Wackersdorfrevolte gegen Datenkraken?

Grenzen des Individualismus: Das war das Thema von Radio Lora „Wissenschaft Kontrovers“ am 6. Juni 2018. Wie frei ist das Individuum? Ächzt es nicht im Klammergriff des Kollektivs? Wie kann das Individuum ausbrechen? Geht das überhaupt noch – oder sind das neue Kollektiv allmächtige Serverfarmen?

Das neue Lora-Wissenschaft-Kontrovers-Team (v. l. n. r.): Arno Kral, Günter Löffelmann, Wolfgang Goede (c) Kral

Wissenschaft-Kontrovers-Moderator Günter Löffelmann, Medizinjournalist, begrüßte Arno Kral, bisher mehrfach Gast in der Sendung, nunmehr Mitglied im Redaktionsteam: Herzlich willkommen!

Beim diesmaligen Thema über Individualismus argumentierte der IT-Experte Arno Kral gegen den Sozialwissenschaftler Wolfgang Chr. Goede. Kral trug Gründe vor, warum die individuelle Entfaltung zunehmend durch die sozialen Netzwerke und die Silicon-Riesen gehemmt werde. Goede dagegen setzte auf die historische und besonders in der abendländischen Kultur verwurzelte kritische Geisteskraft des Individuums.

INDIVIDUUM + KOLLEKTIV = YIN + Yang

Konsens war, dass das Individuum in allen Kulturen im Kollektiv eingebettet ist. Das regelt den Umgang mit dem Einzelmenschen, in Gestalt von Ritualen, Konventionen, Regeln. Die reichen, je nach Kultur, von starr bis flexibel. Das Wechselspiel zwischen den beiden Polen bezeichnete Kral als Yin und Yang, grundlegende Dialektik der Menschengesellschaft.

Goede machte darauf aufmerksam, dass die Kultur- und Zivilisationsgeschichte des Menschen von seriellen Ausbrüchen aus diesem Korsett getrieben sei, durch Einzelmenschen als Spitze der Veränderung und des Fortschritts, gegen mächtige Widerstände. Alle großen Schöpfungen des Geistes, ob in Kunst und Kultur, Technik und Wissenschaft, haben sich gegen die Beharrungskräfte des Kollektivs durchsetzen müssen, das den Status quo nicht riskieren möchte. Der Durchschnittsmensch fühlt sich in der Mitte am besten aufgehoben.

DEUTSCHES MUSEUM – DENKMAL INDIVIDUELLEN SCHÖPFERGEISTES

Goede: Das Individuum, in der Freiheit, selbstständig zu denken und die Ergebnisse seiner Reflexion durchzusetzen, auch gegen alle persönlichen Risiken, oft ein leidvoller Opfergang bis zur Vogelfreiheit, sei bis heute die größte Veränderungskraft. Als berühmtes „Denkmal“ dieser Geisteshaltung nannte Goede das Deutsche Museum in München.

Kral verwies auf die Tendenz menschlicher Gesellschaften, erfinderische Durchbrüche zu monopolisieren. So hätte der Mensch mit der Eisenbahn, deren Betreibern und den dahinter stehenden politischen Systemen ganze Kontinente unter sich aufgeteilt. Gleichwohl zeige die Geschichte, dass es regelmäßig gelinge, solche Monopole zu brechen, wie etwa den AT&T-Telefon-Riesen.

DIGITALE GLEICHSCHALTUNG

Mit der fortschreitenden Digitalisierung und dem Entstehen der sozialen Netzwerke sei aber „der gesellschaftliche Konsens aufgekündigt worden“, sagte Kral. Der Nutzer sei ein Objekt einer Gleichschaltungsmaschinerie, kraft der auf sein Profil maßgeschneiderte Informations- und Werbeinhalte verschickt würden, um individuelles Verhalten zu steuern. „Das neue Kollektiv“, kritisierte er, „sind die Serverfarmen“.

Am Ende der Sendung steuerte Moderator Günter Löffelmann eine Synthese der unterschiedlichen Standpunkte an: die singuläre und disruptive Veränderungskraft des Einzelmenschen gegen die schützende und regulierende Kraft der Gesamtgesellschaft, ein diffiziles Beziehungsnetz, das ständig in beide Richtungen wirkt und um eine ausgleichende Balance bemüht ist. Eine Zusammenführung könnte im Folgenden bestehen.

TRAGBARE TELEFONZELLE GEGEN SMARTPHONE?

Kral hatte das Engagement der Bürger gegen die Atomwiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf als Ergebnis guter kollektiver Kooperation herausgestellt. Das habe zum historischen Ausstieg Deutschlands aus der Atomenergie geführt, einem Modellfall für die Welt.

Goede hatte durch die Sendung argumentiert, dass das Silicon Valley nur deshalb so viel Macht habe entfalten können, weil die Menschen, besonders auch Intellektuelle so kritiklos den digitalen Neuerungen gefolgt seien. Als Gegenbeispiel hatte er den Gebrauch einer „tragbaren Telefonzelle“ in Gestalt eines nicht-intelligenten Tastentelefons propagiert.

HUMANE DIGITALISIERUNG EINFORDERN

Gleichwohl, die Arme der Kraken werden länger, die galoppierende Digitalisierung und Durchalgorithmisierung der Gesellschaft von Mal zu Mal intensiver, ohne Rechner ob auf dem Handy oder PC/Tablet ist ein Leben fast nicht mehr möglich, deshalb: Wäre es nicht Zeit, in Gedenken an die erfolgreiche Wackersdorfrevolte diesen Widerstand, getriggert von beherzten Individuen, später dann getragen vom Kollektiv, konzertiert ins Silicon Valley zu tragen und dort eine humane Digitalisierung einzufordern?

In der Abmoderation dankte Günter Löffelmann Günter Bauer für das wie immer verlässliche Wahrnehmen der Sendetechnik und kündigte für die Wissenschaft-Kontrovers-Folgesendung am 6. September 2018 das Thema Transhumanismus an: Wenn technische Assistenzsysteme und Prothesen jedweder Art immer mehr in Körper, Geist, Seele eingreifen.

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Literatur zum Vertiefen der Kontroverse, in Klassikern und aktuellen Bestsellern:

Immanuel Kant: Die Kritik der reinen Vernunft

Richard David Precht: Jäger, Hirten, Kritiker: Eine Utopie für die digitale Gesellschaft

Jaron Lanier: Zehn Gründe, warum du deine deine Social Media Accounts sofort löschen musst

Audio-Datei zum Nachhören der Lora-Kontroverse (bei Löffelmann „Form und Füllung“ finden sich auch die Mitschnitte aller vergangenen Wissenschafts-Kontrovers-Sendungen beim Münchner Bürgerradio Lora 92,4)

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3 Gedanken zu “Wackersdorfrevolte gegen Datenkraken?

  1. Danke Wolfgang,

    da hast Du mich mit meinen eigenen Argumenten geschlagen. Verstanden. Hast recht.

    »Aber auch der Neo-Liberalismus wird nur eine Episode in der Menschheitsgeschichte bleiben. Was kommt danach, von welchen geistigen Strömungen gefüttert, von wem aufs Podest gehoben?«

    Du bist ja optimistisch – und ich bin vielleicht zu pessimistisch: Aber die Menschen dieser „Episode“ setzen immerhin seit gerade einmal 200 Jahren alles dran, ihr eigenes, seit zwei Millionen Jahren stabiles Lebenserhaltungssystem total vor die Wand zu fahren. Das waren die zwei Millionen Jahre, die der Menschheit die Chance gaben, sich zu dem entwickeln, was sie heute ist. Und diese Stabilität ist bereits jetzt aus dem Ruder gelaufen. Was danach kommt sind vielleicht zwei übrig gebliebene, getrennte Menschengrüppchen, die sich um Nord- und Südpol scharen, weil es dazwischen zu heiß und zu unberechenbar geworden ist. Daraus erschafft die Evolution dann Homo stupor boreus und Homo stupor meridianus.

    »Mein konstruktiver Vorschlag: Unterbreite für die Debatte doch einen Vorschlag, der die Kontroverse auf eine höhere Stufe hebt, mit einer These, wie sich der Neo-Liberalismus überwinden ließe und die, wichtig, in der altbekannten Schablone Rechts-Links/Freiheit-Staatsdirigismus nicht ins bloße Gegenteil umschlüge.«

    Sorry, aber dafür bin ich der falsche. Jemand mit wirtschaftswissenschaftlichem oder wirtschaftsphilosophischem Hintergrund wäre da besser geeignet. Ich habe aber keine Idee, wer das richtige Format hätte. Das ist nicht meine Szene. Die üblichen postmodernen Populärpropheten treten mir trotz aller Sympathie auch zu kurz (Precht, Welzer, Schneidewind, Mason, Klein, etc.).

  2. REAL-INDIVIDUALISMUS MIT SOZIALER VERANTWORTUNG

    Danke, Hajo, für, wie immer, eine gepfefferte und verlässliche Gegensalve!

    Kontroverse, in der Tat: Immer leichter gesagt und gefordert, als in der Praxis umgesetzt, zum einen: Zum anderen leuchtet mir die angerissene Alternative nicht ein.

    In einer Nussschale: Der Goede-Standpunkt ist, dass das Individuum über der Gesellschaft steht, es der Gestalter von Zukunft ist. Die wegweisenden Neuerung in der Zwei-Millionen-Jahre Evolution unserer Spezies wurden größtenteils von couragierten Einzelmenschen vorgedacht und angetickt, in der großen Umsetzung dann freilich vom Kollektiv/Gesellschaft getragen (worin ja auch die vom Moderator herbeigeführte Synthese der Kontroverse liegt).

    Im Klartext: Neo-Liberalismus und die Auswüchse sind eine bedauerliche gesellschaftliche Realität (u.a. von Milton Friedman aus der ökonomischen Klamottenkiste wieder herausgezogen, wofür er seltsamerweise 1976 sogar den Friedensnobelpreis erhielt, nachdem das Pinochet-Chile zum großen Experimentierfeld geworden war, Reagan und Thatcher aufsprangen, die Globalisierung/Digitalisierung später Tür und Tor dem Neo-Liberalismus öffneten).

    Aber auch der Neo-Liberalismus wird nur eine Episode in der Menschheitsgeschichte bleiben. Was kommt danach, von welchen geistigen Strömungen gefüttert, von wem aufs Podest gehoben?

    Mein konstruktiver Vorschlag: Unterbreite für die Debatte doch einen Vorschlag, der die Kontroverse auf eine höhere Stufe hebt, mit einer These, wie sich der Neo-Liberalismus überwinden ließe und die, wichtig, in der altbekannten Schablone Rechts-Links/Freiheit-Staatsdirigismus nicht ins bloße Gegenteil umschlüge.

    Noch besser: Mal wieder eine spritzige Live TELI Wissenschaftsdebatte, diesmal im Raum Hamburg, gerne argumentiere ich für einen Real-Individualismus mit sozialer Verantwortung, gemäß meiner Losung: „Bemächtige dich deines eigenen Lebens und trage das nach außen zum Nutzen aller.“ (http://km2.kronshagen-magazin.com/?3d-flip-book=2763, S. 40f)

    PS: Zur Wackersdorfrevolte, von Arno in der Lora-Debatte dankenswerterweise in die Diskussion gebracht für die Macht des Kollektivs, gibt es einen neuen sehenswerten Film bei den Münchner Filmtagen 2018 –>
    https://www.br.de/nachrichten/oberpfalz/inhalt/wackersdorf-film-feiert-premiere-beim-filmfest-muenchen-100.html

  3. Wenn man mal genau hinliest, habt Ihr beide doch nur über zwei Ausprägungen desselben Phänomens gesprochen – nicht im Sinne von Yin und Yang, sondern als historische Entwicklung. Eine Kontroverse scheint es offenbar allein für Euch beide zu sein. Historiker sind da offenbar in ihren Überlegungen schon weiter. Liegt es daran, dass Ihr beide zu statisch denkt, die zeitliche Dimension und die gesellschaftliche Dynamik ausblendet, ja, überhaupt viel zu unpolitisch an das herangeht, was Ihr als „Kontroverse“ empfindet?

    In einem Artikel über einen Kongress in Berlin schreibt Kollege Peter Nowak über einen Vortrag von Karl-Heinz Roth. Für den entwickelte sich nämlich der gesellschaftliche notwendigen Individualismus (Standpunkt von Wolfgang) durch seine Überbetonung unter den Bedingungen Ökonomie, insbesondere des Neoliberalismus, zum Egotrip und Selfismus (Standpunkt von Arno).

    Quelle: Paralyse der Kritik: Gesellschaft ohne Opposition: Wie aus dem Individualismus der Egotrip wurde: https://www.heise.de/tp/features/Paralyse-der-Kritik-Gesellschaft-ohne-Opposition-3990642.html?seite=2

    Zur Vorbereitung wären diese Texte sicherlich hilfreicher gewesen, als Kant oder gar Precht:
    — Harald Welzer: Haben wir zu viel Ich? http://www.taz.de/!160516/
    — Peter Mühlbauer: Studie: Welt wurde seit 1960 um zwölf Prozent individualistischer. https://www.heise.de/tp/features/Studie-Welt-wurde-seit-1960-um-zwoelf-Prozent-individualistischer-3777833.html (darin u.a. Hinweise wie: „In Europa beschäftigten sich vorher unter anderem die Soziologen Georg Simmel und Émile Durkheim mit der Individualisierung, die sich an Kulturgütern wie Gemälden und Romanen beobachteten und vor allem ökonomisch zu begründen versuchten:“)

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