aktuell und umfassend informieren. Noch nie konnten sie sich so schnell und effektiv organisieren, zu Petitionen, Protesten oder gar Ausschreitungen.

    In Deutschland haben Aufschrei, das Refugeecamp, Guttenplag und viele andere Projekte gezeigt, wie man mit Daten (ihrer Erzeugung, Vernetzung und Auswertung) Aktivismus betreiben kann. Open Data, Open Source, Open Everything sind die emanzipativen Forderungen der Zukunft, die es erlauben werden, die Mächtigen besser zu kontrollieren.

    Seid öffentlich, traut euch, angreifbar zu sein. Wenn ihr es für die Öffentlichkeit seid, dann seid ihr es nicht mehr für die Geheimdienste.

    Wir brauchen mehr Whistleblower, mehr Kampagnen, mehr Daten, mehr Vernetzung, und vor allem brauchen wir mehr und bessere Datenauswertung. In Deutschland zeigt OpenDataCity bereits, wie man mit intelligentem Datenjournalismus politisch agieren kann. Big Data hilft bereits auf vielen Ebenen, die Gesellschaft zu verbessern.

    Das alte Spiel ist verloren, aber wir spielen jetzt ein besseres. NSA hat 10 Milliarden Dollar Budget zur Verfügung, um uns zu überwachen. Doch wir, die Restweltgesellschaft, geben allein dieses Jahr 3,7 Billionen Euro für Informationstechnologie aus. Im neuen Spiel haben wir mehr Köpfe, mehr Prozessorkerne und sogar mehr Daten zur Verfügung, als die NSA je haben könnte, und mit dem Internet haben wir ein Instrument, all diese Kräfte zu organisieren.

    Es wird Zeit für ein neues ziviles Selbstbewusstsein.

    Alles auf Anfang.

    [carta – 14.08.2013, http://www.carta.info/62656/10-thesen-zum-neuen-spiel%5D

    DANKE WKL FÜR DAS PRESSEECHO

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