Kinder kriegen – um jeden Preis?

by Wolfgang Goede | 27. März 2020 06:51

Um Erfahrungen und Herausforderungen, Legalität und Zukunft der Reproduktionsmedizin ging es in der Märzsendung 2020 von Radio Lora „Wissenschaft kontrovers“. Ist krank, wer ungewollt kinderlos bleibt?

Zur Klärung dieser Frage hatte das Moderatoren-Team Sophia Dreyer und Günter Löffelmann den Mediziner Professor Dr. Wolfgang Würfel vom Kinderwunschzentrum München* ins Lora-Studio gebeten. Seine Zahlen belegten, dass sich die Familienplanung der Deutschen immer weiter ins reifere Alter verschiebt. In Städten liegt das Durchschnittsalter von Erstgebärenden bei 37 Lebensjahren. Zunehmend mehr Frauen bringen mit über 40 ihr erstes Kind zur Welt. In 15 Jahren, so Würfel, haben sich die Über-40-Jährigen im Kreißsaal von 4 auf 11 Prozent vermehrt.

Vater von 30.000 Kindern

Wohin führt dieser Trend, welche speziellen Medizin-Techniken sind gefragt, was ist fragwürdig, beziehungsweise in Deutschland verboten, welchen Impakt hat das alles auf unsere Gesellschaft?

Der Studiogast arbeitet seit 35 Jahren in der Münchner Einrichtung und hat in dieser Zeit knapp 30.000 Kinderwünsche erfüllen helfen. „Was erwarten Sie von mir?“, beginnt sein üblicher Diagnosedialog mit einem Patientenpaar. „Na ja, ein Kind, halt“, lautet die typische Antwort.

Das Spektrum der Behandlungen ist enorm breit, von konservativ bis HighTech. Es reicht von der relativ einfachen Beseitigung einer unentdeckten Entzündung der Gebärmutterschleimhaut bis zum Ausreizen aller technischen Möglichkeiten. Das kann Jahre in Anspruch nehmen und bedarf bisweilen psychiatrischer Flankierung, wenn das Paar durch hartnäckigen Misserfolg traumatisiert ist.

Vierlinge mit Mitte 60

Das grundsätzliche Problem: Alle Eizellen einer Frau erzeugt ihr Körper bereits im Embryostadium. In der erwachsenen und fortpflanzungsfähigen Frau liegen sie „auf Lager“. Sie werden also nicht neu gebildet und unterliegen dem natürlichen zellulären Zerfall. Im 40. Lebensjahr haben die bereits 40 Jahre alten Eizellen eine hohe genetische Auffälligkeit, unterstrich Würfel. 

Diese Naturgesetzlichkeit hebeln viele Frauen heute mit „Social Freezing“ aus. Wenn sie Anfang Dreißig inmitten ihrer Karriere sind, lassen sie Eizellen einfrieren für eine spätere Schwangerschaft. Das funktioniert einwandfrei, befand Würfel, sei aber nur bis Mitte, Ende Vierzig sozial vertretbar.

In Berlin war mit den Mitteln der modernen Reproduktionsmedizin eine Frau Mitte Sechzig schwanger geworden und hatte Vierlinge zur Welt gebracht – „kritikwürdig und für Steuerzahler eine Last“, kommentierte Würfel.

Babytourismus und Babykommerz

Eine Alternative zum Einfrieren ist die Eizellenspende. Die ist zum Beispiel in Tschechien erlaubt. Das Austragen des Kindes sei ohne Nachteile bis zum 50. Lebensjahr machbar, sagte der Studiogast. In Deutschland ist dieser Schritt bisher nicht erlaubt. Dazu fehle ein modernes Fortpflanzungsmedizingesetz – „überfällig“, mahnte der Mediziner.

Daran anschließend warf Dreyer „Kinder als Geschäftsobjekt“ und „Babytourismus“ in die Debatte. Wegen des Verbots der Eizellenspende suchten in Deutschland jährlich 4000 Paare im Ausland nach Befruchtung und Kinderglück. „Ein florierender Markt“, räumte Würfel ein. Auch als Antwort auf diese wachsende Kommerzialisierung sei er für die geordnete Zulassung dieser Fortpflanzungstechnik in Deutschland. Sie würde die Embryonenspende ergänzen. Dabei wird ein zum Beispiel abgetriebener Fötus einer Frau eingepflanzt.

„Ist es eigentlich eine Krankheit, ungewollt kinderlos zu bleiben?“, hakte Löffelmann nach. Der Wunsch nach Kindern sei ein tief verwurzelter Wunsch in Frauen, antwortete der Reproduktionsfachmann. Bei Nichterfüllung gewinne er mitunter pathologische Züge wie depressive Verstimmungen, was eine erfolgreiche Befruchtung wie auch eine Paarbeziehung erheblich belaste.

Implosion der Fruchtbarkeit

Die neuen Reproduktionstechniken eröffnen eine neue Ära „genetischer Patchworkfamilien“, diagnostizierte Würfel. Wobei die Technikkeule zügig potenter werde. In zwanzig Jahren etwa dürfte die unbeliebte Fremdeizellenspende von einer Verjüngungskur der eigenen Eizellen ersetzt worden sein, prognostiziert Würfel. Außerdem komme die Transplantation der Gebärmutter, allerdings mit Riesenaufwand.

Im Zukunftsroman „Implosion“ aus den 1960er Jahren wird die wachsende Unfruchtbarkeit mit Zuchtanstalten bekämpft. In Anlehnung daran schloss Würfel: „Wir sind der Reparaturbetrieb für avancierte Gesellschaften.“

Die Lora Sendung lässt sich auf der Webseite von Co-Moderator Günter Löffelmann nachhören.

*) https://www.kinderwunsch-centrum-muenchen.de/de/unsere-praxis/das-kcm-team/die-aerzte/wolfgang-wuerfel

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