Fünf nach zwölf! Was rettet unser Klima?

by Wolfgang Goede | 13. Dezember 2020 01:02

Radio Lora Wissenschaft Kontrovers durchleuchtete im Dezember 2020 die anhaltende Auseinandersetzung über die globale Erwärmung. Aktueller Stand, erdgeschichtliche Historie, Exit-Strategien? Es debattierten über den großen Teich hinweg: Hanns-J. (Hajo) Neubert, Hamburg. Naturwissenschaftler und Wissenschaftsjournalist mit Hintergrund in biologischer Meereskunde, stellv. Vorsitzender TELI, Technisch Literarische Gesellschaft, mit 91 Jahren älteste Vereinigung von Wissenschafts- und Technikjournalisten der Welt; mit Wolfgang Chr. Goede, München-Medellín/Kolumbien. Sozialwissenschaftler und Politologe, Wissenschafts-Facilitator.

Klimawandel, Klimaerwärmung, Klimakatastrophe: Das Thema ist durch die Pandemie und Lockdowns in den Hintergrund getreten. Doch das Klima macht keine Pause. Zwar registrierten wir weltweit vorübergehend um die 10 Prozent weniger CO2 Emissionen. Ausgelöst durch Corona-bedingte Produktions- und Mobilitäts-Stopps. Doch die Effekte sind „vernachlässigbar“ laut Wissenschaftsmagazin Nature.

Denn die Welttemperatur steigt weiter. Auch die Emissionen haben in vielen Ländern wieder ihre alte Höhe erreicht. Die Antarktis macht mit Abbrüchen gigantischer Eisschollen auf sich aufmerksam, die Arktis erwärmt sich so stark wie keine andere Region auf der Erde. Der Golfstrom schwächelt. –

Das Wetter spielt derzeit verrückt. Noch nie seit Beginn der Wetteraufzeichnungen waren weltweit so viele Tropenstürmer unterwegs, wie in diesem Jahr. Im Nordatlantik 29 bis Mitte November. Allein am 14. November jagten vier Wirbelstürme gleichzeitig über die Weltmeere, verwüsteten u.a. Karibikinseln und die Küste Kolumbiens. Während in den USA für fast eine Million Menschen tagelang nur der Strom ausfiel, wurde auf den Philippinen, in Vietnam und Südchina die Lebensgrundlage von Millionen Menschen völlig zerstört. Die Erwärmung des Meeresoberflächenwassers auf über 26,5 Grad Celsius ist die Hauptursache.

Goede eröffnete mit der Feststellung, dass extreme Klimawechsel die Erdgeschichte beherrscht hätten. Die Temperaturen wechselten periodisch zwischen polaren Eiszeiten und tropischen Heißzeiten. Was also sei so gefährlich am derzeitigen Klimatrend?

Neubert verwies auf das enorme Tempo dieser Veränderung. Die letzte Eiszeit habe 140 000 Jahre gedauert und sei vor 12 000 Jahren ausgelaufen mit einer Jahrtausende andauernden allmählichen Eisschmelze. Im Kontrast dazu: Seit 1850 habe sich infolge der industriellen Revolution und der Verfeuerung fossiler Brennstoffe die Welttemperatur um bereits mehr als 1,5 Grad erhöht – mit künftig drastisch weiteren Anstiegen, prognostizierte Neubert.

Basiert auf die politischen Ziele von 2015 sei eine Steigerung um 2,7 Grad zu erwarten; in Wirklichkeit stünden uns aufgrund des real-wirtschaftlichen Handelns in Europa 2,9 Grad bevor; sogar 3,3 Grad, wenn man die gesamte Weltgesellschaft zugrunde lege; und 6,1 Grad, wenn wir weiter so machten wie bisher. Neuberts Appell: „Die reichen Staaten“, das heißt die des globalen Nordens und der OECD, „müssen sich radikal ändern“.

Das heißt nicht nur ihre Wirtschaftsweise umstellen und auf fossile Brennstoffe verzichten. Um urbane Katastrophen zu vermeiden, müssten sie ihre Küstenstädte ins höhere Inland verlegen. Sonst ertrinken sie im ansteigenden Meereswasser als Folge abschmelzender Gletscher. New York in den Appalachen?

Solche Umzüge sind langwierig und hochkomplex. Dies erläuterte der Lora-Gast am Beispiel einer schwedischen Stadt. Der ganze Prozess könne ein ganzes Jahrhundert dauern.

Goede fragte, ob die globale Erwärmung nicht auch die Schuld der Wissenschaft selber sei. In vermeintlicher Freiheit alles zu erforschen und besonders in der angewandten Wissenschaft alles, was Wachstum verspreche, in energieschluckende Technologie umzusetzen.

Neubert antwortete, dass Wissenschaft zunächst einmal ein wertfreies Instrument sei, um sich naturgesetzlicher Wahrheit zu nähern. Sie habe aber keine wirtschaftliche oder juristische Macht und schon gar nicht die Kontrolle über ihre Botschaften. Die würden zum Teil von politischen Populisten gesteuert. Sie seien auch diejenigen, die die Freiheit der Wissenschaft aufs Spiel setzten. Indem sie, wie der abgewählte US Präsident Trump, die Klimaforschung begrenzten.

Gleichwohl räumte Neubert ein, dass die Wirtschaft Forschungsziele instrumentalisiere und etwa Ingenieure beauftrage, neueste Forschungsergebnisse für den Bau leistungsfähiger und profitabler Maschinen zu nutzen.

Aber nicht zu vergessen: Die Warnungen über den Klimawandel seien von der Wissenschaft selbst gekommen, erklärte er, schon vor über 50 Jahren. In den  1970ern sei der Treibhauseffekt Gegenstand in Vorlesungen der Meereskunde gewesen. 1978 habe der Fernsehmoderator und Wissenschaftsjournalist Hoimar von Ditfurth in Der Ast auf dem wir sitzen im ZDF zur besten Sendezeit vor den Folgen des Klimawandels gewarnt. Seine Bestseller hätten die Öffentlichkeit aufgerüttelt. Nur, so Neubert, die nur vier Jahre vorausdenkende Politik habe sich auf rechtzeitiges Gegensteuern nicht einlassen können.

Goede brachte den Physiker und ehemaligen Club of Rome Vorsitzenden Ulrich von Weizsäcker in die Diskussion. Er setze noch tiefer an und sehe die Klimakrise als grundsätzliches Problem unserer technologie-gesteuerten Zivilisation. Die Weichen dafür wurden im Zeitalter der Aufklärung gestellt. Weizsäcker fordere eine Neo-Aufklärung und krisen-, zeit- und naturgerechtes Denken, Forschen, Politikgestaltung.

Neubert verwies auf die Polit-Ökonomin Maja Göpel und deren Buch Unsere Welt neu denken. Darin lege sie praktische Reformmodelle für den Umgang mit Natur, Erde, Atmosphäre vor. Sie stehe dafür, dass auch die Wissenschaft politischer werde und sich organisiere.

Die Grenzen der Natur müssten wir einfach akzeptieren. „Mit der Physik, der Erde, der Natur kann man nicht verhandeln“, unterstrich der Naturwissenschaftler.

Kriegen wir die Klimaerwärmung mit technologischen Mitteln in den Griff? Nein, sagte Neubert, mit Hinweis auf das Umweltbundesamt. Es lehne das sogenannte Geo-Engineering ab, etwa Aufspannen von Spiegeln im All. Auch das Pflanzen neuer Bäume verfehle das Ziel. Erst nach 30 Jahren würden sie CO2-Speicher. Die Lösung sei, „die alten Wälder nicht wegzuholzen“, so Neubert.

Welche Uhrzeit zeige denn die Weltuhr bei der Klimarettung? „Sicher schon fünf nach zwölf“, sagte er: „Wir sind einfach zu schwerfällig.“

Gibt‘s Hoffnung? Neubert verwies auf unterschiedlichste Gruppierungen, die an einer nachhaltigen Klimazukunft arbeiteten, darunter Fridays for Future wie auch Extinction Rebellion. Auch Modelle solidarischer Landwirtschaft oder Grüne-Stadt-Projekte findet er ermutigend. Insgesamt: „Sozialer Fortschritt gelingt nie ohne Kampf.“

In der Tat, das Klima und dessen Zukunft bleibt Machtkampf und Zankapfel zwischen unterschiedlichsten Interessen und deren Lobbys. Natur, Wirtschaft, Kapital, dazwischen der sogenannte Souverän: Bürger:innen, Wähler:innen, Konsument:innen, Klimabewusste und Klimasünder.

Goede erinnerte an eine weitere Klientel: die Wissenschaftler:innen selber. Sie seien oft zu naiv über ihre eigene Profession und deren Folgen, müssten sich selber noch viel mehr als Lobby organisieren, die politische Agenda mitbestimmen.

„Wissenschaft muss weg vom Sofa und die Muskeln seiner Macht zeigen.“

Die Lora Wissenschaft Kontrovers Sendung lässt sich hier nachhören.


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