Overnewsed but underinformed

Diese Diagnose hat Axel Grychta der modernen Informations- und Wissensgesellschaft gestellt. Der Philosoph, Naturwissenschaftler und Unternehmer traf sich auf der WissensWerte in Bremen mit TELI-Mitgliedern. Dort diskutierte er mit ihnen zwei Stunden lang die TELI-Wissenschaftsdebatte. Dazu hatte er ein lesenswertes Thesenpapier mitgebracht (im zweiten roten Kasten zum Herunterladen), das mit insgesamt 74 (!) Fragen gespickt ist, aus denen er u. a. das obige Statement ableitete.

Nur am Rande: Mit der Over-under-Dialektik hatte bereits der Playboy-Erfinder Hugh Hefner jongliert, als er vor Jahrzehnten seinen Landsleuten bescheinigte: US-Americans are oversexed but underfucked.

Grychta legt seinen Finger auf viele Wunden der Hightech-Gesellschaft, die ihre Krisen selber verursacht: die Ausplünderung des Planeten und dessen Vergiftung, den Treibhauseffekt und letztlich – siehe Überschrift – die zunehmende Desorientierung, eine Vergiftung der Gehirne.

Müsste nicht genau diese Risiken die W-Debatte ins Fadenkreuz nehmen? Aber ist die Wissenschaft überhaupt die richtige Instanz, diese Fragen zu stellen und hierauf Antworten einzufordern? Grychtas Papier endet mit folgenden acht Fragen:

Warum gibt es Betrug in der Wissenschaft?
Ist das systemimmanent?
Publish or perish, Klasse statt Masse?
Kann Wissenschaft frei sein?
Ist sie nicht gelenkt von den Eigeninteressen der Individuen?
Ist sie nicht gelenkt von den Fördertöpfen der Politik?
Beisst ein Hund die Hand, die ihn füttert?
Spätestens seit Kuhn wissen wir auch, dass wissenschaftliche Ergebnisse, die nicht „ins Bild passen“, von der Scientific Community totgeschwiegen oder schlicht „verboten“ werden.

Kann also die Wissenschaft die Instanz zur Beantwortung zukunftsorientierter Fragen sein?

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3 Gedanken zu “Overnewsed but underinformed

  1. Also ich sehe hier eigentlich nur eine sehr gelungene und bewusst kecke Anspielung auf das im Text erwaehnte Hugh Hefner-Zitat „oversexed but underfucked“. Ein sehr ironischer Umgang mit auch einer Wissenschaft – der Linguistik. Aber damit gehen die West-Angelsachsen wohl unbeschwerter um, als die Germanen…

  2. Vielen Dank, liebe Kollegin, für die Rückmeldung! Ich gebe Ihnen grundsätzlich Recht: Wir sollten auf Englisch und Denglish verzichten. Andererseits hat die Debatte auch einen englischen Untertitel, nämlich Science Debate Germany 2009, um sie auf andere Länder in Europa zu übertragen. Gleichzeitig wird unsere Sprache, auch als Ergebnis der europäischen Einigung, immer mehr vom angelsächsischen Idiom als Verkehrssprache beeinflusst. Ob die vielen englischsprachigen Titel in unserer Zeitschriftenwelt wirklich nötig sind, darüber könnte man sehr unterschiedlicher Meinung sein. Aber sind wir mal ehrlich: Overnewsed und underinformed versteht doch jeder, deshalb sollten wir nicht zu sprachpuristisch sein. Und wenn darüber in unserer Zunft eine Diskussion entsteht, ist das doch auch nicht sooo schlecht.
    Schöne Grüße
    Wolfgang Goede

  3. Ich muss mal meckern, weil ich denke, das Problem betrifft Teli und sein Renomee in der Öffentlichkeit.
    Ich habe seit einiger Zeit eine Verlinkung zum Teli-Blog in meinen Mails.
    Jetzt habe ich richtig Zunder bekommen, wegen des ewigen Denglischs hier im Blog.

    Wie wir ernst genommen werden wollen, wenn wir uns hier denglische Begriffe ausdenken usw.

    Ich bin regelrecht wegen der hier gemachten Überschrift ausgelacht worden.

    Es heißt nicht. Overnewsed but underinformed
    Das ist völliger Quatsch

    Es heißt: news-glutted but ill-informed

    Könnten wir uns vielleicht darauf einigen, dass wir, die wir kein Englisch beherrschen – das im öffentlichen Teli-Blog auch lassen? Ich finde, wer meint, er müsse sich englisch äußern, sollte die Sprache erst einmal lernen. Ja, auch ich kann kein Englisch.

    Nur ein Denkanstoss. Ansonsten nehme ich die Verlinkung aus meinen Mails. Ich habe keine Lust, weiterhin zum Gespött von nicht Telianern zu werden.

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