Wissenschaft ist politisch!

Shawn Otto (vorne) und seine Quellen (c) Goede

Für eine funktionierende Demokratie sind Fakten grundlegend. Denn nur mit Hilfe verlässlicher Daten gelingt die parlamentarische Auseinandersetzung. Wo es sie nicht gibt, regiert Willkür. Darauf hat es die Neue Rechte angelegt. Mit Post-Fakten und alternativen Fakten, erfundenen Wahrheiten, also Lügen die Faktizität auszuhebeln und damit einer eigenen politisch opportunen Interpretation Geltung zu verschaffen. Diese Zusammenhänge deckte Shawn Otto, Erfinder der US-amerikanischen Wissenschaftsdebatte, auf der Europäischen Konferenz für Wissenschaftsjournalisten in Kopenhagen auf.

Wissenschaft ist eine Errungenschaft des demokratischen Geistes. Warum? Wenn jemand Wahrheit mit den Mitteln der Wissenschaft finden kann, dann sind wir alle gleich. Kein König, Papst oder reicher Adeliger hat mehr Recht, uns zu regieren, als wir, das Volker selber. Darin stimmten die größten Natur- und Gesellschaftswissenschaftler überein: Issac Newton, Francis Bacon, John Locke.

INDUSTRIE FÜHRT KRIEG GEGEN WISSENSCHAFT

Gefangen im Netz der Lügen (c) Goede

Dazu aber müssen die Menschen gut informiert und gut gebildet sein. Das ist heute in Schlüsselwissenschaften und –technologien immer weniger der Fall. Betroffen sind Nuklearenergie und Gentechnologie, Nanotech und Künstliche Intelligenz, außerdem zunehmend Gesundheit und Impfschutz. Während Italien gerade eine gesetzliche Impfpflicht eingeführt hat, strömen die ersten Impfflüchtlinge nach Finnland, war auf der ECSJ 2017 zu hören.

Die Grundregel der Wissenschaft ist immer beides, liberal und konservativ zugleich. Letzteres, um altes Wissen zu bewahren, Ersteres, um es immer wieder auf die Probe zu stellen, ob die alten Regeln noch funktionieren.

Einstein-Lektionen (c) Goede

Auf vielen Gebieten führt die Industrie einen Krieg gegen die Wissenschaft. Er wurde gestartet durch die Tabakindustrie. Er zog die Erkenntnisse der Wissenschaft, dass Rauchen nachhaltig gesundheitsschädigend ist, systematisch in Zweifel. Das dazugehörige Buch heißt „Merchants of doubt“. Diese Anti-Wissenschaft-PR-Strategie wurde auf den Klimawandel übertragen.

ES GIBT KEINE OBJEKTIVITÄT

Entsprechende Materialien werden an willige Blogger geschickt. Gegen ein wissenschaftliches Thema wird dann auch durch Graswurzel-Aktionsgruppen heftig agitiert. Irgendwann nimmt die Presse davon Kenntnis, besonders die Boulevardpresse. Die sozialen Netzwerke tun ein Weiteres. Irgendwann sagt jemand in der Politik, dass dagegen Maßnahmen ergriffen werden müssten. Er erhält Unterstützung durch die Wirtschaft. Die Front wächst systematisch.

Michael Galsworthy, Anti-Brexit-Führer (c) Goede

Das alles gipfelt in der Behauptung, dass es keine Objektivität gebe. Die ist in der Tat zwar oft schwer zu ermitteln, aber es gibt Fakten, etwa dass die Erde rund ist, um die Sonne sich bewegt, zwei und zwei gleich vier ist. Nach dem oben dargelegten Anpassungsprozess strengt die Politik einen Kompromiss an. Aus der aus der Luft gegriffenen Behauptung, zwei plus zwei sei gleich sechs, wird offiziell eine fünf.

Je mehr das um sich greift, desto intensiver sieht sich der Mensch einer wachsenden Einkreisung ausgesetzt. Beispiel: Wenn eine Mehrheit sich einig scheint, dass der Klimawandel erfunden ist, wie und aus welchen Quellen soll er für die Fakten argumentieren.

RELATIVITÄTS- UND KLIMALEUGNER

Shawn Otto und Michael Galsworthy mit dem Konferenzveranstalter, Jens Degett (c) Goede

So wurde Einstein bereits in den 1920er Jahren fertiggemacht. Die politische Rechte tat sich als Relativitätsleugner hervor. Sie nannte Einsteins Theorie „Jüdische Wissenschaft“ und eine Ente („hoax“). Genauso argumentiert US-Präsident Trump gegenüber dem Klimawandel. Auch die Brexit-Befürworter argumentierten ähnlich. Das stellte der Brite Michael Galsworthy, Führer der Anti-Brexit-Bewegung, in einem ergänzenden Vortrag heraus.

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Ein Gedanke zu “Wissenschaft ist politisch!

  1. Da wäre ich gerne dabei gewesen. Ich habe schon über Shawn Otto geschrieben und hätte es wieder getan. Leider war ich nicht eingeladen.

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