Hans-Peter Dürr:
Nur die Debatte führt uns aus der Krise

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Am Freitag abend stellte der Kernphysiker Hans-Peter Dürr im ausverkauften Münchner Gasteig sein neues Buch vor: „Warum es ums Ganze geht“, erschienen im Oekom Verlag. Der 80-Jährige quirlt vor Energie, so wie seine „Wirks“. Sie ersetzen in seinem neuen Weltbild die Atome. Die mechanistisch-atomistische Welt mit kleinsten Materieteilchen, fein säuberlich in Atomgittern aufgereiht, löst sich auf in eine Quantenwelt. Sie besteht aus Energieteilchen, die alles mit allem verbinden. „Wir sitzen hier nicht nur auf den Stühlen, sondern sind mit allem im Kosmos verbunden, mit allen unseren Fasern darin eingebettet“, sagte der alternative Nobelpreisträger und Schüler Heisenbergs.

„NACHHALTIG HEISST DAS LEBEN LEBENDIGER MACHEN!“

Das schafft eine ganz neue Verantwortung für uns, die Erde und das Universum. Wir sind nicht atomar zersplittert, sondern holistisch ganzheitlich. Das zieht ganz automatisch einen anderen Umgang mit uns und der Natur nach – nachhaltig, aber anders nachhaltig: „Das ist so fürchterlich statisch“, findet Dürr, „für mich ist ’sustainability‘ ein Prozess der Bewegung, der das Leben lebendiger macht“. Vor drei Millionen Jahren war die Erde eine chemische Brühe, aus der der Mensch hervorging. „Wenn dieses Gemenge nur nachhaltig gewesen wäre, wäre die Brühe eine Brühe geblieben“, schmunzelte Dürr.

„DIE WISSENSCHAFTLER KASTRIEREN DAS LEBEN“

In Dürrs holistischem Weltbild verschmelzen Hart und Weich, das Wissen und der Glaube, die Emotionalität und Rationalität, die Sensibilität und die Urteilskraft zu einer ganzheitlichen Dualität und Komplementarität. Sein Bild dafür: „Nehmen Sie ein Vexierbild, auf dem zwei Menschen miteinander zu sprechen scheinen, aus denen durch einen kleinen Perspektivwechsel eine Vase wird.“ So ist auch unsere Welt. Subjekt und Objekt voneinander zu trennen wie in der Wissenschaft, den Forscher auf einen Mess-Experten zu reduzieren oder wie in der Wirtschaft Arbeitsplätze nur nach Rentabilität zu beurteilen, „das kastriert die Welt, holt aus ihm das Leben heraus“, sagte Dürr unter dem Beifall der Zuschauer. Die Wissenschaft muss aus diesem Gefängnis herausgeholt werden, unsere Wirklichkeit als Potenzialität gedacht werden.

„GOTT SEI DANK GEHT UNS DIE ENERGIE AUS!“

Dieses Natur- und Weltbild schafft ein neues Menschbild. Nicht das Gegeneinander und die Konkurrenz, das wider-natürliche, sondern die „mit-natürliche“ Gemeinsamkeit und Kooperation führt zu Leben. „Wir hängen mit allem zusammen und sind unauftrennbare Teilhabende einer einzigen Lebenswelt“, lautet eine der Dürr’schen Kernaussagen. Eine neue Zusammenarbeit sei angesagt, die alle Menschen auffordere, die eigenen Talente zu entwickeln und kreativ zu sein. Die gegenwärtige Krise lasse uns nur eine Möglichkeit, nämlich diesen Weg zu beschreiten. „Gott sei Dank geht uns die Energie aus!“, rief der renommierte Wissenschaftler aus.

EIN HERR PROFESSOR, DER OHNE TITEL AUSKOMMT

Sein Buch zeigt ihn in Gesellschaft mit großen Persönlichkeiten und Reformern, darunter Gorbatschow und Nehru. Auffällig: Der Mann, der größere Höheren als viele seiner Forscherkollegen erklommen hat, wird von keinem im Publikum ehrfurchtsvoll mit „Herr Professor“ angesprochen. Er selbst ist integraler Teil des Ganzen, Partner auf gleicher Augenhöhe und wird intiutiv als ein solcher wahrgenommen. Das machte die Lesung noch „nachhaltiger“!

„NICHT DIE WIRLICHKEIT UNSEREN MODELLEN ANPASSEN – SONDERN DEM FLOW FOLGEN“

Er zitierte eine Weisheit Tibets. Ein Baum, der fällt, macht mehr Krach als ein Wald, der wächst. Unsere ganze Geschichte sei eine der gefällten Bäume. Wir versuchten, die Welt unseren Modellen, nicht zuletzt denjenigen der Wissenschaft anzupassen, während der Taoismus und auch Meister Eckart wussten: Alles ist in Veränderung, modern: Alles ist im Flow!

PLÄDOYER FÜR DEZENTRALISIERTE MACHT – ANWALT DER ZIVILGESELLSCHAFT

Der größte Verbündete zur Öffnung des neuen Denkens ist für Dürr die Zivilgesellschaft. Die Bürgerschaft steht in ihren organisierten Körperschaften an gegen die Zentralisierung von Macht in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. „Jeder ist ein Teil des gesamten Prozesses und muss daran beteiligt werden“, verlangte Dürr, nicht zuletzt in Übereinstimmung mit seinem physikalischen Weltbild, das sich Dezentralisierung auf die Fahnen geschrieben hat.

GEGNER DER ATOMKRAFT UND DER MILITÄRS

Live ist Hans-Peter Dürr viel packender als sein Buch. Spannend und sehr persönlich berichtet er über seine Kriegserlebnisse sowie Lehrjahre in Kalifornien, darunter seine unerfreulichen Erfahrungen mit dem Atomwaffenbauer Edward Teller sowie die Umstände, wie er seine charmante Frau Sue kennenlernte (die bei ATTAC aktiv ist). Die Darstellung seines Weltbildes dagegen liest sich streckenweise hölzern und abstrakt. Das Buch wurde nicht von ihm selber geschrieben, wie Dürr im Gasteig erklärte, sondern von seinen Mitarbeiterinnen Dietlind Klemm und Frauke Liesenborghs zusammengestellt und herausgegeben, als Reverenz zu seinem 80. Geburtstag. Abschließend ein Buchzitat, welches die Bedeutung der Zivilgesellschaft herausstreicht.

DESHALB BRAUCHEN WIR DIE DEBATTE!

„Da die rasante ökonomische Entwicklung der wissenschaftlich-technischen Zivilisation zu den dramatischen ökonomischen, sozialen und ökologischen Ungleichgewichten geführt hat, bestimmen sich die Ziele der Zivilgesellschaft vornehmlich darin, die sich anbahnende Krise allen deutlich zu machen.“

Eben. Auch deshalb brauchen wir die Wissenschaftsdebatte!

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