Kernfusion: Energie-Dorado oder Milliardengrab?

In der Märzsendung von Radio Lora „Wissenschaft Kontrovers“ war Kernfusion das Thema: Milliardengrab oder Lösung aller Energieprobleme? Mit den Gästen im Studio: Professor Dr. Hartmut Zohm, Max-Planck-Institut für Plasmaphysik IPP in Garching, das zur europäischen Fusionsforschung beiträgt; und Simon Märkl, Amerikanist, der am Rachel Carson Zentrum, München, eine Doktorarbeit geschrieben hat mit dem Titel „Big Science Fiction – Nuclear Fusion and Popular Culture in the United States“ und die ökologisch-demokratiepolitische Seite ausleuchtet.

Die Eingangsstatements der Studiogäste machten die unterschiedlichen Standpunkte klar. Während für den Max-Planck-Physiker die Fusionsforschung „vielversprechend und eine langfristige Option“ ist, bezeichnete sie der Rachel-Carson Forscher als ein Stück „faszinierender Grundlagenforschung, auf die man sich aber nicht verlassen könne“ und die von der Zeit überholt sei.

GRUNDLAST-ALTERNATIVE

Zohm argumentierte mit großen Brennstoffvorräten und dem Wegfall jeglicher CO2-Klimagas-Emissionen. In der Realisierungsphase auf der Skala zwischen eins und zehn stehe das Projekt zwischen fünf und sechs. Der ITER Reaktor in Südfrankreich werde ab 2030 zeigen, was in dieser Energietechnologie in der Praxis stecke. Märkl hielt dagegen, dass das bereits in den 1950er Jahren geborene Fusionsprojekt Jahrzehnte zu spät komme. Es stellt die Vorgänge in der Sonne nach und in der technikeuphorischen Nachkriegszeit glaubte man, damit unser Zentralgestirn und seinen fast unerschöpflichen Energiereichtum auf die Erde holen zu können. Der zentralistische Herstellungsmodus in einer Reaktoreinheit, die über weite Versorgungswege aufwändig großflächige Gebiete versorgt, passe in das heutige dezentralisierende Konzept nicht mehr hinein, sagte Märkl.

Zohm kam Märkl entgegen mit der Bemerkung, dass Kernfusion für Deutschland nur eine „Backup-Option und Grundlast-Alternative“ sei. Aber die Energieform für andere Länder um so interessanter sei: „Mit Indien und China haben wir mehr als die Hälfte der Erdbevölkerung hinter ITER.“ Gerade China investiere stark in die Fusionsforschung, woran die Europäer sich beteiligten und dafür möglicherweise Knowhow bereitstellen würden. Das Land sei für seine ehrgeizigen Technologieziele auch bereit, Rückschläge hinzunehmen. „Failure is an option“, zitierte Zohm die chinesischen Partner.

TRANSRAPID-SCHICKSAL?

Auf die Frage von Moderator Günter Löffelmann, ob Fusion in Europa nicht den Weg des Transrapids gehen könnte, räumte Zoom ein: „Es ist noch ein langer Weg“, bis die Reaktor-Maschinerie schnurre. Dies ab Mitte des Jahrhunderts, wenn das Projekt wie vorgesehen voranschreite. Dessen ungeachtet ist Kernfusion nicht nur für China eine interessante Energieform. Start-Ups sind darauf bereits angesprungen. Auch das renommierte MIT profiliert sich damit, und der Rüstungskonzern Lockheed Martin arbeitet daran, sodass Europa in dieser Technologie eines Tages tatsächlich abgehängt werden könnte.

Beide Diskutanten waren sich einig, dass die fehlende Popularität der Fusionsforschung in Deutschland und ihre vielleicht sogar mangelnde Akzeptanz nicht Problem oder Thema der daran Forschenden sei. Vermarktung sei nicht ihre Aufgabe. Zohm sieht hier eher den Staat und die Wissenschaftspolitik gefordert und wendet ein, dass Politiker damit eher Partei- und Wahlpolitik machten. Märkl sieht in der Grundlagenforschung eine hauptsächlich staatliche Domäne. Die zunehmende Abhängigkeit von Drittmitteln aus der Industrie öffne sie für Einflussnahme aus der Wirtschaft.

„ENERGY HUMANITIES“

Mit dem Terminus „Energy Humanities“ brachte Märkl einen neuen Aspekt in die Debatte. Der Begriff vertieft Energie über die technischen und naturwissenschaftlichen Problemstellungen hinaus in die soziale und politische Dimension. Etwa welchen Einfluss Energie auf unser Zusammenleben habe, erklärte der Forscher am Rachel-Carson-Institut („Der stumme Frühling“) und brachte als Beispiel ein Wortspiel: „Power ist nicht nur die elektrische Energie, sondern besonders auch die politische Macht dahinter, so wie hinter allen Energiefragen.“

Das gelte es in Zukunft bei allen Energiefragen mit zu bedenken, in Analysen und Strategien einzubeziehen. Auch in Beziehung zu und den Umgang mit Lifestyle-Fragen, wenn zunehmend mehr Münchner immer schwerer werdende und höher motorisierte SUVs durch die Stadt fahren, deren Straßen für diese Fahrzeuge allmählich zu eng werden.

18 MILLIARDEN SIND NOCH NÖTIG

Gegen Ende wurde das Gespräch noch einmal konkret, als Löffelmann nach Zahlen und Investitionssummen fragte. Zohm sagte, dass in die Fusionsforschung seitens der USA bisher ca. 100 Milliarden Dollar geflossen seien und anteilig dieselbe Summe in Europa. Was man damit alles in der Solarforschung hätte machen können, kommentierte Märkl. Zohm suchte einen Vergleich: 50 Milliarden habe die USA der Irakkrieg gekostet. Und wieviel Gelder noch nötig seien?, hakte Löffelmann nach. 30 Jahre lang jährlich 120 Millionen Euro von Deutschland und der fünffache Betrag aus der europäischen Forschungskasse, das wären 18 Milliarden.

Immerhin gibt es als Ergebnis der Fusionsforschung einige Spin-Off-Produkte, wie Stahlbauteile bisher nicht erreichbarer Präzision oder supraleitende Magneten für eine hochleistungsfähige Speichertechnologie, sagte Zohm. Und Laserkanonen, die mit einem Dollar Kostenaufwand pro Abschuss arbeiteten, statt 100.000 Dollar für eine Rakete, ergänzte Märkl, worauf Zohm entgegnete, dass in Europa die Fusionsforschung nicht mit der Rüstung verbunden sei.

RENAISSANCE DER KERNSPALTUNG?

Auch im Schlusswort setzten beide Gäste unterschiedliche Akzente. Zohm schloss nicht aus, dass angesichts des Energiehungers der Welt die Kernspaltung (Fission) eine Renaissance erfahren könnte, wobei „wir denken, dass die Fusion bessere Eigenschaften“ habe. Märkl erwähnte die grenzenlosen Energieträume der 1950er Jahre mit atomgetriebenen fliegenden Autos und Weltallkolonien und verlangte, dass das Fortschrittsdenken sich von diesen Konzepten verabschieden müsse.

Foto: Hartmut Zohm, Max-Planck-Plasma-Physiker, Garching; Simon Märkl, Forscher am Rachel Carson Institut, München; Günter Löffelmann, Lora Moderator, Medizin- und Wissenschaftsjournalist (v.l.n.r.) (c) Goede

LINKS, KONTAKTE, HINTERGRÜNDE

https://www.carsoncenter.uni-muenchen.de/staff_fellows/doktoranden/simon_maerkl/index.html

https://www.ipp.mpg.de/53711/zohm

https://player.fm/series/mediathek-lora-munchen/die-kernfusion-milliardengrab-oder-die-losung-aller-energieprobleme

Der „Player“-Link oben ist die aktuelle Audio-Datei von der Sendung. Die Links zu früheren Lora-Wissenschaft-Kontrovers-Sendungen sowie auch dieser finden sich zum Nachhören auf der Webseite des Medizin- und Wissenschaftsjournalisten Günter Löffelmann. Die nächste Lora-Wissenschaft-Kontrovers-Debatte senden wir am 6. Juni zum Thema Ängste und Panikstörungen. STAY TUNED!

https://www.form-und-fuellung.de/

https://www.form-und-fuellung.de/kernfusion-energie-dorado-oder-milliardengrab/

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Ein Gedanke zu “Kernfusion: Energie-Dorado oder Milliardengrab?

  1. Die Diskussion hat mir zu sehr die globale Sichtweise vernachlässig, wie es in den Klima- und Umweltdebatte in Deutschland leider so häufig ist. Schade, aber es kann nicht immer nur um uns gehen.

    Beispiel ITER: Das ist vor allem auch ein wissenschaftsdiplomatisches Projekt! Da arbeiten sehr viele Nationen zusammen, von denen einige vor Kurzem noch Krieg gegeneinander führten. Als einfaches, streng durchorganisiertes Einzelprojekt würde der Reaktor schon längst brennen. Aber dadurch, dass die einzelnen Länder kein Geld einzahlen, sondern die Bauteile liefern, ist halt sehr viel mehr Kommunikation nötig, die bekanntlich Zeit braucht. Aber dafür vernetzen und verständigen sich die unterschiedlichsten Kulturen. Ich finde, dass hat auch einen Wert, den man in Geld nicht teuer genug berechnen kann.

    Der globale Energiehunger außerhalb der reichen Bevölkerungen:

    Zum einen: Solarenergie gut und schön und wichtig. Aber sie funktioniert im relativ menschenleeren Europa und Nordamerika sehr gut. München ist mit 1,5 Millionen Einwohnern im Weltvergleich beispielsweise eine Kleinstadt, die eines Tages ihren Strom aus dem 800 km entfernten, menschenleeren Norddeutschland beziehen kann. In Tokio wohnen 38 Millionen Einwohnern, fast halb soviel wie in ganz Deutschland. Wenn man drumherum alles verspargelt und verspiegelt, bleibt kein Platz für die Landwirtschaft, die die Einwohner Tokios ernähren muss. Zu den in atemberaubenden Tempo wachsenden Städte gehören Jakarta 32 Millionen, …, Mexiko-Stadt 20,5, …, Shenzen 20 Millionen, …, Lagos 14 Millionen, …, Bogota 10 Millionen, …, Onitsha 8 Millionen, …. Wie das mit Solarenergie gehen soll, muss mir mal jemand erklären. Vielleicht wäre da noch die Erdwärme (z.B. in Japan, Mexiko, Kolumbien?).

    Zum anderen: Sub-Sahara-Afrika, aber auch asiatische Länder außerhalb von China und Indien haben einen enormen Energiehunger. Wird man in diesen Ländern überhaupt die nötigen Experten und die nötige soziale und politische Stabilität bekommen, um derart komplizierte Anlagen betreiben zu können?

    /nt

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