Wissenschaft mit Wirkung: schneller – tiefer – weiter!

Nicht nur auf der Bremer WissensWerten stand der Wissenschaftsjournalismus auf dem Prüfstand. Auch an der Universität von Mexiko UNAM diskutierten Experten aus Kommunikationsforschung und journalistischer Praxis: Wie lassen sich Wissenschaft, Technologie und Innovationen des Schwellenlandes wirksamer in die Medien und zu den Bürgern bringen? Die Ergebnisse aus Mexico City lassen sich auf viele andere Länder, in Lateinamerika und anderswo übertragen.

Der US-Amerikaner Erik Vance, der seit zweieinhalb Jahren aus Mexiko unter anderem für National Geographic berichtet, präsentierte ein sehr pragmatisches Rezept. Wissenschaftsjournalismus ist gelebter Journalismus: seiner Neugier folgen, an ein Projekt oder in ein fremdes Land gehen, sein Interesse zeigen, mit den Menschen reden und darüber schreiben. „Mexiko ist voller spannender Themen“, sagte er und ermahnte die Kollegen aus dem Lande: „Schreibt selbst drüber und lasst den Kuchen wachsen!“ Sonst würden andere kommen und innovative neue Medien gründen.

Horacio Salazar, prominenter mexikanischer Wissenschaftsautor, hat mit der Politik der kleinen Schritte Erfolg gehabt. „Klinken putzen bei den Verlagen und Redakteuren, kleine und überzeugende Wissenschaftsberichte in die Medien bringen – und wenn der Fuß in der Tür ist, sie mit größeren Stücken weiter öffnen, bis das Medium eine regelmäßige Wissenschaftsberichterstattung einführt.“

Auch das ist Pragmatismus, gekoppelt mit viel Mut und Selbstbewusstsein, das Salazar bei vielen seiner Landsleute vermisst. Javier Crúz, Ausbilder von Wissenschaftsjournalisten an der Universität, findet, dass seine Studenten das Zeug dazu mitbringen. „Wir legen größten Wert darauf, dass unsere Studenten sehr viel Vertrauen in ihren Beruf und ihre Mission entwickeln und jedem Forscher die Stirn bieten können.“

Crúz hatte zum anderthalbtägigen internationalen Austausch eingeladen, um mit seinem Team neue Wege und Strategien für die Verbreitung von Wissenschaft zu finden. Er selber ist Mitglied des Ibero-Amerikanischen Netzes zur Förderung des Wissenschaftsjournalismus und Co-Autor einer Publikation über dessen Erfahrungen. Darin hat er die Berichterstattung über den Klimawandel analysiert und bescheinigt den Medien weitgehend Versagen. Sie versetzen die Bürger nicht in die Lage, intelligente Entscheidungen über notwendige Maßnahmen zu treffen.

Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand eine Definition von Wissenschaftsjournalismus, auf die sich alle Teilnehmer geeinigt hatten: Jeder Beitrag muss eine Geschichte erzählen. Sie basiert auf verlässlichen Quellen und breitet ein Forschungsergebnis aus. Die Themenwahl sollte das öffentliche Interesse bedienen. Die Leitfragen lassen sich aus sozialen Netzwerken und Twitter gewinnen. „Diese Methode setzt den persönlichen Vorlieben des Autors und seinen Vorurteilen Schranken“, sagte Crúz.

Weitere Empfehlungen waren: Über das Storytelling dürfen der rationale Teil und die Wissenschaft nicht vergessen werden. Für ein bestimmtes Publikum ist der wichtiger als der emotionale Gehalt. Außerdem sind Fokus und Tempo nötig. „Wir sind viel zu langsam und oft zu oberflächlich“, kritisierte Salazar. Er will dramaturgisch schnellere und tiefer gehende Berichterstattung, die besonders auch die technischen Innovationen zum Thema macht. Diese, so ein weiterer Gedanke, seien der Motor des Fortschritts und des gesellschaftlichen Wandels. Deshalb müssten bei Innovationsthemen auch immer die sozialen Folgen einbezogen werden.

Ein Kardinalthema für die mexikanischen Wissenschaftsjournalisten ist die Ansprache der Redakteure. Die seien „trotz ihrer sozialen Verantwortung an Forschung und Wissenschaft kaum interessiert“, bedauerte Crúz. Eine Einladung zu der Veranstaltung an der Universität von Mexico hätten sie abgelehnt.

Jean-Marc Fleury, Berater der Weltföderation der Wissenschaftsjournalisten, empfahl folgende Taktik: Da Redakteure heute unter großem Erfolgsdruck ständen, sollte man sie eher zu einem Cocktail einladen und ihnen dabei die Lukrativität guter Wissenschaftsberichterstattung erklären, vielleicht sogar in der Redaktion der New York Times . Das Kultivieren einer guten Beziehung koste Zeit und verlange Unabhängigkeit.

Fleury empfahl den Aufbau eines unabhängigen Verbandes von Wissenschaftsjournalisten. Als einen natürlichen Verbündeten zum Aufbau von mehr kritischer Masse bei den lateinamerikanischen Wissenschaftsjournalisten sieht er die Vereinigten Staaten. Dort gebe es, anders als in Europa, Stiftungsgelder dafür. Organisatorische Ansätze gibt es verschiedene. Neben dem derzeit inaktiven Ibero-Amerikanischen Netz zur Förderung des Wissenschaftsjournalismus existiere SciDev.Net sowie der Projektentwurf „Fiesta Ambulante“.

Darüber hinaus gibt es außer Krisendiskussionen und Aufbruchsgeist auch ein Beispiel eines langjährigen Erfolgs. Am 2. Dezember 2013 wird die von der Universität herausgegebene populärwissenschaftliche Zeitschrift „Como ves?“ (Wie siehst du das?“) 15 Jahre alt. Chefredakteurin dieses Erfolgsblattes ist Estrella Burgos Ruiz, Co-Veranstalterin des internationalen Gedankenaustauschs an der Universität.

Im Editorial der 181. Ausgabe schreibt sie, dass „die Wissenschaft ein unvergleichbares Abenteuer“ sei, angetrieben von unserer Neugier, „Transformator und Hoffnungsträger“, Motor unseres Wohlbefindens. Herzlichen Glückwunsch zu diesem Geburtstag mit der Hoffnung auf eine große und glückliche Familie!

Links:

Javier Crúz Mena, Physiker und Wissenschaftsjournalist am Institut zur Verbreitung von Wissenschaft an der Universität von Mexiko (Nacional Autónomo) UNAM
http://www.dgdc.unam.mx/

Interview über die Grundsätze des Wissenschaftsjournalismus
http://www.youtube.com/watch?v=_UUphJeKzYc

Estrella Burgos Ruiz, Chefredakteurin Cómo Ves?
http://www.comoves.unam.mx/

Editorial zum 15. Geburtstag
http://www.comoves.unam.mx/numeros/deentrada/181

Ibero-Amerikanisches Netz zur Förderung des Wissenschaftsjournalismus
http://www.museudavida.fiocruz.br/cgi/cgilua.exe/sys/start.htm?infoid=1339&sid=201

Monitoramento e capacitacao em jornalismo cientifico: a experiencia de uma rede ibero-americana
http://www.museudavida.fiocruz.br/media/monitoramento-e-capacitacao-em-jc.pdf

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