VEGANISMUS – die bessere Art zu leben?

Veganismus-Debattanten bei Radio Lora München 92.4: René Schärling, PETA (Stoppt Tierquälerei), Professor Franz-Theo Gottwald, Ernährungsethiker, Günter Löffelmann, Medizinjournalist und Wissenschaft-Kontrovers-Moderator (v.li.n.re.) (c) Goede

Vegane Ernährung ist in. Selbst Metzger haben Tofuburger mittlerweile in der Auslage. Ist der Verzicht auf Fleisch und Tierprodukte ein Gebot der Moral? Für Umwelt, Klimaschutz, das Wohl der Tiere? Radio Lora „Wissenschaft kontrovers“ befragte dazu zwei Experten: René Schärling von PETA, weltweit größte Tierrechtsorganisation. Der Humangeograf lebt seit zehn Jahren vegan. Franz-Theo Gottwald, Honorarprofessor für Umwelt-, Agrar- und Ernährungsethik sowie Vorstand der Schweisfurth-Stiftung, ehemaliger Vegetarier.

VEGANE STUDENTINNEN

„Veganismus ist besonders beliebt bei gut gebildeten Frauen, idealtypisch 25-jährigen Studentinnen“, berichtete Schärling. Etwa ein Prozent der Bevölkerung lebe vegan. Ein Viertel davon entfalle auf Männer.

Warum vegan essen? „Aus ethischen Gründen“, wusste der PETA-Mitarbeiter. Veganer fühlen sich abgeschreckt von Lebensmittelskandalen. Sie wollen gegen Massentierhaltung protestieren. Einen aktiven Beitrag zum Umweltschutz leisten. Betroffenheit über die eigene Gesundheit und Förderung derselben spielten bei der Entscheidung für veganes Leben keine große Rolle, sagte Schärling.

KLASSE STATT MASSE

Gottwald befand, dass die Gesellschaft heute zu viele Tierprodukte erzeugt und konsumiert. „Ein Anteil von 18 bis 20 Prozent ist völlig ausreichend“, stellte er fest. Was dem Stand von etwa 1960 entspreche. Den hohen Fleischkonsum hält der Ernährungswissenschaftler für ein Wohlstandsphänomen. Er plädierte für eine Ernährungswende: „Weg von Masse, hin zu Klasse.“

Wissenschaft kontrovers: Während PETA und Schärling sich für null Tierprodukte einsetzen, will Gottwald einen reduzierten Fleischkonsum. Mit welchen Argumenten?

MORALISCHER IMPERATIV?

Hinter dem Engagement von PETA steckt ein moralischer Imperativ. Tiere haben einen naturgegebenen Anspruch auf Respekt und Achtung. Deshalb dürfen wir sie und ihre Produkte nicht verzehren. Dafür gibt es in der Natur genug Ersatz, „was wir viel mehr progagieren und viel schneller umsetzen müssen“, verlangte Schärling in der Sendung.

TIEREN GEHT ES BESSER

Gottwald näherte sich dem Thema pragmatisch. Er bekannte sich zu „Ja zum Fleisch, Nein zum Tierleid“. Seit der BSE-Krise 2001 („Rinderwahnsinn“) hätten sich die Zustände deutlich verbessert. Die Qualitätssicherung bei Fleisch und Milch greife. Es gebe staatliche Anreize für tierwohlgerechte Ställe, auch viele Beispiele für eine gut gemanagte Massentierhaltung.

Als Vertreter der Schweisfurth-Stiftung, die für eine verantwortungsvolle Landwirtschaft eintritt, aber nicht fleischfreie, stellte er die wirtschaftliche Gretchenfrage, dass nämlich 200 000 Betriebe von der Tierhaltung abhängen, die sich nicht von heute auf morgen abwickeln lassen.

RAUBBAU?

Großtierhaltung ist futterintensiv. Statt mit Soja Schweine zu mästen, ließe sich die wachsende Weltbevölkerung viel verlässlicher versorgen, wenn die Menschen sich direkt von Soja ernährten.

Diesem Argument für vegane Lebensweise, von Schärling unterstützt, stellte Moderator Günter Löffelmann ein anderes entgegen. Dass für einige Forscher Veganismus zum Raubbau führe, weil bioveganer Landbau den Böden zu viele Nährstoffe entzöge. Auch die Dünger durch Tiere und deren Ausscheidungen fehlten. Was sich nur durch Brachen, unterschiedliche Fruchtfolgen, künstliche Stickstoffeinträge beheben ließe.

100 JAHRE TRANSFORMATION

Tierschützer Schärling konterte, dass wir ja auch heute weit von einer gesunden Nährstoffbalance entfernt seien und die meisten Böden überdüngt seien. Beim Raubbau waren sich beide Lora-Gäste einig, dass der Vorwurf durch mehr Forschung abgeklärt werden beziehungsweise dazu Bewirtschaftungsalternativen entwickelt werden müssten.

Gleichwohl sich Gottwald in seiner Grundannahme bestätigt sah, dass „die Transformations- und Umsteuerungsprozesse in unserer Ernährung bestimmt noch hundert Jahre dauern“ werden. Für eine solche Wende sind aber auch viel mehr Praxisprojekte und deren Förderung erforderlich. Schärling verwies auf einen erfolgreichen veganen Gärtnerbetrieb in Bienenbüttel/Niedersachsen, wovon es leider zu wenig gebe.

ERNÄHRUNGS-DIKTATUR?

Löffelmann fragte nach Meinungen über den „Veggie-Tag“. Ein fleischfreier Tag war im Bundestagswahlkampf 2013 von den Grünen verlangt worden, was der Partei viel Häme eingebracht hatte. Schärling, der sich für Umweltsiegel für vegane Gerichte in Kantinen einsetzt, berichtete von merklichen Fortschritten:

„In vielen Mensen ist der Donnerstag mittlerweile ein traditioneller Gesundheitstag mit großem Vegan-Angebot.“ Ein staatliches Durchsetzen von Diäten hält Gottwald für verfehlt: „Keine Ernährungsdiktatur der moralisch Überlegenen“, sagte er dazu.

LABORFLEISCH

Ernährung der Zukunft: mit künstlichem Fleisch aus Stammzellen? Auch hierüber schieden sich die Geister. Für Gottwald eine Frage des Preises und wieviel Energie die Herstellung erfordere. Insgesamt werde der technische Fortschritt uns schwer vom Tier loskommen lassen. Stichwort: Schweine als Ersatzteillager für menschliche Organe.

Schärling sah im Laborfleisch eine Chance, dem Tierfleisch zu entsagen. Doch dafür seien tierische Stammzellen erforderlich, also Tierprodukte, was nicht vegan ist.

VERWILDERTE SCHWEINE?

Wäre denn überhaupt eine Welt ohne Nutztiere vorstellbar, die sogenannte postanimalische Bio-Ökonomie? Wenn das Vieh verwildert, wird es zu einer Gefahr, wie heute die Wölfe?

„Nutztiere entstanden in einem jahrtausendelangen Koevolutionsprozess mit und durch den Menschen und können nicht so einfach wieder ausgewildert werden“, antwortete Gottwald. Diese Transformation erfordere einen langen Atem.

Schärling verwies auf das Prinzip von Angebot und Nachfrage. Je mehr Menschen sich vegan ernährten, desto weniger Tiere müssten nachgezüchtet werden.

Zum Nachhören der Sendung –> http://www.form-und-fuellung.de/veganismus-die-bessere-art-zu-leben/

Die nächste Radio Lora Wissenschaft Kontrovers Sendung am 1. März 2018, 20 bis 21 Uhr, zu künstliche Intelligenz KI.

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