„Die Wissenschaft hat festgestellt, dass Rauchen doch nicht schädlich ist“

Der Münchner Klimaherbst feiert sein 10. Jubiläum. Fünfmal begleitete ihn die TELI mit kritischen Podien zur Klimaproblematik. Dieses Jahr lud sie ins International Munich Art Lab IMAL* im Kreativquartier und fragte: „Wie frei ist eigentlich die Wissenschaft?“

Begrüßung durch TELI Vorsitzenden Kral (M., stehend): Kreitmeier, Kreiß, Schüpphaus, Krausnick, Selinger (v. l. n. r.) (c) Knoll

Begrüßung durch TELI Vorsitzenden Kral (M., stehend): Kreitmeier, Kreiß, Schüpphaus, Krausnick, Selinger (v. l. n. r.) (c) Knoll

Darauf antworteten vier Experten aus Forschung und Forschungspolitik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Den Anfang macht Professor Dr. Christian Kreiß, Volkswirt an der Hochschule Aalen. Sein Impuls war ein Plädoyer für weniger Industrieeinfluss und mehr bürgernahe Forschung.

„Die Wissenschaft hat festgestellt, dass Rauchen doch nicht schädlich ist. Gezeichnet Dr. Marlboro.“ Kein Witz: Diese Satire des Komikers Otto Waalkes, sagte Kreiß, war jahrzehntelang Realität. Mit wissenschaftlichen Gutachten, die die Risiken des Nikotins verharmlosten, bekämpfte die Tabakindustrie im letzten Jahrhundert erfolgreich Antirauchergesetze.

WISSENSCHAFTLICHE GHOSTWRITER

Heute, ergänzte der ehemalige Investmentbanker, haben wir eine ähnliche Situation in der Getränkeindustrie. Der hohe Zuckergehalt vieler Säfte und Brausen sei eindeutig gesundheitsschädigend. Das werde von den Herstellern allerdings verschleiert, sagte Kreiß, mit Hinweis auf einen Bericht in der „Süddeutschen Zeitung“.

Roland Kreitmeier, Siemens-Chef (l.), und Christian Kreiß, Volkswirt (c) Goede

Roland Kreitmeier, Siemens-Chef (l.), und Christian Kreiß, Volkswirt (c) Goede

Kritik übte der Volkswirt auch an der Arzneimittelindustrie: „90 Prozent der Forschung ist pharma-finanziert und elf Prozent der Veröffentlichungen werden von Ghostwritern verfasst“, also im Kundenauftrag, mit verheerenden Auswirkungen. Kreiß berichtete von einem Fall, bei dem 64 von 80 Medikamenten vom Markt genommen werden mussten, weil sie gefälscht waren.

PROFIT CONTRA WAHRHEIT

„Gewinn geht vor Wahrheit“, bemängelte Kreiß mit Blick auf den Abgasskandal von VW. Und fragte, warum so viele Forschungsgelder in die individuelle Mobilität flössen, auf deren Konto pro Jahr 23 000 Straßentote gehen. Der sichere Schienenverkehr müsse dagegen mit erheblich weniger Mitteln auskommen.

Ein Kernpunkt von Kreiß’ Kritik ist die Praxis der Drittmittelfinanzierung, nach der Forschungsprojekte zunehmend von der Privatwirtschaft gefördert werden. Das belaufe sich auf eine Summe von sechs Milliarden Euro im Jahr in Deutschland. Diesen Trend spiegelten auch Forschungsgremien und –beiräte. In ihnen sei die Industrie überproportional vertreten, nicht aber Einrichtungen der Zivilgesellschaft.

UNTERNEHMERISCHE SOZIALE VERANTWORTUNG

Für die Industrie sprach Roland Kreitmeier, Leiter der Siemens Niederlassungen München und Augsburg. Er ist auch Vorsitzender des Hochschulrats in Augsburg und antwortete Kreiß, dass es dort „kein Übergewicht der Industrie“ gibt. Kreitmeier stellte die soziale Verantwortung der Wirtschaft heraus.

TELI Fishbowl: Beteiligungsformat (c) Goede

TELI Fishbowl: Beteiligungsformat (c) Goede

So investiere Siemens jährlich 50 Millionen Euro für soziale Zwecke und unterhalte vier Stiftungen. Darüber hinaus müssten „Unternehmen Ergebnisse und Gewinne erzielen“, unterstrich er, mit dem Zielhorizont einer langfristigen Planung. Diese werde aber durch immer kürzer werdende Innovationszyklen – bei Handys nur noch wenige Monate – immer hektischer und müsse immer schneller reagieren.

2500 SIEMENS-PATENTE

Siemens trage zur Forschung mit jährlich vier bis fünf Milliarden Euro bei, mit 7500 Erfindungen und 2500 Patenten. Kreitmeier schloss mit dem Hinweis, dass er selber Vorlesungen halte, „um die Interessen jungen Menschen zu erfahren und um ihnen wichtige Erfahrungen weiterzugeben“.

Besucherin im Fishbowl (c) Goede

Besucherin im Fishbowl (c) Goede

Dr. Daniel Krausnick, Oberregierungsrat, vertrat das Bayerische Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst in der Diskussion. Dessen Aufgabe sei es, an der Schnittstelle von Politik und Forschung eine Balance herzustellen: zwischen den Bedürfnissen der Gesellschaft und der Freiheit der Wissenschaft.

DRITTMITTEL MACHEN UNABHÄNGIG VOM STAAT

„Drittmittel haben an Bedeutung gewonnen“, räumte Krausnick ein, „aber von kaputtsparen kann keine Rede sein“. 85 Prozent der Hochschulmittel in Bayern stammen aus der staatlichen Grundfinanzierung. Gleichzeitig bot er in Replik auf Kreiß eine andere Interpretation von Drittmitteln an. Sie könnten auch als Gegengewicht zur Abhängigkeit vom Staat und somit als „Stärkung der Unabhängigkeit“ verstanden werden.

Peter Knoll (TELI Vorstand), Helmut Selinger,  ein Schüler (v.l.n.r.) (c) Goede

Peter Knoll (TELI Vorstand), Helmut Selinger, ein Schüler (v.l.n.r.) (c) Goede

Darüber hinaus seien wissenschaftliches Fehlverhalten und gekaufte Forschung ein Fakt und müssten geahndet werden, aber: „Für die Wissenschaftsfreiheit gibt es keine Schranken“, machte er klar. Einschränkungen seien nur möglich durch andere Verfassungsgüter wie die Gesundheit der Bevölkerung, „alles andere ist verfassungswidrig“.

KEINE WISSENSCHAFT IST WERTFREI

Der vierte und letzte Impulsgeber war Dr. Helmut Selinger, ein aus der Klimaforschung stammender Physiker, engagiert im Institut für sozial-ökologische Forschung und Mitglied der Nichtregierungsorganisation attac. Er legte wert auf die Feststellung, dass es keine wertfreie Wissenschaft und Forschung gebe, selbst nicht in der von vielen als objektiv wahrgenommenen Physik.

TELI Mitglied Anke van Kempen (M.) (c) Goede

TELI Mitglied Anke van Kempen (M.) (c) Goede

Statt diese Wertfreiheit immer zu reklamieren, „wäre es viel besser, wenn wir über unsere wissenschaftlichen Werte zu sprechen begännen, intern wie auch in der Öffentlichkeit“, schlug er vor: „Hier kommt dann der Bürger in die Diskussion.“

MEHR NGOS IN FORSCHUNGSGREMIEN

Selinger unterstützte Kreiß’ Forderung, dass Wissenschaftsgremien sich mehr der Gesellschaft öffnen müssten. „Die Kirchen allein reichen nicht“, sagte er, „es fehlen Umweltverbände, Gewerkschaften und NGOs wie Greenpeace und attac“.

Peter Selinger, Physiker, attac: Bürger anhören und beteiligen! (c) Knoll

Peter Selinger, Physiker, attac: Bürger anhören und beteiligen! (c) Knoll

Nach Selingers Auffassung ist es Verantwortung und Pflicht der Wissenschaft, „die Forschungsergebnisse so herunterzubrechen, dass die Bürger mitreden und mitentscheiden können“. Dafür seien die Klimaforschung und besonders der Münchner Klimaherbst ein gutes Beispiel. „Hier kommt der Bürger zu Wort“, lobte der Physiker.

BETEILIGUNG DURCH FISHBOWL

Im Anschluss an die Impulse lud Moderatorin Maren Schüpphaus das Publikum ins Fishbowl. Das „Fischglas“ ist ein Kreis, in dem jeder sich den Experten anschließen und seine Meinung sagen darf. Drin nahmen u.a. die TELI Vorstandsmitglieder Arno Kral, Peter Knoll und das TELI Mitglied Dr. Anke van Kempen Platz.

Sie ist Professorin für Angewandte Wissenschaften in München und verlangte, dass öffentlich geförderte Forschung vom Staat und den Forschungsinstitutionen auch jedem Bürger frei zur Verfügung gestellt werden muss.

CORPORATE CORRUPTION

Schüpphaus ergänzte, dass auch die Wissenschaftler für den öffentlichen Dialog ausgebildet werden müssten, während Kral auch die Verantwortung jedes Einzelnen sich aufzuklären herausstellte, im Übrigen der Rechtsstaat Industriesponsoring und die wissenschaftliche Unabhängigkeit immer noch gut austariere.

Wissenschaftsdebatte im International Munich Art Lab IMAL (c) Knoll

Wissenschaftsdebatte im International Munich Art Lab IMAL (c) Knoll

Selbst Kreiß räumte ein, dass Deutschland zu den freiesten Forschungsstandorten in der Welt gehöre. In seinem Buch „Gekaufte Forschung“**, in dem er viele seiner Kritikpunkte im Detail ausführt, verweist er auf die US-Publizistin Jennifer Washburn und ihr Werk „University, Inc.: The Corporate Corruption of Higher Education“. Darin kommt die Wissenschaftsfreiheit in den USA nicht gut weg.

*) IMAL: International Munich Art Lab http://www.imal.info/index.php

**) Christian Kreiß: Gekaufte Forschung. Wissenschaft im Dienst der Konzerne. Europa Verlag Berlin. http://www.europa-verlag.com/buecher/gekaufte-forschung/

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2 Gedanken zu “„Die Wissenschaft hat festgestellt, dass Rauchen doch nicht schädlich ist“

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