Lärm macht doch nicht krank!

Stört nicht: Bauarbeiter mit Presslufthammer. oto: Eugen Nosko, Deutsche Fotothek, Wikimedia Commons

Entgegen vieler Mutmaßungen scheint Lärm zumindest an Arbeitsplätzen doch nicht krank zu machen.

Die bisher größte Studie zu Lärm am Arbeitsplatz kam zu dem erstaunlichen Ergebnis, dass es nicht einen einzigen Hinweis darauf gibt, dass Lärm am Arbeitsplatz das Risiko für hohen Blutdruck, Schlaganfall oder andere Herz-Kreislauf-Krankheiten erhöht 1 2 3 4. Nicht einmal die Konzentration des Stress-Hormons Kortisol war bei Menschen erhöht, die in lauter Umgebung arbeiten.

Das war sogar für die Wissenschaftler um Zara Ann Stokholm vom Institut für Klinische Medizin der Universität Aarhus in Dänemark eine Überraschung. »Selbst bei hohen Geräuschpegeln konnten wir nicht den Zusammenhang zwischen Lärm und Herz-Kreislauf-Krankheiten finden, den andere Forscher bei sehr viel niedrigerer Lärmbelastung fanden«, sagt Stokholm.

Die Forscher hatten die Lärmpegel an 76 lauten Arbeitsplätzen gemessen, in erster Linie in Industrieanlagen, aber auch in Kindergärten. 665 Mitarbeiter wurden dabei ganz genau untersucht: Sie trugen während vieler Wochen Messgeräte am Körper, die die Lautstärke, den Blutdruck und den Puls registrierten. Darüber hinaus wurde die Konzentration des Stresshormons Kortisol im Speichel gemessen.

Keine Korrelation

»Dabei fanden wir heraus, dass die Stresshormonkonzentrationen völlig unabhängig davon waren, wieviel Lärm die Untersuchungsteilnehmer ausgesetzt waren. Zumindest nach unserer Studie ist es nicht richtig zu behaupten, dass Kortisol der Grund ist, dass Lärm zu Infarkt oder hohem Blutdruck führen würde«, sagt die Untersuchungsleiterin.

Ergänzend recherchierten die Forscher auch in den nationalen Krankenregistern nach den Krankheitsgeschichten aller Mitarbeiter, die seit 1980 jemals an einer diese 76 lauten Stellen beschäftigt waren. Sie kamen dabei immerhin auf insgesamt 160 000 Menschen. Denn wie in allen skandinavischen Ländern gibt es auch in Dänemark seit vielen Jahrzehnten ein landesweites, alle Einwohner umfassendes Krankenregister, auf das Wissenschaftler zurückgreifen können.

»Wir haben nicht eine einzige Korrelation feststellen können, weder in Bezug auf Bluthochdruck, noch in Bezug auf ein höheres Risiko für Gehirnblutung oder Gehirninfarkt«, sagt Stokholm.

Widerspruch?

Diese Ergebnisse stehen im Widerspruch zu einer britischen Studie, bei der ebenfalls Patientendaten aus einem Krankenregister ausgewertet wurden 5. Die englischen Forscher untersuchten darin die Krankheitsgeschichte von 3,6 Millionen Bewohner im Bereich des Londoner Flughafens Heathrow. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass das Risiko an Herz-Kreislauf-Leiden zu erkranken, bei denen, die direkt unter den Flugschneisen lebten, um 10 bis 20 Prozent höher war als beim Bevölkerungsdurchschnitt.

Die dänischen Forscher kritisieren an diesen Ergebnissen, dass keine Langzeituntersuchungen durchgeführt wurden und dass es natürlich anders ist, wenn Menschen auch in Ruhezeiten aus dem Schlaf geweckt werden – selbst wenn die Lärmpegel um einen Flugplatz herum weit niedriger sind als an lauten Arbeitsplätzen 6.

Anna Hansell, Leiterin der britischen Studie und stellvertretende Direktorin der Abteilung für kleinräumige Gesundheitsstatistik am Imperial College, London, gab ihrerseits zu bedenken, dass Menschen in Arbeit generell gesünder seien 7. Die englischen Studie hätte aber auch Alte und Kranke erfasst. Sie wies außerdem darauf hin, dass viele der dänischen Arbeiter in den Lärmindustrien wohl Ohrenschützer benutzt hätten, und das im Übrigen Menschen, die lärmempfindlich seien, erst gar nicht Jobs in lauter Umgebung annehmen würden.

Die dänischen Forscher stellen denn auch klar, dass eine statistisch nicht nachweisbare Korrelation zwischen Lärmbelastung am Arbeitsplatz und Herz-Kreislauf-Krankheiten noch kein überzeugender Beweis dafür ist, dass es nicht doch vielleicht noch irgend einen Zusammenhang geben könnte.


Ergänzung 2018-11-05: ZDF/Planet e: Infraschall – Unerhörter Lärm: https://www.zdf.de/dokumentation/planet-e/planet-e-infraschall—unerhoerter-laerm-100.html

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Endnote(n):

  1. Lise Brix: Overraskende forskning: Støj på jobbet gør dig ikke syg. Videnskap.dk, 2014-03-21 http://videnskab.dk/krop-sundhed/overraskende-forskning-stoj-pa-jobbet-gor-dig-ikke-syg
  2. STOKHOLM, Zara A. et al (2013): Occupational noise exposure and the risk of hypertension. Epidemiology. 2013 Jan;24(1):135-42. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23191997
  3. STOKHOLM, Zara A. et al (2013): Occupational noise exposure and the risk of stroke. Stroke. 2013 Nov;44(11):3214-6 http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23988647
  4. STOKHOLM, Zara A. et al (2014): Recent and long-term occupational noise exposure and salivary cortisol level. Psychoneuroendocrinology. 2014 Jan;39:21-32 http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24275001
  5. HANSELL, Anna L., et al. (2013): Aircraft noise and cardiovascular disease near Heathrow airport in London: small area study. http://www.bmj.com/content/347/bmj.f5432
  6. KOLSTAD, Henrik A., et al (2013): Whether noise exposure causes stroke or hypertension is still not known. http://www.bmj.com/content/347/bmj.f7444
  7. HANSELL, Anna L. et al (2013): Response to comments by Kolstad et al on the paper ‘Aircraft noise and cardiovascular disease near Heathrow airport in London: small area study’. http://www.bmj.com/content/347/bmj.f5432/rr/675894

6 Gedanken zu “Lärm macht doch nicht krank!

  1. Sind Windenergieanlagen schädlich für Menschen? Manche glauben das, andere wiegeln ab – schnell kochen die Emotionen hoch. Um mehr Sachlichkeit in die Diskussion zu bringen, hat sich ein internationales Expertenteam den Grundlagen des Hörens an der unteren Grenze des Hörfrequenzbereichs (Infraschall), aber auch an der oberen Grenze (Ultraschall) zugewandt.

    Dazu gehört auch die Physikalisch-Technische Bundesanstalt. Hier die Presseinformation dazu: Kann man „unhörbaren“ Schall hören?

  2. Schall wird bekanntlich dann zu Lärm, wenn er stört, sei es den Schlaf, die Konzentration oder die Kommunikation. Solange sich der Mann mit Presslufthammer auf seine Arbeit konzentriert wird er wie ein Formel 1 Fahrer den Sound seines Motors lieben und eher gesund statt krank. (Gehörschutz sollte/muss er dennoch tragen) Etwas anderes ist es, wenn er morgen Nacht vor ihrem Schlafzimmerfenster hämmert. Dann sind die Chancen nicht schlecht, dass ihr Blutdruck steigt, das Herz rast und ihr Körper mit Adrenalin oder Cortisol vollgepumpt wird. Wenn er dass dann regelmäßig macht, sollten sie sich nach einer Grabstätte umsehen – Ratten sterben schon nach 9 Tagen!

  3. Das Thema bleibt kontrovers. In einer Welt des Mehr-Mehr-Mehr — wie sollte da der Lärm weniger werden?

    Die neueste Ausgabe von Brigitte (14/2014: „Verdammt laut hier!, N IV Beilage) identifiziert „Verkehrslärm als Umweltgift Nummer eins“.

    Nur Wenigen geläufig: Das Gehör nimmt ab 85 Dezibel Schaden (Föhn am Ohr). Der Körper dagegen reagiert bereits ab 55 Dezibel (lauteres Gespräch) mit Stresshormonen — nachts im Schlaf schon ab 40!

    Ein Straßenlärmanstieg von 10 Dezibel erhöht das Schlaganfallrisiko um 14 Prozent, so eine Studie aus Dänemark. Rund um den Airport Köln-Bonn, kein Nachtflugverbot, werden 200 Prozent mehr Blutdrucksenker als in ruhigen Wohnquartieren verschrieben. Krach fördert auch Diabetes und psychische Erkrankungen.

    Die deutschen Lärmgrenzen (59 D. tags, 49 nachts)für Wohngebiete liegen oberhalb der von der Weltgesundheitsorganisation empfohlenen (55/40).

    Der Brigitte-Beitrag attestiert uns mit dem Hinweis, „wir alle sind eben gern viel und schnell unterwegs“ ein „fehlendes Bewusstsein“. Das sagt auch René Weinandy vom Umweltbundesamt.

    Die Prognosen sind ungünstig. Durch das Mittelrheintal rollen bereits täglich 3000 Züge, darunter viele laute Gütertransporte. Bis 2025 soll hier der Bahnverkehr noch einmal um zwei Drittel zunehmen.

    WAS HILFT GEGEN KRACH??? — Brigitte empfiehlt:

    1. Ohren schützen
    2. Fenster zu
    3. Sich beschweren
    4. Politisch aktiv werden

  4. Nein, kein Aprilscherz. Die Quelle ist angegeben. Wenn Sie von einer gegenteiligen, ebenso umfangreichen Untersuchung wissen, dann wären wir dankbar für einen Hinweis.

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