Don Quijote gegen Elfenbeintürme

Der Wissenschaftstheoretiker Peter Finke ist der deutsche Vordenker der Bürgerwissenschaft, auch Citizen Science genannt. Er plädiert für eine grundlegende Forschungswende. Darin befreit sich die Wissenschaft von der Bevormundung durch Wirtschaft und Politik. Das Instrument für diese Emanzipation ist die Bürgerwissenschaft. Finkes beiden Bücher darüber, „Citizen Science“ und „Freie Bürger. Freie Forschung“*, haben in der deutschen Forschungslandschaft und Öffentlichkeit Staub aufgewirbelt.

 Citizen Science Forscher Peter Finke  beim TELI Jour Fixe (c) Goede

Citizen Science Forscher Peter Finke beim TELI Jour Fixe im Münchner PresseClub (c) Goede

Finkes Vortrag bei einem TELI Jour Fixe im Münchner PresseClub stand unter dem Motto „Wir sind die Wissenschaft“. Seine Präsentation enthielt Zeichnungen und Karikaturen, die seine Bücher schmücken, darunter: ein schwankender und bröselnder Elfenbeinturm, oben vernebelt vom akademischen Nimbus. „Ein marode gewordener Wachturm, in den Geldkoffer hineingetragen werden“, kommentierte schmunzelnd der Referent.

Finke ist Professor emeritus der Universität Bielefeld. Nach 25 Jahren dort hatte er sich aus Protest gegen den Bologna Prozess vorzeitig pensionieren lassen. Der ruhelose Ruheständler hat einen vollen Terminkalender und eilt von Auftritt zu Auftritt durch die ganze Republik. Mit weiteren Zeichnungen verbildlichte er in München, um was es ihm geht.

Eine Zeichnung zeigt ein Basislager am Himalaya. Einige wenige rüsten zum Gipfelsturm, „aber die in den Zelten Zurückbleibenden sind nicht weniger gut als die Gipfelstürmer“, kommentierte Finke. Will sagen, die forscherische Basis ist genauso wichtig und gut wie die forscherische Elite. Erstere bedarf besonderer Förderung, mit spezieller Berücksichtigung der Nicht-Akademiker. Finke verwies auf eine wissenschaftlich höchst erfolgreiche Feldbotanikerin, die mit 50 noch als Verkäuferin gearbeitet hatte.

Die beiden Hauptwerke Finkes über Citizen Science (c) Goede

Die beiden Hauptwerke Finkes über Citizen Science (c) Goede

Um einen Apfelbaum abzuernten, muss man nicht auf halsbrecherischen Leitern bis in die Wipfel steigen. Rotwangige Früchte hängen auch unten und lassen sich oft aus dem Stand ergattern.

Bilder und Beispiele, die zeigen, dass Academia nicht das Maß aller Dinge ist, sondern die Profiwissenschaft eine wichtige Ergänzung und Ressource außerhalb ihrer eng gesteckten Grenzen findet: Bürgerinnen und Bürger sind ebenfalls talentierte Forscher und Erfinder. Einleuchtend auch das Bild eines aus vielen Bauelementen und oben unfertigen Hundertwasserhauses als Gegenmodell zum Elfenbeinturm.

Ein weiterer Ansatzpunkt der Citizen Science: Bürgerinnen und Bürger, die Zivilgesellschaft, Naturschutzverbände und NGOs sind ein wichtiges Korrektiv, wenn Forschung und ihre Anwendung, die Technologie, aus dem Ruder laufen, etwa bei der aus wirtschaftlichen Interessen positiv begutachteten Atomenergie. In der technologiegetriebenen Gesellschaft finden sich viele Beispiele für wissenschaftlichen Overkill, von genveränderten Pflanzen bis zur Klimaerwärmung.

Allem in allem verlangt Finke eine „Abrüstung der zu stark auf die professionelle Wissenschaft ausgerichteten“ Forschung. Die Stoßkraft dafür könnte von der Bürgerwissenschaft und der Bürgerschaft kommen. Denn: Wissenschaft im unpolitischen Raum gibt es nicht, sondern auch sie und die Wissenschaftspolitik müssen sich den Spielregeln der Demokratie unterwerfen.

Finkes Appell: Auch Wissenschaft ist kein kein geschlossener Spezialistenkreis, kein closed shop, so wie sich das etwa der Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie, Professor Dr. Günter Stock wünscht; sondern im Popper’schen Sinne eine „open society“, offen und unabgeschlossen, transparent und zugänglich für Jeden.

Professor Peter Finke und der TELI Vorsitzende Arno Kral. (c) Goede

Professor Peter Finke und TELI Vorsitzender Arno Kral. (c) Goede

In der anschließenden Diskussion mit einem fachkundigen Publikum war der Kernpunkt: Zwar gibt es bei den Naturwissenschaften eine wachsende übergreifende Transdisziplinarität, aber unter Ausschluss der Sozial- und Geisterwissenschaften. „Und gerade die müssen führend sein“, forderte Finke, „bei der Ermittlung, was im großen Wissenschaftskanon wissenswert und weniger wissenswert ist“.

*) Citizen Science. Das unterschätzte Wissen der Laien. München oekom 2014
http://www.oekom.de/buecher/vorschau/buch/citizen-science.html
Freie Bürger. Freie Forschung. Die Wissenschaft verlässt den Elfenbeinturm. München oekom 2015
http://www.oekom.de/nc/buecher/gesamtprogramm/buch/freie-buerger-freie-forschung.html

Wikipedia Peter Finke ->
https://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Finke_(Wissenschaftstheoretiker)

Initiative von Wissenschaft im Dialog: Bürger schaffen Wissen. Citizen Science Plattform. Online-Konsultation http://www.konsultation.buergerschaffenwissen.de

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2 Gedanken zu “Don Quijote gegen Elfenbeintürme

  1. > Am 14.10. diskutiert der Bundestag über
    > Wissenschaftskommunikation und gesellschaftliche
    > Forschungspatizipation. Da müßte ein Statement
    > des Finke-Autorenkreises vorliegen, um von der
    > Politik angemessen wahrgenommen werden.

    Vielleicht auch eines von der TELI und der Wissenschafts- und Technikdebatte?

  2. Die Überschrift ist ja wohl verunglückt. Don Quijote ist als tragische Figur in Erinnerung, die gegen Fantasie-Monstren zu Felde gezogen ist. Ich hoffe nicht, dass Finkes Engagement so endet. Gerne hätte ich mehr über die Diskussion in der Veranstaltung gelesen. Die Buch-Promotion ist eigentlich durch. Jetzt geht es um Fortschritte in der Umsetzung. Die Erfurter Konferenz in der vorigen Woche war ja eine Aktion in Richtung Geisteswissenschaften. Jetzt müsste man sich breit an der Formulierung der CS-Agenda (Konsultationsprozess – ist verlinkt) beteiligen. Mir selbst fehlen am meistenen konkrete CS-Ansätze, die die „Großen gesellschaftlichen Herausforderungen“ (Wissenschaftsrat, April 2015) in die Wissenschaft fordernd hineintragen. Am 14.10. diskutiert der Bundestag über Wissenschaftskommunikation und gesellschaftliche Forschungspatizipation. Da müßte ein Statement des Finke-Autorenkreises vorliegen, um von der Politik angemessen wahrgenommen werden.

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