Die Akkordeonspielerin, die den „Gottesboten“ überlebte

Und weiter geht‘s mit den 2022 TELI Sommer-Hits. Im Anschluss an die unterhaltsam-schmunzeligen, gleichwohl tiefsinnigen Linguistik-Werke jetzt in dieser Folge das Gegenprogramm: das Dritte Reich, das uns mit neuen Forschungen immer wieder in Atem hält. Als Doppelpack, über den scheinbar normalen Alltag der „arischen“ Deutschen kurz vorm und nach Kriegsbeginn – und wie die Jüdin Esther Bejarano diese Zeit erlebte. Sie spielte in Auschwitz das Akkordeon im Mädchenorchester.

Hitlerwetter und Bombenwetter

Es ist erst ein Menschenleben her. Alles in diesem Lande drehte sich nur um einen: den Führer. Die Propaganda ließ ihn in alle Ritzen dringen, selbst das Wetter wurde davon vereinnahmt. „Hitlerwetter“ war das Synonym für einen strahlend-schönen Tag.

Der Titel des hier vorgestellten Buches macht eine Anleihe bei diesem Wortgebrauch. „Hitlerwetter“ war so häufig und normal, dass sich viele Deutsche dabei gar nichts mehr dachten, so wie beim heute noch gehörten „Bombenwetter“. So wie die Meisten offensichtlich sich auch nicht viel dabei dachten, dass sie in einer Diktatur lebten, in weltanschaulicher Sklaverei. Das Regime sorgte ja für sie – wenn sie sich zu den rassisch richtigen Deutschen zählen durften. Anders als die zu unlebenswert-minderrassig Erklärten.

Der Historiker Dr. Tillmann Bendikowski bricht diese Mentalität auf zwölf Kapitel herunter, die er an zwölf fixen Daten festmacht, darunter Muttertag 1939, Kriegsbeginn sowie einem weniger geläufigen Tag, den 25. März 1939, Tag der „Godesberger Erklärung“. Damit wollten die hitlertreuen Protestanten die evangelische Kirche, gespalten zwischen „Deutschen Christen“ und ideologisch abtrünniger „Bekennender Kirche“ um u.a. Martin Niemöller, auf strammen Nazi-Kurs bringen. Viele evangelische Pastoren waren bereits vor 1933 als eifernde Nationalsozialisten der Partei beigetreten. Dabei war die norddeutsche Kirche eine der großen Stützen, wie Bendikowskis Historikerkollegen Dr. Helge-Fabien-Hertz und Dr. Ulrich Erdmann in weiteren aktuellen Untersuchungen dokumentierten, kirchen-offiziell bestätigt auch von Bischöfin Kirsten Fehrs.

Es war die absolute Pervertierung des Christentums, wenn nationalsozialistische Protestanten und ihre braunen Pfarrer verkündeten:

„Ein Gott – ein ewiges Leben unseres Volkes, – eine Politik und eine Religion – ein ewiges Reich –, ein Führer, den Gott uns sandte, uns heimzuführen aus dem Tode zum Leben.“ (Bendikowski, S.142). Hitler an der Spitze als gottgewollte Ordnung? fragt Bendikowski. Das ließe sich weiter fassen: Hitler und Gott in Personalunion – Hitler, Sachwalter und Stellvertreter Gottes auf Erden, der Gottesbote …

Bei den vielen Predigten aus der NS-Zeit und Auszügen, die sich in pastorenverzeichnis.de nachlesen lassen, drängt sich der Eindruck auf, dass Hitler als Vollstrecker göttlichen Willens empfunden wurde, besonders auch in der Judenpolitik, und die Pastoren das mit passenden Bibelstellen belegten bzw. dazu alle Register ihrer theologisch-ideologischen, rabulistischen Formulierkünste zogen.

Nie schweigen

Das öffnet den Vorhang für Esther Bejarano, die mit eisernem Überlebenswillen dem Holocaust und Auschwitz widerstand. Sie starb 2021 mit 96 Jahren, unermüdlich in Schulklassen und Öffentlichkeit den Terror des NS Regimes in Erinnerung rufend, im Einklang mit dem Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel: 

Dieser Zivilisationsbruch, so der historische Terminus für die fabrikmäßige Ermordung von sechs Millionen Menschen, „steht außerhalb der Geschichte“.

Kurz vor Esther Bejaranos Tod entstand im Interview mit ihr das Buch „Nie schweigen“. Hierin erzählt sie, wie sie durch Zufall in das Orchester geriet, das die Todgeweihten in Auschwitz begrüßte (über den genauen Standort, ob an der Rampe oder unweit davon, gibt es unterschiedliche Zeugenaussagen), den Aus- und Einmarsch der Arbeitskolonnen begleitete, an Wochenenden zur Unterhaltung spielte, besonders auch der Nazi-Capos. Bejanaro kannte aus ihrem Elternhaus nur das Klavierspiel. Als im KZ eine Akkordeonistin gesucht wurde, hob sie den Finger, obwohl sie das Instrument noch nie gespielt hatte, bewährte sich und überlebte auch durch ihr Spiel in der Musiktruppe.

Diese ihrerseits war eine der perfidesten Erfindungen der Nazis – so wie das protestantische Narrativ vom „göttlichen Hitler“. Ein besonderer Fan der Mädchengruppe war SS Hauptscharführer Otto Moll, gefürchtet dafür, dass er Kinder bei lebendigem Leibe verbrennen ließ und Erwachsene von Hunden zerreißen. Als sein Lieblingsorchestermitglied Esther Bejarano ernsthaft erkrankte, sorgte der Menschenschlächter dafür, dass sie wieder genas – und so überlebte.

Zeit ihres Lebens, zuletzt bei ihrem letzten öffentlichen Auftritt am 3. Mai 2021, setzte sie sich dafür ein, dass der 8. Mai, Kriegsende, der deutsche Nationalfeiertag werden müsse „als Befreiung der Menschheit vom NS-Regime“. „Nie schweigen“ reicht ihre mahnende Botschaft zusammen mit ihrem Schicksal an die Nachwelt weiter.

„Nie schweigen“ wurde im Frühjahr 2022 im Münchner PresseClub vorgestellt, politisch prominent flankiert von Sabine Leutheusser Schnarrenberger (Justizministerin 1992-1996, 2009-2013) sowie der Vize-Präsidentin des Deutschen Bundestags Petra Pau.

Tillmann Bendikowksi
Hitlerwetter
Das ganz normale Leben in der Diktatur:
Die Deutschen und das Dritte Reich 1938/39
C. Bertelsmann 2022

Esther Bejarano
Mit Sascha Hellen
Nie Schweigen
Bonifatius 2022

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