Zwischen Kooperation und Korruption – Wie unabhängig ist die Wissenschaft?

Im Frühjahr gingen beim Science March 3000 Münchner Wissenschaftler auf die Straße. Sie forderten die Berücksichtigung wissenschaftlicher Fakten, insbesondere die über die Klimaerwärmung, in der Politik. Aber wird die Wissenschaft nicht auch zunehmend entwertet durch ihre Abhängigkeit von Industriegeldern? Das diskutierte die Juni-Sendung Wissenschaft Kontrovers bei Radio Lora München 92,4 mit Professor Dr. Christian Kreiß, Hochschule Aalen. Der Volkswirt ist Autor des Buches „Gekaufte Forschung“.

Science March München (c) Goede

Der Studiogast bedauerte, dass in den letzten 25 Jahren die Grundmittel zur Finanzierung der Forschung immer mehr geschrumpft seien. Im Gegenzug wären die Drittmittel stark angewachsen. Das sind Gelder, die nicht von den Bundesländern kommen (zuständig für Bildung), sondern vom Bund, der EU, der Wirtschaft. Besonders problematisch findet Kreiß Zuwendungen aus der Industrie, die Lehrstühle und Professoren finanzieren.

GELDDIKTATUR

In diese Stiftungsprofessuren fließen jährlich zwei Milliarden Euro. Die Nutznießer davon forschten nach Kreiß’ Erkenntnis oft an Projekten der Industrie und erfüllten deren Aufträge. „Das ist ein Irrweg“, befand er, „und hebelt die freie Forschung aus.“ Sie werde von immer mehr Konzerngeldern beeinflusst und von ihnen „ökonomisch vereinnahmt“, in einer Art „Gelddiktatur“.

Science March (c) Goede

Auf Nachfrage von Moderator Günter Löffelmann, ob dadurch die gesamte Forschung verzerrt werde, räumte Kreiß einen relativ geringen Anteil dieser Mittel am Gesamtforschungsvolumen ein. 20 Prozent dieser Drittmittel stehen 80 Prozent von öffentlichen Geldern gegenüber, die in die Arbeit der großen Forschungsgesellschaften wie etwa Deutsche Forschungsgemeinschaft und Max Planck Gesellschaft fließen. Aber auch hieran übte der Volkswirt Kritik.

PROFIT VOR GEMEINWOHL

Über die Verteilung dieser Mittel aus dem Bundesministerium für Bildung und Forschung BMWF werde zum großen Teil vom Hightech-Forum entschieden. In diesem säßen hauptsächlich wiederum Vertreter der Industrie und Wirtschaft. Die Zivilgesellschaft und NGOs seien aber nicht repräsentiert. Dies nannte Kreiß die „Farce von den unabhängigen Staatsmitteln“.

Auf den Einwand von Co-Moderator Wolfgang Goede hin, ob in einer Marktwirtschaft ein wirtschaftliches Übergewicht bei der Mittelverteilung nicht zu erwarten sei, auch um der Konjunktur und Arbeitsplatzsicherung willen, und ob dies vielleicht nicht das geringere Übel sei, eingedenk eklatanten Missbrauchs der Forschung durch den Staat im Dritten Reich, antwortete der Studiogast: Als ehemaliger Investmentbanker wisse er, dass es der Industrie heute um kein Gemeinwohl mehr gehe, sondern drei Ziele, „Profit, Profit, Profit“.

14 MRD. € DIREKT AN HOCHSCHULEN?

Science March (c) Goede

Beispiele dafür seien Manipulationen der Tabak- und Pharmaindustrie, ausführlich dargelegt in Kreiß’ Buch. Als einen weiteren Fall nannte er ein deutsches Institut für Arbeitsrecht. Es sei arbeitgeberfinanziert und vertrete konsequent arbeitgeberfreundliche Positionen. „Die Gewerkschaften haben keine Lehrstühle“, sagte Kreiß und bekräftigte: Geistiges Eigentum werde zu Geldeigentum, Wahrheitssinn und Geist korrumpiert.

Auf die Frage nach Lösungen für dieses Dilemma schlug der Hochschulprofessor vor, die Geldmittel des BMWF unter Umgehung des Hightech-Forums künftig direkt an die Universitäten auszuschütten. Das sind 14 Milliarden Euro.

MEHR GRUNDMITTEL UND TRANSPARENZ!

Löffelmann fragte nach den Verteilungskriterien: Gießkanne, „also gleiche Anteile für onkologische Forschung und keltische Gewandfibeln“, oder ein spezieller Schlüssel? Kreiß schlug vor, dass sich die Höhe der Gelder nach Größe der Hochschulen und Studentenzahlen bemessen sollten. Er habe das Vertrauen, dass die Wissenschaftler das untereinander regeln könnten und auch müssten. Denn auch die Hochschulräte seien von der Industrie dominiert.

Science March (c) Goede

Am Ende einigte sich die Radio-Lora-Debatte auf zwei grundsätzliche Maßnahmen für eine robustere Verankerung der Freiheit der Forschung in Deutschland: Eine verstärkte Grundfinanzierung, seit Jahrzehnten rückläufig, sowie eine viel größere Transparenz bei der Vergabe und Nutzung von Drittmitteln.

Audio-Datei zum Nachhören der Sendung auf der Web-Seite des Wissenschaft-Kontrovers-Moderators Günter Löffelmann

Hintergrund: Science March in Munich: Don’t Mess With Science!

Nächste Sendung Wissenschaft Kontrovers am Donnerstag, 28. September 2017: Ernährung gänzlich ohne Tiere. Utopie oder unsere tägliche Kost von morgen? Stichwort: Post Animal Bioeconomy

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Ein Gedanke zu “Zwischen Kooperation und Korruption – Wie unabhängig ist die Wissenschaft?

  1. Lieber Arno, liebe TELI-Freunde (und Freunde der Debatte_wg),

    ich finde solche Aktionen wie den Science March gut; ich finde auch gut, dass darüber berichtet wird. Weniger gut finde ich, in welcher Form die TELI undifferenzierte Pauschalisierungen verbreitet, statt sich für eine differenzierte Betrachtung und Bewertung einzusetzen.

    Nur zwei Hinweise:
    Prof Kreiß palavert pauschal von „der Industrie, die nur Profit, Profit, Profit“ kenne. Dazu:

    1. Gibt es nicht einfach „die Industrie“ – es gibt in gesellschaftsrechtlicher Hinsicht, in Größe, Struktur, Führung, Branchen, Produkte eine erfreuliche Vielfalt. Prof. Kreiß möge sich mal in ein paar Familienunternehmen umsehen! Ich nenne als Beispiel den Automobilzulieferer Kirchhoff, über den (und dessen „Profitgier“) ich mich kürzlich informieren konnte und wenn die TELI einen Preis zu vergehen hätte, würde ich den über 90-jährigen Jochen Kirchhoff dafür vorschlagen. Einfach und pauschal die wohl unbestrittene Notwendigkeit finanziell positiver Abschlüsse in der Wirtschaft mit Profitgier zu charakterisieren, ist unwissenschaftlich und kann nicht unwidersprochen bleiben. Dabei verkenne ich keineswegs, dass es etliche Unternehmen gibt, auf die die Einschätzung von Kreiß zutrifft.

    2. Es ist ebenso einfach wie billig, die Industrieabhängigkeit der Forschung pauschal zu beklagen. Ich halte dem entgegen: Sind wir froh, dass die Industrie für Forschung Geld ausgibt, Forscher beschäftigt, um die Welt lebenswerter zu machen (durchaus bisweilen auch mit nachteiligen Effekten!). Wäre ich zynisch, würde ich sagen: wem’s nicht behagt, braucht von keiner Industrie Geld für seine Forschung zu nehmen. Ohne Zynismus sage ich: Jeder (technisch-wissenschaftliche) Journalist hat die Aufgabe, Forschungsergebnisse zu hinterfragen und deren Auftraggeber in Erfahrung zu bringen und dann anhand von Fakten zu bewerten. Forschung wird nicht allein dadurch zweifelhaft, dass sie (auch) von Industrieunternehmen oder –verbänden bezahlt wird, und sie wird umgekehrt nicht allein dadurch besser, dass sie von NGOs (die im Wesentlichen Interessenvertreter unter dem Hut des Gemeinwohls sind) getragen wird.

    Man kann auf jeden eindreschen, der Geld für Forschung gibt: Sei es die Industrie, die die Leute nur an der Nase herumführen will, sei es die Politik, die dann auch noch unverschämterweise mitreden will…

    An dieser Dresche möchte ich mit keinem Handschlag mitwirken, und ob solche Dresche der TELI gut tut, kann ich schwerlich erkennen.

    BTW: Liberal und konservativ sind keine Gegensätze, wenn überhaupt waren sie das einmal bis zum Ende der sozial-liberalen Koalition anno 1982, aber als Schlagwortpaar klingt das noch immer schön süffig!

    Viele Grüße
    Eberhard Wühle
    TELI Mitglied
    (gepostet von wg)

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