Anfass-Filosofie: SCHAU HIN, EIN MENSCH!

Philosophie kommt meist als eine Art in Buchstaben gekleidete Mathematik daher. Streng und logisch, kaum lesbar in ihrer Abstraktion. Wahrscheinlich auch der Grund, weshalb sie sich bei allen so wahnwitzigen Rechtschreibreformen der populäreren „Filosofie“ entzog, damals, als Herr Duden Photo zu Foto umschrieb. So banal will sich die Denkkunst nicht machen.

Wer lacht hier so blechern?

Endlich: Der Filosof Maximilian Hartung dreht das in seinen filosofischen Zuggesprächen um. Diese Wissenschaft wird im Abteil greifbar, in knallharten und aufrüttelnden Sätzen, mit einer gekonnten Tour d’Horizon durch Foucault, Camus, vor allem Nietzsche, dem bisher von den Allermeisten am wenigsten Verstandenen.

In „Zuggesprächen“ doziert ein „Herr Professor“ über die Schlechtigkeit der Welt.  Die ist nicht nur historisch, die Weltkriege und so, sondern aktuell greifbar in diesen Ausnahmejahren von Corona, Krieg, Klimakrise. In Sätzen, wie gestanzt, beschreibt der „Herr Professor“, stets ringend mit sich und seiner Stimme, die mitunter wie ein „gefoltertes Streichinstrument“ klingt, die Exzesse einer Alles fressenden Wirtschaft und Zerstörung.

Der zitierbaren Beispiele über das „Konsumproletariat“ sind so viele, dass es schwerfällt, nicht bereits an dieser Stelle in die Breite dieses so originellen, in zwei Stunden rezipierbaren Büchleins zu gehen. Mit Qual in der Seele beschränkt sich der Rezensent auf wenige der vielen, übertönt von „Mensch und Maschine lachen … gewiss schon blechern im Akkord!“

Im Fleischwolf der Bestie

„Der Kapitalismus ist ein großer Fleischwolf, er zersetzt die Menschheit und nutzt die Überreste, um mit der Knochen- und Fettschlacke diese hochglanzpolierte Höllenmaschine zu schmieren. Doch eine Maschine, die Gewinner nur produziert, weil sie die Überflüssigen als Brennstoff verheizt, kann nicht gezähmt, sondern nur selbst geschlachtet werden.“

„Doch der Kapitalismus hat noch nicht einmal das Herz einer Bestie, er hat gar keines! Tiere sind unberechenbar, misshandelte Tiere umso mehr, doch der Kapitalismus ist eine Maschine, schon von Geburt an dazu abgerichtet für den Waren- und Geldstrom alles zu tun, wenn nötig zu töten.“

„Die Widergeburt [!] der Menschen als Ware, als wunschgetriebene Produktions-Konsumptions-Produktions-Maschinen. Doch nach dem GOTTESTOT muss nun der WARENTOT folgen. Wir haben eine Welt erschaffen, die nur noch aus Konsumgegenständen besteht und in der sich alles am Kriterium der Funktionalität bemisst, was selbstverständlich das Ende, die Überflüssigkeit allen Dysfunktionalen nach sich zieht.“

Herr Nietzsche – der einzig Gläubige?

Damit ist die Bühne bereitet für den Anti-Christen Nietzsche, seiner harschen Kritik an der Versklavung des Menschen durchs Christentum, aber auch der Frage nach Sinnhaftigkeit und Auswegen aus dieser Bredouille. Auch hier brilliert der Autor mit einer ins Mark stoßenden Sprache, aus dem berufenen Munde des „Herrn Professor“, dessen Mimik und Gestik sein Thema so beredt unterfüttert, dass wenn man ihn wortlos ans Katheder treten ließe, alle sofort wüssten, worum es geht.

„Nietzsche war vom Wahnsinn des Nicht-Glaubens besessen und dennoch nicht gläubig. Das ist der Kern der Zeitenwende! Das ist der nietzscheanische Knackpunkt.“

„Das Mitleid der Christen ist zum Machtinstrument verkommen, zur Zuchtpeitsche, mit der die Mittelmäßigen sich ihr Mittelmaß einpeitschen und die Rachsüchtigen auf Rachetour gehen, das wollte Nietzsche sagen.“

„Nietzsche wollte das Leid nicht nur ertragen, er wollte es umarmen, wild und ungestüm! Packen wollte er es. Sich mit ihm auf dem Boden wälzen. So gut das geht jedenfalls. Der Troubadour des letzten Atemzuges, der Versucher des Todes und all seiner Fratzen, das wollte er sein. Er wollte eine Menschheit, die mit dem Leid, miteinander und inmitten der diesseitigen Welt endlich einmal wieder zu tanzen gelernt hat.“

Der Todeskuss ist der Lebenskuss

Das ist bereits die Antwort. Sich von Todesangst zu befreien und in Selbstverantwortung zu agieren, dies ist die Freiheit des Menschen, und nicht so erbärmlich dahin zu vegetieren, wie die Meisten:

„Die Leute meinen, der Tod wäre sinnlos. Ganz egal, wie man vorher gelebt hat. Sie haben sogar so viel Angst vor ihm, dass sie ein ganzes Leben lang um das Leben nur herumschleichen. Aber ich sage Ihnen etwas. Der Tod ist nur sinnlos, weil die meisten schon seit Jahren im Bett liegen, wenn er sich kalt an sie anschmiegt. Der Tod macht Sinn, wenn Sie für das Leben sterben.“

Der Tod, das blitzt in diesem Menschendrama altgriechischer Dimension – dem titanischen Ringen des Menschen mit der Götterwelt – immer wieder auf: Der Tod ist die Ultima Ratio, Lebenssinn und Zweck unserer Existenz. Insofern, in conclusio, quasi Lebensgesetz: Das Leben mit sinnvollen Inhalten zu befüllen, im Orginaltext:

Zu jedem Frühstück ein Stück Freiheit

„Wer frei ist, unendlich frei sogar, der ist ergo auch voll und ganz und ganz und gar verantwortlich. Was Sartre also meinte, ist eine Verantwortung, die sich selbst zur Freiheit verurteilt hat.“

„Widerstand im Namen des Lebens immer aktuell ist. Wer seine Würde entdeckt, der ist für Unterdrückung nicht mehr empfänglich. Die Würde des Menschen ist die Waffe der Menschheit.“

„Die Freiheit reicht uns die Verantwortung jeden Tag, auf einem Silbertablett, gemeinsam mit der frischgebügelten Morgenzeitung.“

Mystery Train Filosofie: Fortsetzung folgt?

Also: Erlösung von dem irdischen Joch im Diesseits, und zwar in Würde, Freiheit, Selbstverantwortung. Konkrete Beispiele hierfür und eine damit zu beflügelnde Alltags-Filosofie, die nicht aus den Heiligen Schriften der Völker, klassischer Epik oder modernen Parteiprogrammen stammen, darüber wird der „Herr Professor“ bestimmt bereits bei seinem geheimnisvollen Verschwinden aus dem „Mystery Train“ nachgedacht haben und uns solche Fälle in der nächsten Vorlesung präsentieren:

Hoffentlich genauso wortgewaltig, hart, konkret und beispielhaft an dem, was Vielen von uns in diesen Zeiten so heftig auf den Nägeln brennt. Schon mal vorab, als Trost:

Ecce homo: Schau hin, ein Mensch!

Maximilian Hartung: Zuggespräche. Ein Reisedialog zur Philosophie der Gegenwart. Turia + Kant. Wien 2022

[ Artikel drucken ]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.