Elite ETH Zürich – von vorgestern

Weckruf aus der Schweiz: Streitschrift liest renommierter ETH Zürich Leviten. Es fehlen ihr: Akademiker mit kulturübergreifender Kompetenz, Mut zum Sich-Einmischen, Vorantreiben einer Nord-Süd-Kooperation, wider den wachsenden Terror. Modell für die aufgeklärte Universität des 21. Jahrhunderts. Ein Gastbeitrag des Züricher Wissenschaftsjournalisten Beat Gerber.

Wider den Staub des 19. Jahrhunderts: Streitschriftautor Beat Gerber (c) Olaf Konstantin Krueger

Wider den Staub des 19. Jahrhunderts: Streitschriftautor Beat Gerber (c) Olaf Konstantin Krueger

„Bisher ist es der Wissenschaft nicht gelungen, umsetzbare Lösungen für globale Herausforderungen wie Klimawandel, Energie oder Ernährungssicherheit in die Gesellschaft zu tragen“, schreibt der Autor in seinem Resümée. „Auch die topgesetzte ETH Zürich wirkt immer noch privilegiert und abgeschottet im Elfenbeinturm.“ Die Forschenden müssten sich künftig in wichtige Entscheidungen einmischen, fordert seine Streitschrift über die Schweizer Elite-Hochschule. Hier Gerbers eigens für die TELI wissenschaftsdebatte.de verfertigter Text.

BESTE KONTINENTALEUROPÄISCHE UNIVERSITÄT, ABER …

Deutschlands Hochschulen bewerben sich bei der Exzellenzinitiative um den Status als «Elite-Universität», die kleine Schweiz hat jedoch bereits eine solche Vorzeige-Institution: Die Eidgenössische Technische Hochschule (ETH) Zürich gilt als beste kontinentaleuropäische Universität und geniesst weltweit einen exzellenten Ruf. Rankings setzen das 1855 gegründete Polytechnikum auf eine Spitzenposition, die nur von Eliteschulen in den USA und Grossbritannien übertroffen wird (Rankings 2016: 8. Rang QS, 9. Rang THE). Die bundeseigene Bildungs- und Forschungsstätte zehrt auch von einer honorigen Vergangenheit, wirkten hier doch zahlreiche prominente Wissenschaftler als Professor oder Student, so etwa Wilhelm Conrad Röntgen, Albert Einstein oder Wolfgang Pauli.

GESTRIGER ELITÄRER GEIST

Was jedoch der ETH heute fehlt, ist eine überzeugende, couragierte Vision, wie das erforschte Wissen besser der Allgemeinheit (auf Neudeutsch: Zivilgesellschaft) dienen könnte. Dieser sozial lohnenden Weitsicht stellen sich freilich einige Hürden entgegen. In den hochmodernen Studierstuben und Labors blühen nicht nur akademische Bravour und Avantgarde, ebenso keimen Untugenden wie Kleinmut, Dünkel und Missgunst. Wer in die dunklen Winkel der Hochschule leuchtet, schreckt dort einen erstaunlich gestrigen und elitären Geist auf. Die verkappt konservative Gesinnung blockiert den bitter nötigen Wandel hin zu einer gesellschaftlich wirksameren Wissenschaft.

MYTHOS DER NEUTRALEN WISSENSCHAFT

___bild-3-titelblatt-streitschrift-bgerberDie soeben erschienene Streitschrift «An den Tisch der Mächtigen!» kratzt manchmal streng, mitunter satirisch am «Lack» der Hochschule von Weltrang. In acht Kapiteln werden so ziemlich alle scheinbaren Gewissheiten der Forschungswelt niedergerissen. Vom «Mythos der neutralen Wissenschaft» über die «Mär der ganzheitlichen Forschung» bis hin zu «Geld und Geist im Wissensgeschäft» prangert das rote Büchlein die negativen Tendenzen in der Wissenschaft an: Publikationsdruck (Publish or Perish), wissenschaftliches Fehlverhalten (Plagiate, Fälschungen), Abhängigkeiten von der Industrie (Sponsoring). Diese betreffen bei weitem nicht nur die ETH, werden dort aber auch kaum hinterfragt.

EXODUS SCHWEIZER FORSCHER?

Derzeit bläst der Forschung ein kühler Wind entgegen, man denke an schrumpfende Budgets oder wissenschaftsfeindliche Strömungen (Brexit, Trump-Wahl). In der Schweiz droht zudem aufgrund von ungeklärten politischen Verträgen mit der EU (Personenfreizügigkeit) ein Ausschluss aus den lukrativen EU-Forschungsprojekten (Horizon 2020). Viele namhafte Wissenschaftler, zahlreiche talentierte Forscherinnen liebäugeln daher (im Stillen) mit dem Wegzug. Im Weiteren ist die Wissenschaft im Umbruch, bewegt sich weg vom Geniekult, der nur einsame Helden feiert (statt interdisziplinäre Teams). Aufwind haben neue Entwicklungen wie öffentlich verfügbare Daten aus Experimenten (Open Data), Einbezug der Bürger in die Forschungsarbeit (Participation) und rundum zugängliche Publikationen (Open Access).

GLOBAL GERECHTE WISSENSCHAFT

Dieser Wandel böte auch der ETH Zürich Chancen, ihren prätentiösen Geist anzupassen. Die renommierte Institution könnte weit mehr tun, damit Wissenschaft global gerechter und sozial wirksamer würde. Sie darf sich nicht mit der Erforschung effizienter Technologien und der Ausbildung hochspezialisierter Fachleute begnügen; gefragt sind interdisziplinäre und kulturübergreifende Kompetenzen.

UNGLEICHHEIT FÜHRT ZU TERROR

Die wachsende Ungleichheit zwischen Nord und Süd als primäre Ursache von Arbeits- und Perspektivlosigkeit, von Kriegen, Flüchtlingsströmen und Terror hat sich weiter akzentuiert. Die Hochschulen des Nordens sollten keinesfalls ihr generiertes Wissen ungefiltert an die Schwesterinstitutionen des Südens transferieren, sondern müssen dort intensiv und solidarisch mithelfen, eine indigene Wissenschaft zu etablieren. Die ärmeren Staaten in Afrika und Asien brauchen für ihre Entwicklung (nebst Investitionskapital) eigene, angepasste Technologien, um damit selbst eine moderne Wirtschaft aufzubauen und dauerhafte Arbeitsplätze zu schaffen.

SCHLÜSSELROLLE DES NORDENS

Gerber bei BJV Veranstaltung im Münchner PresseClub (c) Olaf Konstantin Krueger

Gerber bei BJV Veranstaltung im Münchner PresseClub (c) Olaf Konstantin Krueger

Die Universitäten des Nordens spielen beim gebotenen Ausgleich der weltweiten Ungleichheit eine Schlüsselrolle. Ihr Profil müssen sie jedoch den veränderten Gegebenheiten anpassen. Ein solcher Paradigmenwechsel geht allerdings nicht von heute auf morgen, gerade altehrwürdige Hochschulen wie die ETH Zürich halten beharrlich am Bestehenden fest.

VIER-PUNKTE-REFORM-PROGRAMM

1 In Entscheidungsprozesse einmischen: Aufbau einer akademischen Plattform (zusammen mit andern Spitzenuniversitäten), die Regierungen und Staatenbünde bei wichtigen politischen Entscheiden berät und beeinflusst.

2 Solidarität mit dem Süden zeigen: Förderung der Zusammenarbeit mit Universitäten in ärmeren Staaten, um sie bei der Erforschung und Anwendung (Ausbildung) von indigenem (einheimischem) Wissen zu unterstützen. Auf der Karte der internationalen Kooperationen der ETH Zürich gibt es viele vernachlässigte «schwarze Löcher».

3 Bewusstseinsbildung im eigenen Haus intensivieren: Umfassende Integration des kritischen Denkens und Dialogs in sämtliche Studiengänge (mit Prüfungspflicht). Soziale, kommunikative und interkulturelle Kompetenzen sind den fachlichen Fähigkeiten gleichzusetzen.

4 Haltung gegen außen manifestieren: Durch entsprechende Positionen kann eine Hochschule ihre Glaubwürdigkeit (und ihren Einfluss) stärken, etwa durch Verzicht auf Forschungsgelder von korrupten und umweltschädigenden Unternehmen oder Organisationen. Mehrere namhafte Universitäten (wie Oxford, Cambridge, Yale etc.) unterstützen z.B. die internationale Fossil-Free-Kampagne und lösen finanzielle Beteiligungen auf, die zur Erforschung und Ausbeutung fossiler Energiereserven vorgesehen sind.

AUSLÖSER DER STREITSCHRIFT

Ende 2014 hielt Gerber auf Einladung des Bayerischen Journalisten-Verbands im Münchner PresseClub ein Referat mit dem Titel „Spindoctoring for academic divas“. Dabei berichtete er von seinen langjährigen Erfahrungen in der „Teppichetage“ der ETH Zürich. Dort wirkte er sieben Jahre als Spindoktor des Hochschul-Präsidenten. Der Vortrag thematisierte den verstaubten universitären Geist mit der kritiklosen Huldigung akademischer Lebenslügen wie wertfreies Wissen, Unabhängigkeit von Sponsoren. Die Veranstaltung im PresseClub sowie die anschließende Diskussion im Kollegenkreis motivierte ihn zum Verfassen des Buchs.

ZUR PERSON UND BUCH

Beat Gerber ist Alumnus der ETH Zürich (Bauingenieur), langjähriger Wissenschaftsjournalist, einstiger Präsident (1996-2001) des Schweizer Klubs für Wissenschaftsjournalismus (SKWJ) und heute dessen Ehrenmitglied.

«An den Tisch der Mächtigen! – Streitschrift für einen beherzten Geist der ETH Zürich» (ISBN 978-3-033-05851-4) ist erhältlich über www.dot-on-the-i.ch.

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2 Gedanken zu “Elite ETH Zürich – von vorgestern

  1. Liebe Kollegen in der TELI,
    selbst als Ruheständler nehme ich mir nicht die Zeit, auf alle diese Hinweise im Einzelnen einzugehen.
    Die TELI wollte mit der Wissenschaftsdebatte die Erfinderin einer neuen Debattenkultur in Deutschland sein. Wie gut, dass dieser Versuch – jedenfalls bisher – gescheitert ist, und sich die Debatte auf sporadische Beiträge eines kleinen Zirkels beschränkt, wenngleich es so schön gewesen wäre, wenn die Inhalte zu einer breiten Debatte geführt hätten, statt zu einer einseitigen und höchst unwissenschaftlichen Fundamentalkritik an Natur- und Technikwissenschaften.

  2. Deine Aussagen lassen sich in der Tat auch auf deutsche Universitäten und Forschungseinrichtungen übertragen.

    Du hast vollkommen recht: Es ist der Wissenschaft nicht gelungen, Lösungen für globale Herausforderungen zu finden.

    Das liegt aber auch daran, dass Politiker und technische ausgerichtete Wissenschaftler daran glauben, dass sich solche Herausforderungen (natur-) wissenschaftlich und technisch lösen lassen. Dafür steht vermutlich auch besonders die ETH, die ja eine technische Hochschule ist. Aber das ist ein Irrglaube. Schließlich trugen Technik und Wissenschaft ganz entscheidend dazu bei, dass wir heute genau die erwähnten Probleme haben.

    Die Natur- und Technikwissenschaften bieten meist nur Antworten auf Fragen, die eigentlich niemand gestellt hat, oder auf Fragen der Wirtschaft, wie sich Profite erhöhen lassen. Die wichtigen Herausforderungen, wie die von Dir genannten Klimawandel, Energie, Ernährungssicherheit, gründen in einem nach Gewinnmaximierung strebenden Wirtschaftssystem. Dessen Logik bedingt Konsumverhalten und Geldflüsse, und damit Armut und Konflikte. Es geht also darum, wer Innovationen aus Forschung und Technik wohin steuert, wer die Macht darüber hat. Wo sind aber die gesellschaftlichen Werkzeugkisten beispielsweise der Sozialwissenschaften (ich frage dies mit meinem naturwissenschaftlichen Hintergrund)? Sie könnten, wenn sie denn wollten, sicherlich mehr zu Lösung der Herausforderungen beitragen.

    Deinen ersten Reformpunkt, Einmischung der Wissenschaft in wichtige politische Entscheidungen halte ich für problematisch. Denn die wissenschaftlichen Institutionen sind immer auch Stakeholder und Shareholder, denen es darum geht, einen immer größeren Anteil der Steuergelder für sich zu beanspruchen, ohne dafür grade stehen zu müssen.

    Politische Beratung durch die Wissenschaft hat immer auch zum Ziel, mehr Geld für Forschungsorganisationen und das Heer der Wissenschaftskommunikatoren, Frühstücksprofessoren und Forschungsadministratoren zu akquirieren. Die von Dir vorgeschlagene Plattform darf nicht von der Wissenschaft ausgehen, sondern muss aus der Gesellschaft heraus kommen und von ihr kontrolliert werden.

    Denn die Wissenschaft hat schließlich keine legitimierte Verantwortung. Berät sie falsch, hat sie keine Sanktionen zu befürchten. Die Entscheidungen müssen Politiker tragen, während die Gesellschaft die Konsequenzen ausbaden muss. Zitiere ich als Journalist einen Wissenschaftler falsch, kann er mich vor Gericht bringen, informiert mich ein Wissenschaftler falsch und gebe ich das so wieder, kann ich meinen Job verlieren.

    In Deutschland gibt es ein meines Erachtens bereits ein recht gutes System der Politikberatung, das nur zu wenig von den Politikern und der Öffentlichkeit genutzt wird: Die Regierung wie auch die Öffentlichkeit kann direkt auf die Daten, Gutachten und Metastudien von Bundesämtern und Bundesforschungsanstalten zurückgreifen, deren originäre Aufgabe es ist, die Grundlagen für evidenzbasierte Entscheidungen zu liefern. Darüber hinaus gibt es die Sachverständigenräte der Regierung, deren Ergebnisse ebenfalls öffentlich sind und die sich vorwiegend mit inter- und transdisziplinären Forschungsfragen zur Evidenzbasis beschäftigen. Nicht zuletzt verfügt auch das Parlament über einen wissenschaftlichen Dienst. Was soll da eine von Partikularinteressen geleitete Plattform der Wissenschaft?

    Nebenbei: Natürlich gibt es bereits solche Plattformen in Deutschland,. Sie haben ihre Büros in Berlin. Das sind Konsortien von Wissenschaftsvertretern, die in so genannten parlamentarischen Gesprächsrunden mit üppigem Catering mehr Geld für ihre ganz spezielle Wissenschaftsdisziplin herausholen wollen.

    Solidarität mit dem Süden zeigen, Punkt 2 Deines Vier-Punkte-Programms: Sehr schön altruistisch. Aber ebenfalls äußerst problematisch.

    Solange sich in den Köpfen der westlichen Wissenschaftler nicht ein totaler Wertewandel vollzieht, führt das nur zu einem neuen Kolonialismus. „Erforschung und Anwendung von indigenem Wissen“, schreibst Du. Und weiter oben: „Die Hochschulen des Nordens … müssen dort [in den Entwicklungsländern] intensiv und solidarisch mithelfen, eine indigene Wissenschaft zu etablieren.“

    Aber was wissen und verstehen westliche Wissenschaftler von indigenem Wissen? Mehr noch: Was bleibt afrikanischen Wissenschaftlern, die an der ETH ausgebildet wurden, denn am Ende überhaupt noch von ihrem eigenen indigenen Wissen übrig? Kaum etwas.

    Ich war gerade beim Science Forum South Africa, vergleichbar dem europäischen ESOF oder dem nordamerikanischen AAAS-Kongress. Die Gespräche und Erlebnisse dort haben mich sehr ins Nachdenken gebracht. Es erweitert den Horizont immer wieder ungemein, vor Ort mit Menschen zu sprechen.

    Ein Agronom aus Kamerun brachte es auf den Punkt: „Ihr Europäer“, sagte er zu mir, „wollt immer nur, dass wir Afrikaner uns selbst so sehen, wie ihr Europäer uns seht.“

    Die dort vortragenden europäischen Wissenschaftler wollten ihren afrikanischen Kollegen beibringen, was Wissenschaft ist und welche Ansätze es gibt, Probleme des Kontinents zu lösen. Aber es hat keiner hingeschaut und gesehen, dass die Afrikaner selbst gute Lösungen für viele Probleme ohne die europäische Wissenschaft gefunden haben. Wobei die einfachste Lösung sowieso wäre, wenn die Bewohner der reichen Staaten ihren Konsum einschränken würden.

    Nachdem Afrika als Rohstofflieferant an Bedeutung verliert, möchte die globale Wirtschaft den Kontinent jetzt als Absatzmarkt entwickeln — und da hilft die westliche Wissenschaft ganz enorm, genauso, wie es einst die Missionare taten, als es um Rohstoffe ging.

    „Niemand hat euch um eure Hilfe gebeten“, sagte mir ein anderer Wissenschaftler während des Kongresses in Pretoria.

    Denn wie sieht das Bemühen der westlichen Wissenschaft um indigene Wissenschaft heute aus? Westliche Forschergruppen fallen ein, studieren das indigene Wissen und machen Patente daraus. Die, die das Wissen bereit gestellt haben, bleiben arm, ja, sie dürfen ihr Wissen u.U. selbst nicht einmal mehr anwenden, ohne Lizenzgebühren an westliche Forschungseinrichtungen und Unternehmen zu zahlen.

    Solange kein afrikanischer Wissenschaftler um Hilfe bittet, solange kein Wandel in den Köpfen westlicher Forscher stattfindet, solange sollten westliche Forscher die Finger von wissenschaftlichen Engagements in Entwicklungsländern lassen.

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