Die Top Babel 20

Fortsetzung der TELI Sommerbuch-Rezensionen: Heute zum Auftakt der bayerischen Sommerferien 2022 zwei sprachwissenschaftliche Werke. Wenn Ihnen Deutsch selbst als Muttersprachler mitunter schwer erscheint: Nichts gegenüber den Herausforderungen anderer Sprachen. Schlackern Sie zusammen mit dem Rezensenten in ehrfürchtigem Erstaunen mit den Ohren!

Den Turmbau zu Babel und die Sprachenverwirrung – der Niederländer Gaston Dorren hat sie meisterlich entwirrt. In „Die größten Sprachen“ stellt er 20 Weltsprachen vor, von Vietnamesisch (85 Mio Sprecher), über Suaheli (135 Mio), Deutsch (200 Mio) und Malaiisch (275 Mio), bis Mandarin (1,3 Milliarden) und dem Noch-Champion Englisch (1,5 Mrd). So wie Französisch (heute Platz 10) einst die Sprache der gebildeten Europäer und vornehmen Welt war, das kleine Portugal mit seiner Nasalsprache bis heute weit über sich selbst hinausgewachsen ist (Platz 7), gibt es im ewigen Flow der Sprachen über die nationalen und kulturellen Grenzen hinweg keine Dauertitel.

Ob wir statt gestern Französisch, heute Englisch, morgen schon Chinesisch büffeln werden? Letzteres ein Idiom, das selbst Einheimische (so wie Japaner das ihrige, Platz 13) ein Leben lang lernen, vor allem auch schreiben lernen, ohne es wirklich zu beherrschen.

Gegenüber den exotischen Schriftzeichen im Koreanischen (Patz 19), Panjabi (14), Bengalisch (6), Hindu-Urdu (4) sind die des Arabischen (5) fast ein Klacks. Besonders auch inhaltlich, wenn man sich die vielen sprachlichen Anleihen vergegenwärtigt wie MASSA = Massage, QADIN = Kadi (Richter), SUKKAR = ZUCKER, wird klar, dass Abend- und Morgenland kulturell-sprachlich enge Nachbarn sind. Jedenfalls viel mehr gemeinsame Menge, als was Europa mit Tamil (18) gemein hat.

Dieses Buch liest sich so spannend wie ein Krimi. Wie es der polyglotte Autor geschafft hat, auf Englisch (Orginaltitel Babel) dieses hochkomplexe linguistische Thema abzuhandeln, ohne allzusehr in die gefürchteten grammatikalischen und idiomatischen Fachtermini abzutauchen, sondern mit Anekdoten, überraschenden Wendungen und Vergleichen die Spannung wie im Flitzbogen auf Druck hält, das ist ziemlich singulär.

In einem Satz: Dieses Buch verdient ein Plätzchen auf dem Nachtkastl; jeden Abend eine Sprache vorm Schlafen lesen lässt einem am nächsten Tag besser die immer komplexer werdende Welt verstehen.

Im Verlauf wird dem Leser (mal wieder) bewusst, wie stark Latein und die Römer die europäischen Sprachen geprägt haben, wie frappierend ähnlich Deutsch und Englisch sind, aber warum das Anglo-Idiom in der Aussprache für Einige so schwierig ist (dass sie beim „th“ oder „w“ lebenslang straucheln), aber auch, wieviel Ähnlichkeiten Deutsch und Russisch (Platz 8) aufweisen, nicht nur bei Vodka und Wasser.

Ein paar weitere Highlights: Koreanisch hat keine Geschlechter, dafür sieben Fälle, Verben können mehrere von 40 Anhängseln haben, die Person, Förmlichkeit, Zeit ausdrücken. Uff!

Im Gegenzug, Türkisch ist uns näher, als viele denken, nicht nur mit erfolgreichen Wortexporten wie „Hummus“, „Joghurt“, „Kiosk“, natürlich Döner („drehend“). Einfach: Er, sie, es heißt „o“. Aber: Auch hier regieren lange Wortketten, die die bekannten deutschen um Längen schlagen. So heißt „Erfolg haben“ basar, „das, was erfolglos gemacht wurde“ hat sechs Anhängsel.

Die Türkei ist erfolgreiches Beispiel einer linguistischen Transformation: Atatürks Revolution bestand vor allem in der Einführung lateinischer Schriftzeichen. Vereinfachungsbestrebungen haben woanders wie etwa Korea oft im sprachlichen Chaos geendet. Last but not least Deutschlands Rechtschreibreformen sind bis heute nicht verdaut.

Und gleich noch ein Sprachhammer obendrauf, Javanisch: Statt der fünf vertrauten Vokale das doppelte: zehn. Da muss man zum Erkennen der tonalen Unterschiede gut zuhören, fast über das absolute Gehör verfügen.

Ähnlich Panjabi, ein indo-arischer Zweig der indogermanischen Sprachfamilie (125 Mio Sprecher). „Der Ton ist die Message“, schreibt der Autor. Beispiel: das Wort „Daljit“ kennt vier verschiedene Tonlagen. Um sie zu treffen, müssen sie praktisch gesungen werden.

Deutsch: „Weniger Gehirnjogging als Gehirn-Rugby“, findet Dorren. Auf dem Kuriositäts-Index Ranking nimmt Deutsch Platz 10 ein, geschuldet u.a. der komplexen Wortreihenfolge und Verbenposition (Horror für Übersetzer auf Konferenzen, die den ganzen deutschen Satz abwarten müssen, bis am Ende das Verb fällt). Insgesamt tröstlich: Bei allen Unbilden nicht soo schwer zu erlernen, wie oft kolportiert, bewertet der Autor unser natives Idiom: Die meisten der „Top Babel Twenty“ seien anstrengender.

Wem Französisch blasiert, vielleicht sogar steril vorkommt, weitgehend ohne charmante Dialekte (Pardon Frankophile!), der findet in diesem Buch Antworten. Seit 1635 setzt die Académie Française alle höchstamtlichen Räder in Bewegung, die Sprache so rein wie möglich zu halten, auch aus der obwaltenden Anglophobie heraus, und mit nicht immer ganz feinen Methoden. Dennoch, auch mit einem Gesetz, dass 40 Prozent aller Musikstücke im Radio französischsprachig sein müssen, verlieren die Sprachwächter. Die hochumständliche Frageform „qu’est-ce que c’est“ ist umgangssprachlich auf Subjekt Prädikat vereinfacht worden, in eindeutiger Fragesatzmelodie. C’est ça!

Malaiisch (Indonesien) ist wie die meisten Sprachen vor anderssprachiger Überformung nicht gefeit. So steht auf einem Verbotsschild „HARAP TURUN DARI KENDARAAN, darunter auf Englisch: DON’T RIDE MOTORBIKE IN THE GANG, mit der erklärenden Bildunterschrift: ein GANG auf indonesisch ist eine GASSE, das Wort ist niederländisch. Die kolonialistische Handschrift.

Millionärsquizfrage: „Wer hätte es gewusst?“ … dass Barock aus dem Portugiesischen zu uns ins Deutsche eingewandert ist, abgeleitet von Barroco, „ungleichmäßig geformte Perle“.

Platz 2 unter den Top 20, Mandarin: eigentlich „easy-peasy“: eine einzige Form für Singular, Plural, Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft, geschlechtsfrei. Einfache Aneinanderreihung von Silben. Aber: 50.000 Schriftzeichen, in Taiwan sogar über 100.000. Gehirnsprint, lebenslang. Ein gebildeter Chinese unterscheidet 13.000. 516 Konfuzius-Institute in 142 Ländern unterrichten Mandarin an hoffnungsvolle Sprachschüler.

Chinesisch liegt mittlerweile fast Kopf an Kopf mit Babel-Champion Englisch, einst eine unbedeutende Sprache auf einer gottverlassenen Insel, mit dem (verflossenen) britischen Weltreich zur Weltsprache, Lingua franca der globalen Gemeinschaft geadelt. Mittlerweile erodierend, mit vielen regionalen Abweichungen in den Amerikas, Afrika, Asien auf dem Weg zur Pidgin Sprache. Warum nicht? – vielleicht unsere sprachliche Zukunft.

Rezensenten müssen abwägen, keine Lobeshymne, sondern auch Schattenseiten aufblättern. Schwer bei diesem Buch. Ein verdächtigter Druckteufel, „des Drudels Kern“, stellte sich als Wortspielerei heraus, nämlich als „Bilderrätsel“ (Drudel) der chinesischen Schriftzeichen. Ach ja, das türkische Humus wird auf Deutsch Hummus mit Doppel-m geschrieben (S. 76). So zeichnet zumindest Aldi die beliebte Paste aus. Keine weiteren Kritikversuche, dafür an dieser Stelle auch ein Lob an Lektorat, Druck, Herstellung. Mit der Unzahl fremder Schriftzeichen und Sprachen ein auch formaltechnisch beachtenswertes Werk (sagt der, der die Korrektheit nur für vier Sprachen verfolgen konnte). Was müssen Übersetzer und Sprach-Checker beim Verifizieren geschwitzt haben!

Auch hier vorbildlich: Korrekturvorschläge nimmt Gaston Dorren unter languagewriter.com entgegen.

Gaston Dorrren
Die größten Sprachen der Welt
und was sie so besonders macht
C.H. Beck 2021

… und hier noch mal 49 Sprachen

Der Beck Verlag will’s wissen: Als Paperback hat er fast zeitgleich mit den babylonischen „größten Sprachen“ ein zusätzliches linguistisches Sprachwerk herausgegeben, das 49 Idiome untersucht, im Unterschied zum globalen Rundumschlag die kleineren und einige der mittlerweile fast vergessenen. Das Werk liest sich nicht ganz so sämig, auch weil aus der Feder eines Sprachwissenschaftlers, doch trotz einem Mehr an Fachsprache und Grammatik-Überbau wackelt man auch bei dieser Lektüre mit den Ohren.

In einem Satz: Was der Mensch an Sprachen hervorgebracht hat, ist einzigartig, aber leider gehen uns mit dem Aussterben von Urvölkern, wie vielen in Lateinamerika, immer mehr Zeugnisse ihrer Kultur verloren, weil sie ununtersucht geblieben sind. Europäischer Kolonialismus und bis heute anhaltender Post-Kolonialismus tragen viel Schuld daran. Diese Erinnerung im Verbund mit einer Empfehlung: Geschichte sollte am Beispiel der Sprachen unterrichtet werden, was einen viel gründlicheren Blick auf den Menschen und seine Kultur würfe inklusive politisch-ökonomischer Asymmetrien und deren Entstehung.

Autor Haarmann enthüllt in „Die seltsamsten Sprachen der Welt“ viele weitere beeindruckende Details. So enthält Ubychisch, eine kaukasische Mundart, achtzig Konsonanten und nur zwei Vokale. Die Schnalzlaute der Hottentotten sind so kompliziert, dass sie sich eigentlich nur durch Fingerschnippen simulieren lassen. Vietnamesisch hat sechs Tonhöhen – im Unterschied zum Mandarin mit vier. Je nach Tonlevel hat das Wort Mai sechs verschiedene Bedeutungen (s. auch oben: Panjabi).

Vergleichsweise einfach ist in vielen Sprachen der Hahnenschrei. „Kikeriki“ klingt in zwölf Sprachen gleich, zumindest ähnlich. Wie tröstlich!

Dagegen ist Baskisch ein sprachliches Bollwerk: mit zwölf Fällen doppelt so viele wie Latein, an denen Generationen von Schülern bereits scheiterten. Finnisch, auch kein Labsal: 85 Deklinations- und 45 Konjugationsklassen, obendrauf 15 (!) Fälle. Ganz andere Hürden hat Thailändisch: 18 ordnende Klassifikatoren, um die Form eines Objektes anzugeben (sphärisch, hohl, zylindrisch, dünn, eckig, lang, eingewickelt etc.pp.). Die Ainu auf Hokkaido gehören zu den wenigen Menschen, die Sätze mit dem Objekt beginnen, gefolgt von Subjekt und Verb („Auto ich fahre“).

Der deutsche Sprachwissenschaftler macht keinen Tabu-Bogen ums „Kanakendeutsch“, so der offizielle wissenschaftliche Terminus, das zu den Pidgin-Formen gezählt wird und auf starke Vereinfachung zielt, mit nur 300 Ausdrücken (mit „krass“ ins Mainstream-US-Amerikanische eingewandert). Welche Verbindungen zur „Leichten Sprache/Leichtes Deutsch“ bestehen lässt Haarmann leider offen. Fakt ist, dass der Trend nicht nur bei Migranten zur Simplifizierung geht, sondern auch amtlicherseits. Apropos Tabu: Das Wort Tabu stammt von den neuseeländisch-polynesischen Maori. Deren Priester und Medizinmänner hielten ihr Heilwissen streng unter Verschluss.

Die Hawaiianer haben in ihrer Ursprache 21 Wörter für Regen, die Saamen (Lappen) 20 für unterschiedliche Schneequalitäten und welche Erfordernisse diese für ihre Rentiere haben. Auf Malta mischen sich Arabisch, Englisch und sizilianisches Italienisch zu einem Sprachkonglomerat, das, wenn wir ehrlich sind, jede Sprache der Welt ist. Ein Eintopf, in dem sich Wanderungsbewegungen, Traditionen, Kulturen niedergeschlagen haben.

Blick ins vornehm-kultische Japan: Wenn eine Teezeremonie feierlich sein soll, dann lebt sie von sage und schreibe 1650 Fachausdrücken. Zahlen: eigentlich ein Kapitel für sich. Der Sprung von den umständlichen römischen zu den arabischen im Mittelalter hat erst komplexere Mathematik und die modernen Naturwissenschaften ermöglicht. Ganz anders die kulturell hochentwickelten Maya: Die Köpfe und Gesichtszüge ihrer Götter markierten ihr sehr übersichtliches Zahlenwerk. Wie wohl die Grundrechenarten erfolgten?

Weltrekord: Asiaten sind für eine Vielzahl höflicher Sprachwendungen, samt Verbeugungen und Bücklingen bekannt, die besonders in Japan auch noch heute gelten; Khmer sagen in 100 verschiedenen Formen ich, je nach sozialer Situation und Anlass.

Rongorongo, die Sprache der Osterinseln, schrieben die Eingeborenen auf Tafeln, die bei jeder neuen Zeile um 180 Grad gedreht wurde. Christliche Missionare zerstörten sie als Heidenwerk. Esperanto ist den Meisten bekannt, aber was ist Klingonisch? Eine andere Kunstsprache, die die Star Trek Macher für Außerirdische erfanden. Sie wird von ca. tausend Menschen gesprochen, es gibt Wörterbücher, sogar Auszüge aus Shakespeares Hamlet wurden auf Klingonisch übersetzt.

Insgesamt: Viel Material auch hier für Quizshows – viele Andockstellen für Linguisten für weitere Sprach- sowie transdisziplinäre Forschung, vor allem: eine gut gefüllte Spritzdosis Allgemeinbildung.

Harald Haarmann
Die seltsamsten Sprachen der Welt

Von Klicklauten und hundert Arten, ich zu sagen.
C.H. Beck 2021

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