Kapern IT-Konzerne unsere Gesundheit?

IMG_1627Die TELI Wissenschaftsdebatte gibt’s jetzt auch live. Das Format „Wissenschaft KONTROVERS“ bei Radio Lora München UKW 92,4* leuchtet aktuelle Wissenschafts- und Technikthemen auf Sonnen- und Schattenseiten aus, mit Pro- und Antagonisten am Mikrofon, Fach- und Alltagsexperten. Die Pilotsendung Ende Juni 2016 debattierte das Thema eHealth. Im Studio ein Mediziner, ein IT-Experte und ein Sprecher für die Selbsthilfe.

„Werden Ärzte zu Randfiguren, Menschen immer gläserner?“ Damit eröffnete Moderator Günter Löffelmann, Biologe und Medizinjournalist, die Sendung. Es antwortete Dr. Christoph Goetz, Mediziner und Leiter der Gesundheitstelematik bei der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns KVB. Er rückte die Vorteile der elektronischen Vernetzung von Gesundheitsdaten ins Licht.

Ärzte ohne Medizinstudium?

„Aus den vielen Daten lassen sich neue Zusammenhänge über Krankheitsursachen erschließen“, sagte er. Das komme der Diagnostik und Therapie zugute und eröffne möglicherweise neue Wege bei der Behandlung der großen Zivilisationskrankheiten wie Krebs, Diabetes, Herz- und Kreislaufkrankheiten.

Bisher werde diese neue Methode allerdings noch wenig angenommen, bei Patienten wie auch Ärzten. „eHealth ist ein neues Handwerkszeug, vergleichbar dem Stethoskop“, als es im Mittelalter einen neuen Zugang zum Körper eröffnete und eine Ära des medizinischen Fortschritts einleitete.

Wenn heute Datenanalyse immer mehr zum Scharnier und Werkzeug des ärztlichen Berufs werde, „muss denn der Arzt der Zukunft noch Medizin studieren?“, fragte Löffelmann provokativ in die Runde.

Unterlaufen des Sozialsystems

Arno Kral, Physiker, IT-Journalist und Vorsitzender der Journalistenvereinigung TELI brachte den Datenschutz ins Gespräch. Wenn der Gesundheitssektor den Datenschatz Big Data heben wolle, müsse mit den Krankheitsdaten der Versicherten und Patienten vertrauensvoll umgegangen werden. Das sei bisher nicht der Fall.

Es gebe mittlerweile Abertausende von Apps, die nach Meinung von Verbraucherschützern den Erfordernissen des Datenschutzes nicht genügten. Besorgniserregend sei auch, dass die großen IT-Konzerne wie Google in den USA immer mehr mit den Versicherungen zusammenarbeiteten.

Die Gefahr sah auch Goetz. Die Frage Löffelmanns, ob es eine Gefahr gebe, dass multinationale Konzerne „hoheitliche Aufgaben des Staates kaperten“, bejahte der Gesundheitsfachmann. Eine Individualisierung der Gesundheitsrisiken von Versicherten führe zum Unterlaufen des von Bismarck geschaffenen und bis heute geltenden Sozialsystems.

Warnung vor disruptiver Entwicklung

Nicht geschützte Daten enthüllen ungeschminkt die Gesundheitsrisiken der Menschen. Das kann zur Erhöhung der Beitragszahlungen, im schlimmsten Fall zum Verlust des Versicherungsschutzes führen.

Goetz warnte, dass wir bei der Digitalisierung inmitten „disruptiver Entwicklungen“ steckten. Sein Appell: „Wenn wir die mit mitgestalten, werden wir gestaltet.“ Die Skepsis der Deutschen gegenüber der Digitalisierung spreche von großer Mündigkeit.

Wolfgang Goede, Wissenschaftsjournalist und langjähriger ehrenamtlicher Mitarbeiter der Selbsthilfe, brach eine Lanze für MindApps. Er vertrat Christian Zottl, Geschäftsführer der Münchner Angsthilfe- und Angstselbsthilfe MASH, der wegen Krankheit seine Beteiligung an der Debatte hatte absagen müssen. MindApps arbeiten mit Biofeedback und wirken auf den psychischen Zustand ihrer Benutzer.

Teufel mit Beelzebub austreiben

Für eine MASH Jubiläumsveranstaltung im Münchner PresseClub über Chancen und Risiken von eHealth hatte Zottl MindApps getestet. Er hatte über befriedigende Ergebnisse berichtet, wie die Geräte auf Angstzustände einwirken, sie durch Atmung, positives Denken und Muskelentspannung herunterfahren. Der Ansporn dazu kommt von den Apps.

Bei einem Drittel der Bevölkerung, die unter Angststörungen leiden, viele davon auch unter Depressionen, seien MindApps offensichtlich eine nicht zu unterschätzende Hilfe beim Bekämpfen von Seelenleiden, meinte Goede.

Gleichzeitig erinnerte er daran, dass durch übertriebenes „Self Tracking“, also Kontrolle und Optimierung eigener Körperdaten, Unwohlsein und „Ängste angeheizt werden können und Hypochonder hervorbrächten“. Davor warnte eine Krankenkassenzeitschrift. Damit würde Teufel mit Beelzebub ausgetrieben werden.

Big Data & Big Brother

Kral brachte die Debatte auf das Grundsätzliche und die Verantwortung der Politik zurück. Er zitierte Politiker, zunächst EU-Parlaments-Chef Martin Schulz (SPD). 200 Jahren nach der industriellen Revolution sei es an der Zeit, den „technologischen Fortschritt zu humanisieren“. Gerhard Baum, früherer Bundesinnenminister (FDP), hätte sogar einen „neuen Gesellschaftsvertrag zwischen Mensch und Maschine“ gefordert.

Beide Zitate stammen aus dem Buch „Technologischer Totalitarismus“ des verstorbenen FAZ-Herausgebers Frank Schirrmacher. Der engagierte Journalist war über alle ideologische Grenzen und wirtschaftliche Interessen hinweg ein beherzter Warner vor den Exzessen einer unkontrollierten Digitalisierung und des Technologisch-Informationellen Komplexes.

Bedingen Big Data und Big Brother einander – sind sie siamesische Zwillinge? Die Sichtweise hängt von den Kulturen ab. Die Skandinavier, besonders Schweden, gehen erstaunlich furchtlos mit der rasch fortschreitenden Digitalisierung um. Die Esten haben „eDemocracy“ gar als Geschäfts- und Exportmodell entdeckt.

German Angst – ein Bremser?

Macht uns Deutsche die legendäre „German Angst“ zu Zauderern? Wird uns die Digitalisierung eines baldigen Tages vielleicht sogar abhängen und uns in den Zustand eines Entwicklungslandes zurückfallen lassen?, fragte Goede selbstkritisch.

Er verwies auf sein „dummes Tastenhandy“, von ihm auch „tragbare Telefonzelle“ genannt, die nur Telefonate und Kurzmitteilungen beherrsche. Sie erspare ihm Kommunikationsstress und einen zu großen digitalen Fußabdruck. Jeder hat es selbst in der Hand, wieviel er von sich preisgibt und wie aktiv er in das moderne Hamsterrad und Spionageinstrument einsteigt.

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*) http://lora924.de

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