2030 Unsere autofreie Zukunft?

Gemeinsam mit dem „Haus der Wissenschaft“ in Braunschweig lud die TELI zu einer kontroversen Diskussion über die Mobilität der Zukunft ein. Mit dieser Kooperation führt die TELI wie angekündigt die zum Bundestagswahlkampf 2009 gestartete Wissenschaftsdebatte thematisch fort. TELI-Vorstandsmitglied Jan Oliver Löfken berichtet.

Gerade der derzeitige Hype um die Elektromobilität durch Politik,
Wirtschaft und viele journalistischen Kollegen verlangt nach einer kritischen Debatte. Durch die Wahl der Referenten und ein sehr informiertes Publikum wurden im „Haus der Wissenschaft“ die Knackpunkte für die Mobilität der Zukunft bloß gelegt.

So provozierte Stephan Rammler, Professor am Institut für Transportdesign der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig, mit der zentralen Aussage, dass das Ende der Automobilität, wie wir sie kennen und genießen, eingeleitet ist. Mit Blick auf Klima, Rohstoffmangel und steigende Bevölkerungszahlen sei die Mobilität nach europäischem oder amerikanischem Vorbild kein Modell, dass sich auf die ganze Welt mit Boomstaaten wie China und Indien übertragen lässt.

Wolfgang Müller-Pietralla,
Leiter des Bereichs Zukunftsforschung im Volkswagen-Konzern, distanzierte sich mit seinem Vortrag von Rammlers Zukunftsmodell. Zwar zeigten die Ideen aus seiner Abteilung, dass sich Mobilität mit vernetzten Verkehrssystemen, Elektromobilen und intelligenter Steuerung in den kommenden Jahrzehnten durchaus ändern könnte. Doch gründete dieser Blick in die Zukunft sehr auf technische Gimmicks. Vielleicht wären technikbegeisterte Early-Adopters begeistert gewesen, das Publikum aber reagierte auf seine High-Tech-Visionen zurückhaltend. Denn neben wenigen Ideen für einen besseren ÖPNV stand klar der Individualverkehr als – aus VW-Sicht – zukunftsträchtiges Konzept im Mittelpunkt. Für das Unternehmen, das auch weiterhin Autos verkaufen will, durchaus verständlich.

Für die TELI übernahm Jan Oliver Löfken
die hinterfragende Rolle des Journalisten. Besonders zur derzeit so beliebten Elektromobilität lieferte er Gedanken, die skeptisch stimmen sollten und in der journalistischen Berichterstattung nur selten bis gar nicht erwähnt werden. Erstens blieben E-Mobile auf viele Jahre wegen hoher Batteriekosten noch recht teuer und somit – ohne Subvention – ein Spielzeug einiger Wohlhabender. Zudem wird sich bei begrenzten Lithiumvorkommen eine steigende Nachfrage stark auf den Preis von Lithiumsalzen, die vor allem in Bolivien, Chile und Argentinien lagern, auswirken. Eine Abhängigkeit von wenigen Staaten, noch weniger als beim Erdöl, wird folgen.

Zweitens laufe laut Löfken die angestrebte Elektromobilität der mit Carsharing, Bahnbikes, ÖPNV und Park&Ride eingeläuteten Wende in der städtischen Mobilität direkt entgegen. Denn alle E-Mobil-Entwickler sähen wegen kurzer Reichweiten eine Breitenanwendung nur im Nahverkehr. Ist es da sinnvoll, bei knappen Parkplätzen und verstopfter Rush-hour-Straßen Menschen aus U-Bahn und Bus in ein Elektromobil zu locken?

Zahlreiche Fragen aus dem Publikum, etwa 100 Teilnehmer, führten schnell von der Diskussion einer neuen Mobilität zu einem intelligenteren Aufbau der Städte. Denn nur, wenn die Menschen Wohnung, Arbeitsplatz und Vergnügungsstätten in unmittelbarer Nachbarschaft fänden, könne leicht auf ein Auto, auch auf ein E-Auto, verzichtet werden. Allerdings zeige auch das Beispiel Braunschweig, dass eine solche neue Urbanität von den Verantwortlichen nicht unbedingt erwünscht sei. Das „Leben der kurzen Wege“ bleibt so für die meisten vorerst unerreichbar. Doch die kritischen und wohl informierten Fragen zeigten, dass Mobilität die Menschen in doppelter Bedeutung bewegt.

Die lebhaften Diskussionen belegen,
dass die Idee der Wissenschaftsdebatte auf starkes Interesse stoßen kann. Ähnliche Initiativen wie mit dem „Haus der Wissenschaft“, dem die TELI sehr für die Zusammenarbeit dankt, sind auch in anderen Städten denkbar. Kontroverse und spannende Themen für eine Fortsetzung der Wissenschaftsdebatte gibt es genug.

Mobilität 2030 als Podcast: In wenigen Tagen wird das „Haus der Wissenschaft“ die Beiträge der Referenten als Podcast zur Verfügung stellen. Auch wer nicht in Braunschweig dabei war, kann so die kontroversen Gedanken und Argumente hören, nachvollziehen oder hier im Blog mit diskutieren.

Mehr: TELI-Wissenschafts-Debatte!

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Ein Gedanke zu “2030 Unsere autofreie Zukunft?

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