Avanti, avanti Dilettanti?

Wissenschaft Kontrovers beim Bürgerradio Lora 92.4 beschäftigte sich in seiner Märzsendung 2017 mit Citizen Science. Wieviel Wissenschaftler steckt im Bürger? Wo verlaufen die Grenzen zwischen Wissenschaftlern und Laien? Sollten Wähler und Steuerzahler auch über Forschungsbudgets mitentscheiden? Unter Leitung von Günter Löffelmann diskutierten live im Lorastudio: Professor Dr. Michael Klein, Wissenschaftshistoriker, TU Berlin, München, Geschäftsführer der Deutschen Akademie für Technikwissenschaften acatech; Erwin Fellner, Politikberater und Bürgerwissenschaftler; zugeschaltet per Einspieler war der Diplombiologe Rüdiger Trojok.

Professor Dr. Michael Klein, Wissenschaftshistoriker und acatech Generalsekretär; Wolfgang Goede, Co-Moderator; Günter Löffelmann, Moderator; Erwin Fellner, Politikberater und Bürgerwissenschaftler (v. li. n. re.) (c) Goede

Citizen Science oder Bürgerwissenschaft ist nichts Neues. Wie Historiker Klein erklärte, wurde viel Lokal- und Regionalgeschichte von Laien, Lehrern, Heimatvereinen erforscht, die damit erst die Grundlagen für größere historische Zusammenhänge lieferten. Das Hobby- oder Laienprinzip gelte auch für die Naturwissenschaften, ergänzte Löffelmann. Darwin, der Begründer der modernen Evolutionstheorie, war Autodidakt und im modernen Sinne Bürgerwissenschaftler.

KONSULTATIVE BÜRGERMACHT

Doch warum ist Bürgerwissenschaft heute so im Trend? Fellner verwies auf ein neues Buch der Politologen Claus Leggewie und Patrizia Nanz mit dem Titel „Die Konsultative“ (Wagenbach). Bürger hätten unabhängig von den etablierten Produktionsstätten neuer Erkenntnisse viel Wissen und Knowhow angesammelt. Das dränge in die Gesellschaft und erfordere einen Wissenstransfer in beide Richtungen, verlangte Fellner.

Der Bürger, im Zusammenspiel mit Zivilgesellschaft und NGOs, sei die Konsultative, emanzipierter Partner und Stakeholder in den gesamtgesellschaftlichen Entscheidungsprozessen, neben Exekutive, Legislative und Judikative die neue vierte unabhängige Macht im Staat.

„NUR MEINUNG IST NIE GUT!“

Aus eigenen Erfahrungen wusste Fellner zu berichten, dass Universitäten Bürgerwissenschaftlern oft die kalte Schulter zeigten. Er plädierte für die „Etablierung eines Dialogs, gleichwohl mit klaren Regeln und Rollenverteilung: „Hobbyforscher sollten nicht in Demut erstarren, aber auch ihre Grenzen wissen.“ Nicht jeder Marienkäferzähler sei Bürgerwissenschaftler.

Klein drängte wiederholt auf eine klare Rollenverteilung zwischen Wissenschaftlern und Bürgerwissenschaftlern, als Voraussetzung für Teilhabe. „Nur Meinung ist nie gut“, erklärte er und forderte Grundwissen. Wenn er ins Restaurant gehe, wollte er keinen Koch, der sagte, „er möchte auch mal kochen“, doch er müsste für diese Profession auch kompetent sein. Was Fellner den humorvollen Einwurf „Avanti Dilettanti“ entlockte. Der aber durchaus ernst gemeint war und erneut die Frage nach den Grenzen zwischen Forschern und Bürgern aufwarf.

LAIEN-EXPERTEN-TANDEMS

Die versuchte Co-Moderator Wolfgang Goede zu beantworten. In der Selbsthilfe, mittlerweile ein essenzieller Bestandteil des Gesundheitssystems, hätten die meisten Kranken Expertenstatus und lieferten wichtige Daten über Krankheiten. Ob bei Krebs oder Depressionen, Selbsthilfegruppen seien wichtige Regulatoren und Motivatoren zur Krankheitsüberwindung. Insofern werden Laien mittlerweile auch Betroffenheits- und Erfahrungsexperten bezeichnet, die mit den Fachexperten in Tandems operierten, wobei der eine ohne den anderen gar nicht mehr denkbar sei.

In die Diskussion spielte Löffelmann Teile eines Interviews ein, das er mit dem Diplombiologen Trojok vor der Sendung geführt hatte. Er vertrat die Meinung, dass Bürger als Lieferanten wichtiger Daten von der Wissenschaft ausgebeutet würden. Bürgerwissenschaftler, wie die um die Gruppe Biostrike, könnten wichtige neue Erkenntnisse liefern, was sich gegen die alarmierende Resistenz gegen Antibiotika unternehmen lasse.

„(K)EINE AUSBEUTUNG“

Klein erhob Einwände gegen das Wort „Ausbeutung“, räumte aber ein, dass Forscher „vom Podest“ steigen müssten. So wie acatech dies praktiziere mit einem speziellen Beteiligungsprogramm: „der frühen Einbindung von Bürgern“, z.B. bei der künstlichen Photosynthese als Energiequelle der Zukunft. Goede fragte, ob das genüge und zitierte aus dem deutschen Standardwerk für Citizen Science, „Freie Bürger Freie Wissenschaft“ (oekom), in dem der Herausgeber Professor Dr. Peter Finke etliche Fachleute aus unterschiedlichsten Blickwinkeln das Thema ausleuchten lässt.

Zum Beispiel durch Vertreter des BUNDs Naturschutz, in dessen 2000 Kreisverbänden hochkarätige Wissenschaftler tätig sind, die aber in den etablierten Forschungsgremien nicht vertreten sind. Oder durch Steffi Ober, Begründerin der Aktion Forschungswende, die kritisiert, dass Forschung zu sehr von der Wirtschaft und den Gesetzen des Wachstums getrieben ist und zu wenig soziale, kulturelle, ökologische Fragen berücksichtigt.

„INNOVATION OHNE REPRÄSENTATION?“

Eine Kernfrage rund um die Bürgerwissenschaft ist, so der Finke-Reader, ob man Steuerzahler nicht mehr direkt an der Verteilung von Forschungsgeldern beteiligen muss, auch um das schwindende Vertrauen der Öffentlichkeit in die Wissenschaft als Zukunftsgestalter wieder zu stärken. „Keine Innovation ohne Repräsentation?“, fragte Goede.

Klein verwies auf die Regeln der repräsentativen Demokratie und des Rechtsstaats und warnte vor direkter Demokratie in der Forschung. Die würde Mainstream-Forschungsfelder wie Medizin begünstigen, zuungunsten aller eher unpopulären Wissenschaften wie Musikforschung. Die letzten Referenden und Wahlen in der Welt hätten die Gefahren des Populismus demonstriert, mahnte Klein.

„MEHR WISSENSCHAFT IN DEN MEDIEN!“

„Wo steht Citizen Science in zehn Jahren?“, wollte der Wissenschaft-Kontrovers-Moderator zum Abschluss von seinen Studiogästen wissen. Der acatech-Generalsekretär wäre zufrieden, wenn es mehr solche Wissenschaftsprogramme wie das von Lora gäbe, „am besten dreimal täglich!“, befand er. Der Bürgerwissenschaftler Fellner wünschte sich, dass fünf Prozent der Forschungsgelder Bürgerforschern oder Citizen Science zur Verfügung stünden. Immerhin, vier Millionen Euro enthält der Etat des Bundesforschungsministeriums dafür bereits.

Die Audiodatei der Sendung zum Nachhören findet sich auf der Homepage von Günter Löffelmann
http://www.form-und-fuellung.de/citizen-science-wie-viel-buergerbeteiligung-braucht-die-wissenschaft/

SAVE THE DATE: Nächste Sendung am 29. Juni 2017: Post-Fakten und Alternativ-Fakten: Der Kampf der Wissenschaft um Objektivität.

Nanz/Leggewie: Die Konsultative
https://www.wagenbach.de/buecher/titel/1026-die-konsultative.html

Finke: Reader Citizen Science
https://www.oekom.de/nc/buecher/gesamtprogramm/buch/freie-buerger-freie-forschung.html

Bürgerwissenschaft in Aktion: Biostrike
https://www.synenergene.eu/blog/biostrike

acatech: Technik gemeinsam gestalten
http://www.acatech.de/fotosynthese

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