Zen des Reparierens

Der Geist des Weltbestsellers „Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten“ hängt in der Vespa-Werkstatt Vesbar in der Münchner Maistraße. Das Kultbuch der 1970er Jahre scheinen den Hanser Verlag und den Generaldirektor des Deutschen Museum Wolfgang M. Heckl zu einer Überarbeitung und aktualisierten Neuauflage inspiriert zu haben. Das Ergebnis ist „Die Kultur der Reparatur“, ein gut lesbares Buch von knapp 200 Seiten, das man an einem langen Abend leicht bewältigt, mit wichtigen neuen Erkenntnissen.

Im locker-launigen Gespräch mit dem Astrophysiker Harald Lesch stellt Heckl, neben einer Bayern-Vespa mit Lederhosensitz, seine Botschaft in den Raum: Reparieren entschleunigt, macht nicht nur glücklich, sondern ist auch ein Segen für den Planeten, denn: Wenn zehn Milliarden Menschen elektrische Zahnbürsten erwürben und die nach kurzem Gebrauch wegwerfen wollten, so wie unsere Gesellschaft das mit den meisten Gütern zu tun pflegt, wäre der Planet Erde verloren.

Was die beiden renommierten Physiker vor 40 Journalisten, Vespa-Fans und Schraubern, klein aber fein, inszenieren, ist harsche Gesellschaftskritik und, wenige Tage vor den Bundestagswahlen, ein Stück alternativer Wahlkampf, der so in der öffentlichen Arena nicht stattgefunden hat. Keine Partei, insbesonders die Regierenden, haben den Mut zu grundsätzlichen Aussagen über unsere Zukunft gefunden, der Dialog darüber wurde den Wählerinnen und Wählern sozusagen verweigert (TELI-Presse-Info -> http://www.wissenschaftsdebatte.de/?p=4166): dass eine auf ungezügelten Konsum ausgerichtete Wachstumsgesellschaft mit den beschränkten Ressourcen dieser Welt unweigerlich in Konflikt gerät.

Professor Heckl, gelernter Nano-Physiker mit einem Lehrstuhl für Wissenschaftskommunikation, mahnt zur Umkehr. „Wir, die Konsumenten, haben die Macht zu einer Gegenbewegung“, sagt er, unter Vespa-Ersatzteilen stehend. Er selber kaufe nur langlebige Produkte mit einer Garantie für Reparatur. Dass die Industrie diese mitliefert, „müssen wir einfordern“, verlangt er, und : „Lieber eine Kaffeemaschine mit einer Lebensdauer von 20 Jahren als zehn, die nur zwei Jahren halten!“ Ziel der Wirtschaft sollten längere Haltbarkeitszyklen sein, etwa nach der Faustregel: „Fünfzig Prozent und mehr der Waren müssen reparierbar sein, bevor sie auf dem Schrott zum Recyceln landen“, sagt Heckl und erinnert daran: „Auch die Recycling-Verfahren kosten enorm viel Energie.“

Lesch führt in dem Gesprächs-Pingpong den im Deutschen bisher kaum üblichen Begriff der „Obsoleszenz“ ein, der künstlichen Alterung von Produkten. Viele technische Produkte sind bereits beim Kauf obsolet, haben ein absichtlich eingebautes Verfalls- und Wegwerfdatum. Etwa jene elektrischen Zahnbürsten, weiß Heckl, deren Akku nach zwei Jahren verbraucht und für wenig Geld ausgetauscht werden müsste, nur: Die Hülle des Geräts lässt sich nicht mehr öffnen. Und als praktische Lehreinheit erklärt der Reparateur, wie sich Hüllen mit dem Dremel aufschneiden lassen und müde Akkus im Nullkommanichts ersetzen lassen. Ätsche, bätsche, dem konsumgeilen und die Zukunft aufs Spiel setzenden Raubwirtschafts-Kapitalismus wieder ein Schnippchen geschlagen.

Heckls Empfehlung, um dieser Ressourcenverschwendung systematisch einen Riegel vorzuschieben: Alle Produkte müssten, ähnlich wie Elektrogeräte hinsichtlich ihres Energieverbrauchs, einen Pass erhalten, der die zu erwartende Lebensdauer genau ausweist. Das würde Transparenz schaffen und den Verbrauchern reinen Wein einschenken.

Die Ethik des Genugs und der vernachlässigte Verbraucherschutz ist nicht Heckls, Hansers und Leschs einzige Botschaft an diesem Abend. Reparieren ist pädagogisch heilsam, verbindet in unserer klickintensiven Computerwelt wieder Hirn und Finger, ganzheitlich-kreativ und intelligenz-fördernd. Beim Reparieren gewinnt der Mensch das verloren gegangene Verständnis für die technische Welt zurück, lernt zwischen Ursache und Wirkung zu unterscheiden, wird Analytiker und Stratege, tritt wieder in Austausch mit seiner Umwelt, sei es handwerklich geschickten Nachbarn oder Reparatur-Affinen in wie Pilze aus dem Boden schießenden Reparatur-Cafés.

Der Technik- und Wissenschaftsjournalist Bernd Schöne pflichtete dem Trio im Großen und Ganzen bei, gab aber zu bedenken, dass die Reparatur-Kultur und die Ethik dahinter bereits seit Jahrzehnten verloren gehe und wichtiges Knowhow unwiederbringlich verloren gegangen sei. Er bedauerte, dass den meisten Produkten seit langem keine Schaltpläne mehr beigelegt seien. Auch hierzu müssten die Hersteller verpflichtet werden, damit die neuen Reparaturnischen eine solide Zukunft haben und keine Luftschlösser sind.

Damit haben Vespafahrer wenig Probleme. Alles an ihren Gefährten ist technisch übersichtlich. Das ganze Zweirad lässt sich in alle Einzelheiten zerlegen und wieder zusammensetzen. Und wer Schwierigkeiten damit hat, findet in der Münchner Vesbar (www.vesbar.de), beim Espresso an der Bar, professionelle Hilfe. Gründer Jörg Steinmetz, studierter Innenarchitekt, entdeckte die Reparatur-Marktlücke bereits vor einem Jahrzehnt. Mit einer Handvoll Mechaniker sorgt er im Herzen Münchens dafür, dass der Italo-Motorino Kult weiterlebt, charmant, menschlich herzlich – in der suizidalen Wegwerfgesellschaft ein wichtiges Überlebenszeichen setzend.

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2 Gedanken zu “Zen des Reparierens

  1. @Hans Dieter: Naja, es wäre noch zu prüfen, ob die Herstellung und das Wegwerfen von Stahl-Rasierklingen nicht umweltschädlicher ist, als das bisschen Strom, die ein Elektrorasierer verbraucht.

  2. Frage an Professor Heckl. Wozu brauche ich eine Kaffeemaschine? Ich brühe meinen Kaffee ohne weitere Hilfsmittel in der Kanne auf. Bin offenbar ein Muster an „nachhaltiger Lebensführung“. Ich habe noch so ein paar tolle revolutionäre Vorschläge: Rasierklinge statt elektrischer Rasierapparat, Fahrrad statt Vespa, usw. Alles Pipífax, es gibt wahrhaftig wichtigere Dinge zu diskutieren.

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