Wirtschaft pro Klima?

Teile der deutschen Industrie möchten sich im Klimaschutz profilieren. Doch nützt es etwas, so wie es tut?

Schuld von 100 Jahren. Foto: Tomasz Sienicki (Wikimedia Commons)

Schuld von 100 Jahren. Foto: Tomasz Sienicki

In allen Statements von Unternehmen, die sich dem Klimaschutz in welcher Form auch immer verpflichtet fühlen, dreht sich alles um Energie- und Ressourceneffizienz. Ihnen liegt fern, Dass es notwendig ist, den Energieverbrauch herunter zu fahren und endliche Ressourcen völlig zu verbannen.

Die Unternehmen suggerieren, dass es keinen Widerspruch zwischen der Bekämpfung des Klimawandels und dem Wirtschaftswachstum geben würde. Im Gegenteil: Grüne Produkte würden Arbeitsplätze schaffen und Investoren und Shareholdern noch mehr Reichtum bringen. Um diese vermeintliche Logik zu belegen, lassen Industrieverbände und zweifelhafte Denkfabriken Studien erstellen, voller weitschweifiger, mitunter recht kruder Gedankengänge.

Wie bei den meisten Wirtschaftstheorien findet man auch in solchen Studien eher Glaubenssätze als rationale, logische Beweisführungen. Die sind oft auch gar nicht möglich, weil die Autoren von Annahmen ausgehen, die eher Wunsch als Wirklichkeit sind. Mathematische Modelle zu entwickeln und damit korrekt umzugehen, wie es Meteorologen und Klimaforscher tun, davon sind Wirtschaftsexperten noch weit entfernt.

Mit optisch ansprechenden Excel-Grafiken, deren Quellen und Datengrundlagen oft nicht einmal erwähnt sind, brüsten sich zahlreiche Unternehmen im reichen globalen Norden, auch in Deutschland, wie energieeffizient und ressourcenschonend sie produzieren. Dabei vergessen sie, dass sie die Drecksarbeit vor allem nach Fernost ausgelagert haben und diese Länder jetzt mit der Bewältigung der Umwelt- und Klimaprobleme allein lassen. Die Politik soll die Suppe auslöffeln.

Vergessen ist die Klimaschuld, die die Industrie auf sich geladen hat und die sie jetzt eigentlich mit Zinsen zurück zahlen müsste, würde sie sich wirklich an marktwirtschaftliche Regeln halten. Denn das Kohlendioxid, das sie vor hundert Jahren in die Luft geblasen hat, wabert dort noch immer herum.

Gewiss, auch die Konsumenten haben ihren Anteil daran, dass es so weit kommen musste, dass der Klimawandel zu einer Bedrohung wurde. Je reicher die Menschen sind, desto mehr konsumieren sie, desto mehr Ressourcen gehen verloren, desto mehr Kohlendioxid wird ausgestoßen. Aber so leicht darf man die Verantwortung nun doch nicht auf die Bürger schieben schieben.

Es ist verantwortungslos, Nahrungsmittel in Plastikverpackungen in Länder zu exportieren, von denen man weiß, dass sie keine funktionierende Müllabfuhr haben. Es ist verantwortungslos Elektronikschrott in Länder zu exportieren, in denen die wertvollen Metalle nicht recyled werden können, sondern Menschen vergiften. Es ist verantwortungslos, Menschen zum Kauf von Fahrzeugen zu animieren, die die Luft aller verschmutzen und dem Klima schaden – egal ob elektrisch oder fossil angetrieben, auch Elektroautos verbrauchen Ressourcen.

Auf eine Änderung des Konsumverhaltens zu setzen ist wohl zu spät, wie Hartmut Graßl, einer der frühen Warner vor dem Klimawandel, auf dem Portal Klimaretter.info sagt: „Wer beim Klimaschutz auf Lebensstiländerungen setzt, der kommt zu spät, denn die sind eine Angelegenheit von Generationen – aber sie würden natürlich helfen.“[1]

Doch es ist offenbar auch ziemlich egal, ob sich der globale Norden jetzt klimafreundlich gibt. Chandra Nair, Leiter der Denkfabrik „Global Institute for Tomorrow“ in Hongkong sagte 2014 in einem Interview mit GEO: „Die Einwohner des Westens stellen bald nur noch zehn Prozent der Weltbevölkerung. Selbst wenn die USA und Europa erleuchtet würden und harte politische Entscheidungen fällten, würde das nichts nutzen, solange die Asiaten sagen: Tut uns leid, wir wollen unsere Party jetzt, weil ihr eure 200 Jahre lang gehabt habt.“[2]

Die Debatte ist eröffnet!

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— Übernimmt die Industrie Verantwortung für ihre Verkaufs- und Marketing-Politik?

— Sollte die Industrie mehr Verantwortung für ihre Verkaufs- und Marketing-Politik übernehmen?

— Hilft Konsumverzicht?

— Wenn Konsumverzicht helfen sollte: Was passiert dann mit dem nicht ausgegebenen Geld? Was passiert dann mit den Arbeitsplätzen in Asien? Wie beeinflusst das das weltweite Wirtschaftswachstum?

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Zum Weiterlesen:

Bundesverband der Deutschen Industrie (2009): Kosten und Potenziale der Vermeidung von Treibhausgasemissionen in Deutschland http://www.bdi.eu/Publikationen-Flyer_1821.htm

Global Commission on the Economy and Climate (Englisch): http://newclimateeconomy.net

Global Commission on the Economy and Climate (2015): Seizing the Global Opportunity (Die globalen Chancen ergreifen) http://2015.newclimateeconomy.report

Wirtschaft pro Klima: ttp://www.wirtschaft-pro-klima.de/Positionspapiere

NAIR, Chandran (2011): Der Große Verbrauch. Riemann Verlag, ISBN-13: 978-3570501368


[1] Klimaretter.info (2015): Rentable Kohlekisten, Klimaschutz-Motor USA und ökologisches Geoengineering http://www.klimaretter.info/herausgeber/prof-hartmut-grassl/19345-rentable-kohlekisten-klimaschutz-motor-usa-und-oekologisches-geoengineering

[2] NAIR, Chandran (2014): Warum die Konsum-Party vorbei ist. Interview von Hanne Tügel. GEO 08/2014, Seite 59

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