Forschung im Elch-Test: Wo verläuft die Grenze zwischen Kooperation und Korruption?

Autor und Volkswirt Christian Kreiß (r): Verkaufte Forschung (c) Goede

Autor und Volkswirt Christian Kreiß (r): Verkaufte Forschung (c) Goede

Drittmittel, Industriesponsoring, Stiftungsprofessuren. Die Industrie mischt sich immer mehr in die Forschung ein. Ein Volkswirt fragt: „Wird die Forschung von der Industrie gekauft?“

Der Mann traut sich was. Christian Kreiß hat an der Hochschule Aalen eine Professur für Wirtschaftspolitik inne. In seinem Buch „Gekaufte Forschung“ schaut er hinter die Kulissen von Wirtschaft und Wissenschaft – und entdeckt dort eine so innige Verzahnung, die an der Freiheit der Forschung und damit auch der Wissenschaft zweifeln lässt.

An etlichen Beispielen, unterfüttert mit zahlreichen Quellen, auch um sich juristisch abzusichern, blättert er die Sündenregister der gewöhnlichen Verdächtigen auf: der Tabakindustrie, Big Pharma, Biotech.

VERMARKTUNG DES ZWEIFELS

„Über 50 Jahre lang platzierten Tabakunternehmen einseitige wissenschaftliche Artikel in Medizinzeitschriften, ohne deren Finanzierung offen zu legen“, schreibt Kreiß. Ragnar Rylander, ein anerkannter Umweltmediziner, hielt noch 1983 Passivrauchen für unschädlich. Seit den 1970er Jahren war er ein hochbezahlter Berater von Philip Morris, mit einem Jahressalär von 150 000 US$.

Bis 1985 wurde durch Tabakkonzerne mehr als 100 Millionen Dollar für biomedizinische Forschung ausgegeben. „Zentrales Ziel war die ‚Vermarktung des Zweifels‘ an der Kausalität zwischen Lungenkrebs und Rauchen“, berichtet der Autor. Das US-Justizministerium hatte eine Strafzahlung von 742 Mrd. Dollar veranschlagt. Das wurde niedergeschlagen, u.a. von der Regierung. Dennoch kam es zu einem Urteilsspruch. Er bezichtigt die Industrie des systemischen Lügens und rückt sie in die Nähe einer kriminellen Vereinigung.

GEKAUFTE WISSENSCHAFT?

Auch um den Ruf des Saatgutherstellers Monsanto steht, unlängst von Bayer übernommen, steht es nicht zum Besten. Zu Recht, wie Kreiß zeigt. Von dem Konzern bezahlte wissenschaftliche Studien zum Gift Dioxin stellten sich als Fälschungen heraus. 1996 erlaubte Argentinien den Anbau von genmanipuliertem Soja und Mais. Die Gutachten waren von Monsanto teilweise selber verfasst worden, hat der Autor herausgefunden.

(c) Goede

(c) Goede

Insgesamt, stellt der Volkswirt fest, gerät die Wissenschaft „immer stärker unter den Einfluss von Geld und Machtinteressen“. Etwa in Form von Drittmitteln, beispielsweise Stiftungsprofessuren oder Industriesponsoring. „In welchem Umfang wird unsere Wissenschaft an den Hochschulen von der Wirtschaft gekauft?“, fragt Kreiß.

UNFREIHEIT DER STIFTUNGSPROFESSUREN

Wie steht es um die akademische Freiheit, institutionelle Autonomie und Forschungsintegrität, bohrt er weiter, wenn zwei Drittel aller Forschungsaktivitäten in Deutschland auf die Industrieforschung entfallen. 51,1 Milliarden Euro von insgesamt 75,6 Milliarden Forschungskosten werden von der Industrie getragen.

Allein in den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl der durch Drittmittel finanzierten Stiftungsprofessuren verdoppelt. 2011 gab es 42 000 Professuren, 3,8 Prozent davon Stiftungsprofessuren. Nicht viel, aber: „Auf einem Stiftungslehrstuhl ist man nicht wirklich frei, dem Stiftungsgeber ernsthaft zu widersprechen“, wendet Kreiß ein.

PRODUKT WISSENSCHAFTSSTUDIE

Und zitiert dabei die Wochenzeitung ZEIT mit dem Hinweis: „Die wissenschaftliche Studie ist längst zu einem Produkt geworden. Sie kann bei Bedarf gekauft und verkauft werden wie auf einem Markt.“ So soll angeblich der Betriebsarzt eines Kernkraftwerks gesagt haben: „Ich kriege immer den richtigen Wissenschaftler mit den ‚richtigen‘ Ergebnissen, wenn ich dafür bezahle.“

Wie frei ist die Wissenschaft? Kreiß im TELI Fishbowl (c) Goede

Wie frei ist die Wissenschaft? Kreiß im TELI Fishbowl (c) Goede

Kreiß’ Befunde wurden ausführlich beim Münchner Klimaherbst präsentiert und von Experten diskutiert. Diese Art von Elchtest der Wissenschaft veranstaltete die Journalistenvereinigung TELI in lockerer Atmosphäre, im International Munich ArtLab.(1)

FREIHEIT DER DEBATTE

Ein Großteil der Kritik von Kreiß ist seit längerem bekannt und wurde auch in diesem Kreis von Vertretern der Industrie, der Forschung und Forschungspolitik nicht grundsätzlich in Frage gestellt. Selbst wenn in anderen Ländern wie den USA Forschung und Wissenschaft noch näher im Gravitationsfeld von Wirtschaft und Industrie stehen: Auch für Deutschland stellt sich die Frage, wo die Grenze zwischen Kooperation und Korruption verläuft.

Dass ein so stacheliges Thema in so entspannter Kollegialität diskutiert werden konnte, zeichnet den Forschungs- und Industriestandort Deutschland aus, ebenso die Tatsache, dass Nichtregierungsorganisationen wie attac daran teilnehmen und als Partner auf Augenhöhe betrachtet werden. Das wäre nicht überall auf der Welt, nicht einmal überall in Europa denkbar. Das ist in der Tat ein Ausdruck von Liberalität und Freiheit, wie alle Debattenteilnehmer bestätigten.

PROFITABILITÄT UND WACHSTUM

Allerdings eine Freiheit, die vom Zwang zu mehr Profitabilität und Wachstum, in Wirtschaft, Forschung und großen Teilen der Gesellschaft gleichermaßen, in Gefahr ist. Und noch mehr unter Druck gesetzt wird von den politischen Entwicklungen zur Einschränkung der Freiheit. Die Freiheit der Wissenschaft wie auch Kunst, der öffentlichen Rede, der Meinung und der Presse ist juristisch und im Grundgesetz ein zusammenhängendes Gebäude (GG, Art. 5). Nur wenn alle Zimmer intakt sind, bleibt auch der Bau intakt.

(1) http://www.wissenschaftsdebatte.de/?p=5828

kreiss_gekaufteforschung_72Christian Kreiß: Gekaufte Forschung. Wissenschaft im Dienst der Konzerne. Europa Verlag Berlin.
http://www.europa-verlag.com/buecher/gekaufte-forschung/

Prof. Dr. Christian Kreiß ist Volkswirt. Der ehemalige Investment Banker lehrt an der Hochschule Aalen Wirtschaftspolitik. Veröffentlichungen zu geplantem Verschleiß, gekaufte Forschung, Wegen in eine menschengerechte Wirtschaft. Sein neuestes Buch heißt: Werbung – Nein Danke. Warum wir ohne Werbung viel besser leben könnten (Europa Verlag).krei%e2%94%9c%c6%92_werbungneindanke_72dpi

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Kreiß-Homepage http://www.menschengerechtewirtschaft.de

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3 Gedanken zu “Forschung im Elch-Test: Wo verläuft die Grenze zwischen Kooperation und Korruption?

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  3. Vielleicht noch als Ergänzung und die Bombe, die uns jetzt schon um die Ohren fliegt: Die nicht veröffentlichte Forschung. Wenn Studien zurückgehalten werden. Das bedeutet nicht nur unnötige und kostspielige Doppelforschung, sondern ist vor allem im Pharma-Medikamentenbereich auch gefährlich. Das zeigen nicht nur Studien der Cochrane-Gesellschaft zu einzelnen Medikamenten, sondern vor allem eine aktuelle Studie aus England. Danach werde mehr als die Hälfte der Nebenwirkungen auf den Beipackzetteln von Medikamenten gar nicht erwähnt. Entweder, weil Patienten, die die bei einer Studie Nebenwirkungen zeigten, aus der Studie herausgenommen wurde, oder weil die Studie erst gar nicht veröffentlich wurde. Forscher der Universität East Anglia/UK haben sich jetzt die enorm zeit- und rechercheaufwändige Mühe gemacht und zahlreiche, nicht veröffentlichte Studien zusammengetragen und ausgewertet. Da spielt die Pharmainuistrie mit dem Leben der Patienten. Hier die Originalveröffentlichung von Su Golder, Yoon K. Loke und Martin Bland von der university of East Anglia:
    http://journals.plos.org/plosmedicine/article?id=10.1371/journal.pmed.1001026

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