Die Aschewolke – ein Phantom?

Blutrot hat sich gerade die Sonne über den Horizont geschoben – röter als noch vor einer Woche? Es ist 6.30 Uhr Montag früh und für Viele beginnt eine Woche des Bangens: Werden sie, oder werden sie nicht? Auch in unserer Branche sind Manche für ihre Recherchen auf Flugzeuge angewiesen, welche seit Freitag traurig auf dem Boden stehen. Reisepläne und wichtige Termine sind gecrasht, ein wirtschaftlicher Schaden von bisher weit über eine Milliarde Euro, ein größerer Stillstand als nach 9/11 – aber ein großes Fressen für die Presse.

Seit Freitag wird zunehmend über nichts anderes geschrieben, gesprochen, gesendet. Dabei muss der „Welt“ ein großes Lob ausgesprochen werden. Während einige Tageszeitungen am Freitag trotz des News-Knüllers wie gewohnt ziemlich verschnarcht daherkamen, waren die Welt-Kollegen voll auf das Thema aufgesprungen, hatten den Politikteil freigeräumt und dem Vulkanthema höchste Priorität gegeben. Neben dem Aufmacher quoll auch die Seite 3 davon über, dann, jetzt kommt’s: Seite 4 und 5 voll mit feinster Wissenschaft, wie die Feuerberge Kulturen und Zivilisationen zu Fall gebracht haben, die Auswirkungen der Wolken auf unser Wetter, etwa auf den Sommer, vieles mehr.

Was hatte „text intern“ am 24. März geschrieben? „Wissen ist das Megathema heute, mehr noch als Politik“, sagte dort P.M. Herausgeber Hanns-Hermann Sprado. Die „Welt“ setzt es um.

Übers Wochenende wurde es aber ungemütlich. Weiterhin Flugverbot, obwohl die Lufthansa Überführungsflüge durchführte, ohne dass die Maschinen auch nur ein Kratzerchen davon getragen hätten. Im Radio läuft gerade die „Bayern 2 Morgenwelt“, sie dreht sich nur um ein Thema, allerdings ziemlich ohnmächtig: ein Vulkanologe floppt, hat keine Ahnung von Aschewolken, ein Meteorologe will von Flensburg bis zur Zugspitze keine Wolke gesichtet haben, hechelt die Flugsicherung einem Phantom hinterher?

Wo bleibt hier der investigative Wissenschaftsjournalismus, wer fragt mal kritisch nach, welche Kollegen machen einen Selbstversuch und fliegen mit der LH oder einem anderen Jet bei einem Testflug mit, wer äußert Zweifel an den Messstandards, wer gräbt alternative Stimmen und Wissenschaftler aus, wie sehen das Thema andere Länder (warum fliegt Österreich, Bayern aber nicht??), andere Kontinente?

Ein journalistischer GAU, wenn alle einer Massensuggestion erlegen wären, aber vielleicht kommt ja keiner dahinter, weil keiner richtig fragt: Alle wie die Kaninchen vor der Schlange. Hier sind mutige und unkonventionelle Journalistengeister gefragt, die frische Töne und Farben in die Debatte bringen, nicht nur hilflose Experten fragen!

Bestimmt auch ein Thema für die TELI-Wissenschaftsdebatte!

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9 Gedanken zu “Die Aschewolke – ein Phantom?

  1. Spiegel 17/2010, S. 146: „Das weiträumige Flugverbot über Europa war übertrieben. Die Vulkanasche aus Island verdünnte sich so rasch, dass sie die Maschinen kaum hätte gefährden können.“

    Focus 17/2010, S. 132: „Das Flugverbot war offenbar eine politische Überreaktion.“

    Frage: Wer zahlt jetzt die Verluste? Verkehrsminister Ramsauer selbst oder wälzt er das auf die Bürger und Steuerzahler ab?

  2. Letzter Eintrag: Walts Resümee des Tages und sein Re-Fokus:

    Hi Folks,

    es wird ja gerade viel geredet ueber die islaendische Aschewolke – ja,
    da wurde unwahrscheinlich viel Kohle verbrannt – und deren
    Auswirkungen auf die Flugindustrie. Momentan geht der Trend ja in die
    Richtung, dass die Flugsicherung ja gar keinen Plan hat, und einfach
    so da oben herumreguliert – und so die armen Fluggesellschaften in den
    finanziellen Ruin treibt. Das machen die aber schon selbst. So eine
    Aschewolke kommt da zur Verschleierung der Quartalsergebnisse nur
    gerade ganz passend…

    http://de.wikipedia.org/wiki/British-Airways-Flug_9
    http://de.wikipedia.org/wiki/KLM-Flug_867
    http://www.youtube.com/watch?v=QxhiJnhI-p4
    http://www.youtube.com/watch?v=tID1GXF3Nwg
    http://www.youtube.com/watch?v=ISFWIgoqSF8
    http://www.tagesschau.de/inland/luftraum136.html

    Na ja, mir tut der arme Vulkan ja inzwischen schon fast leid, müsste
    ich dauernd Bjoerk hoeren, wuerd ich auch so k***en muessen 😉

  3. Vulkan-Wolke über Stuttgart mit Laser vermessen: keine Gefahr!

    Die Vulkan-Aerosole sind hauptsächlich zwischen
    2-3 km über dem Boden zu finden sind. Die Konzentrationen
    überschreiten kaum die Signale, die durch industrielle Emissionen oder
    den Verkehr auftreten. Von 3-8 km sind keine signifikanten
    Aerosolmengen nachweisbar, und eine Schicht von 8-9 km zeigte
    Zirruswolken, die eventuell von Aerosolpartikeln beeinflusst sein
    könnten.

    Prof. Dr. Volker Wulfmeyer, Universität Hohenheim, Institut für Physik
    und Meteorologie,
    Tel.: 0711/ 459-22150, E-Mail: volker.wulfmeyer@uni-hohenheim.de

    Die gesamte Pressemitteilung:
    http://idw-online.de/pages/de/news365018

  4. Jetzt keilen die Wissenschaftler zurück, nicht ganz unberechtigt, wenn man den heutigen BILD-Titel sieht: Monsterwolke mit Totenkopf

    Vulkanausbruch: „Paranoia in den Medien“
    Wissenschaftler kritisiert Mängel in der journalistischen Praxis

    Potsdam (pte/19.04.2010/12:40) – Der Ausbruch des Eyjafjalla-Vulkans hat am Wochenende nicht nur Europas Flugverkehr lahmgelegt, sondern weltweit auch die Titelseiten vieler Zeitungen und Nachrichtenportale dominiert. „Viele der sehr reißerischen Titel sind aus wissenschaftlicher Sicht bedenklich“, warnt Birger-Gottfried Lühr im pressetext-Interview. Lühr ist Experte für Erdbeben und Vulkanismus am Geoforschungszentrum Potsdam http://www.gfz-potsdam.de und wird in dieser Funktion bei Katastrophen immer wieder zur Anlaufstelle für Medienanfragen.

    „Teilweise nimmt die Berichterstattung über Katastrophen bereits paranoide Züge an, besonders da anscheinend manche Medien auf zweischneidige Weise ihre Artikel verkaufen wollen“, kritisiert Lühr. Problematisch sei hier das weit verbreitete Halbwissen. Als Beispiel nennt der Seismologe die Interpretation des Maya-Kalenders, die für 2012 den Weltuntergang in Aussicht stellt.

    „Wir leben auf einem komplexen Planeten, der sich ständig verändert. Teilweise geschieht das sehr langsam, in manchen Fällen wie bei einem Erdbeben oder nun eben bei einem Vulkanausbruch sehr schnell“, so Lühr. Schon mit einem einzigen Vulkanausbruch könnten die Karten im Klimageschehen neu gemischt werden. Die Aufgabe der Menschheit laute in diesem Zusammenhang, Phänomene zu verstehen und das Leben so einzurichten, dass das Risiko – somit auch die Verwundbarkeit – minimiert werde. Unsinnig sei jedoch die Annahme, man könne das Risiko auf Null reduzieren, so der Experte.

    Aussender: pressetext.deutschland
    Redakteur: Johannes Pernsteiner
    email: pernsteiner@pressetext.com
    Tel. +43-1-81140-316 begin_of_the_skype_highlighting              +43-1-81140-316      end_of_the_skype_highlighting

  5. Anbei zwei Berichte, die eindrucksvoll demonstrieren, was beim Durchfliegen einer Wolke aus Vulkanasche tatsächlich passiert:
    http://de.wikipedia.org/wiki/British-Airways-Flug_9 und
    http://de.wikipedia.org/wiki/KLM-Flug_867

    Vermutlich ist die weltweite Flugsicherung erst durch diese beiden Vorfälle (über?)sensibilisiert worden. So können die geschilderte Szenarien mit dem feinverteilten Staub über Mitteleuropa überhaupt nicht verglichen werden, weil die Teilchendichte in unmittelbarer Nähe des Entstehungsorts um Zehnerpotenzen höher ist. Besonders geärgert haben mich Stellungnahmen von angeblichen „Experten“, die ohne nachzudenken meinten, dass der Sauerstoffmangel in der über Mitteleuropa liegenden Wolke zum Ausfall der Triebwerke führe. Klar, Kerosin benötigt zur Verbrennung Sauerstoff, aber ein Mangel herrscht wirklich nur in unmittelbarer Umgebung des Vulkans vor, da die aus dem Erdinnern stammenden Gase (vor allem Kohlendioxid, Schwefeldioxid und Schwefelwasserstoff) durch die Umgebungsluft sehr rasch verdünnt werden.

    Bleibt letztlich nur zu klären, inwieweit der in 5 bis 10 km driftende Feinstaub ein Problem darstellt? An dieser Stelle bietet sich ein Vergleich mit Wüstensand an, der gelegentlich von der Sahara über die Alpen bis zu uns gelangt oder durch Passatwinde regelmäßig bis in die Karibik getragen wird und dort zu einer deutlichen Trübung des Himmels führen kann. Ich habe noch nie gehört, dass es deswegen Beeinträchtigungen des Flugverkehrs gegeben hat.

  6. Pingback: Tweets die TELI – Wissenschaftsjournalismus und die Wissenschaftsdebatte 2010» Blog Archive » Die Aschewolke – ein Phantom? erwähnt -- Topsy.com

  7. Ich habe die Sonnenuntergänge nach dem Ausbruch des Vulkans Pinatobu vor Jahren als Amateur in Sachen Geophysik recht genau beobachtet und damals zumindest Hinweise auf reflektierende Vulkanasche in der Atmosphäre gesehen. Die Sonnenuntergänge sind zur Zeit aber ganz normal und deuten nicht auf reflektierende Vulkanasche hin. Warum wird dieses Phänomen von den Wissenschaftsprofis nicht näher betrachtet? Es kann zudem doch nicht sein, dass unser hochentwickeltes Land nicht über geeignete, rasch verfügbare Messtechnik verfügt, den Staubgehalt der Luft auch in der höheren Atmosphäre zu messen.

  8. Interessant finde ich die Reaktionen auf das Flugverbot. Ein Beitrag zur Entschleunigung, meinte gestern jemand beim Sport. Und in der Tat kommt man ja auch ohne Flieger recht weit … nur stehe ich immer ziemlich allein auf weiter Flur, wenn ich bei meinen Redakteuren dafür plädiere, nachzudenken (und nicht nur: zu rechnen), ob diese oder jene Flugreise wirklich sein muss. Innerhalb Deutschlands zum Beispiel.

    Und noch eines ist mir aufgefallen: Die 10 Überführungsflüge der Lufthansa am Samstag wurden unter Sichtflugbedingungen durchgeführt, also nicht höher als 3000 Meter. Sie sind also gar nicht in die Wolke reingeflogen und haben deshalb logischerweise auch keinen Kratzer abbekommen. Komischerweise verschwand dieses Detail sehr schnell aus den Nachrichten.

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