Norwegen, Gehirnwäsche:
Comedy-Star provoziert Wissenschaft

REICHE LÄNDER: KEIN INTERESSE AN WISSENSCHAFT

Normalerweise interessieren sich Norweger nicht für Wissenschaft und Forschung. Das Land ist reich. Um Forschungsgelder brauchen sich die Wissenschaftler keine Sorgen zu machen. Viele von ihnen können vor sich hin forschen und brauchen sich nicht einmal darum zu kümmern, ob ihre Forschungen überhaupt relevant und akzeptiert sind. Hauptsache, sie sind politisch richtig.

Dieses kuschelige Forschungsheim im Norden hat jetzt Harald Eia gehörig durcheinander gebracht. Er ist der populärste Comedy-Star im norwegischen Fernsehen. In seiner neuen Serie „Hjernevask“ (Gehirnwäsche) weckt er nicht nur die dösenden Sozialwissenschaftler aus ihrem Schlummer, sondern er hat auch in der Bevölkerung stürmische Debatten darüber ausgelöst, in wieweit die Biologie das menschliche Dasein beeinflusst.

Bjørn Vassnes, einer der ganz wenigen Wissenschaftsjournalisten, die es in Norwegen gibt, berichtet in seinem Blogbeitrag für die Europäische Union der Wissenschaftsjournalistischen Vereinigungen (EUSJA), wie es dazu kam. Sein Beitrag zeigt, dass sich Wissenschaft und Forschung auch in einem demokratischen Land ohne kritischen Journalismus schnell in Ideologie verfangen können und unterzugehen drohen.

SOZIALWISSENSCHAFTEN: IDEOLOGIE STATT FORSCHUNG

Harald Eia, der naiv aussehende Spaßmacher und studierte Soziologe, ist mit seiner neuen, äußerst populären Sendung zu einer Art Michael Moore des Wissenschaftsjournalismus geworden. Er konfrontierte die norwegischen Sozialwissenschaftler mit der Tatsache, dass sie konsequent seit Jahrzehnten die Erkenntnisse der Gen- und Hirnforschung ignorieren und es sich in einem sozialdemokratisch verordneten Elfenbeinturm bequem gemacht haben. Er befragte sie nach ihren wissenschaftlichen Erkenntnissen zu Themen wie sexueller Orientierung, Geschlechterrollen, Gewalt, Bildung und zur Frage menschlicher Rassen. Das sind in Norwegen alles hoch politische Themen und so brisant, dass man besser nicht darüber diskutiert. Die Antworten der Wissenschaftler auf seine Fragen legte Eia dann den weltweit anerkanntesten Sozialwissenschaftlern in England und den USA zur Kommentierung vor, darunter Kapazitäten wie Robert Plomin, Steven Pinker, Anne Campbell, Simon Baron-Cohen, Richard Lippa und David Buss. Und die waren, gelinde gesagt, sehr verwundert.

GEHIRNWÄSCHE: FORSCHER ERWACHEN

In seiner Gehirnwäsche-TV-Sendereihe konfrontiert der Spaßmacher nun seit Anfang des Jahres nicht ohne Ironie und Zynismus die norwegischen Zuschauer und die Sozialforscher des Landes mit den für sie oft bitteren Realitäten aus der weltweiten Gen-, Gehirn-, Verhaltens-, Psychologie- und Sozialforschung. Plötzlich waren die norwegischen Medien voller kontroverser Berichte, es gab öffentliche Diskussionen und die Sozialwissenschaftler waren brüskiert. „Eine Wissenschaftlerin hat bereits das Land verlassen, weil Eia angeblich ihr Leben zerstört habe, andere Forscher wollen ihn vor Gericht zerren“, schreibt Vassnes, fügt aber hinzu, dass sich plötzlich auch andere Forscherstimmen in den Medien zu Wort melden und die provozierende TV-Wissenschaftsshow für gerechtfertigt halten, darunter Biologen, Psychologen, Pädagogen und sogar einige nachdenklich gewordene Soziologen.

Zum Hintergrund für diese „Splendid Isolation“ schreibt Vassnes: „Die Norweger wollten, dass alle Menschen vollkommen gleich sind. Dieser Glaube hängt zusammen mit der Ideologie der norwegischen, und in gewisser Weise auch schwedischen, Sozialdemokratie.“ Die Regierungen von Norwegen und Schweden, Jahrzehnte lang von den Sozialdemokraten geführt, wollten in ihren Ländern die egalitärste Gesellschaft der Welt verwirklichen. Als Norwegen durch das Öl reich wurde, konnte man dann schließlich auch eine Gesellschaft verwirklichen, in der es nahezu keine Armut gibt.

GELD VERDIRBT DIE WISSENSCHAFT

Aber der Reichtum hatte auch einen Nachteil, schreibt der Wissenschaftsjournalist Vassnes: „Weil es überall reichlich schnelles Geld gab, wollte niemand mehr eine Naturwissenschaft studieren. Hinzu kam, dass die Anbindung der Sozialwissenschaften an die Regierung immer enger wurde. Sie war über den Norwegischen Forschungsrat die einzige Quelle für die Forschungsförderung. Das führte zu einer Wissenschaftskultur, in der kontroverse Themen nicht mehr diskutiert wurden. War ein Wissenschaftler zu kritisch, riskierte er, keine Forschungsförderung mehr zu bekommen.“

Der Hintergrund ist, dass die norwegischen Sozialwissenschaften bis heute biologische, evolutionäre oder genetische Faktoren in ihren Analysen des menschlichen Verhaltens vollkommen ignorieren. Selbst Geschlechterrollen und sexuelle Identität halten sie für vollständig kulturelle Prägungen. Schon die Diskussion darüber, ob bestimmte Unterschiede zwischen den Menschen angeboren sein könnten, ist ein Tabu.

DEBATTENFEINDLICH: WISSENSCHAFTSKOMMUNIKATOREN

Diese debattenfeindliche Kultur spiegelt sich auch darin wieder, dass ein Wissenschaftsjournalismus, der kritisch hinterfragt, auswählt, bewertet und Zusammenhänge herstellt, in Norwegen keine Chance hatte. So schrumpfte ein kleiner Verband von Wissenschaftsjournalisten vor vielen Jahren auf eine einzige Person zusammen. Eine Neugründung im Jahre 2005 ist inzwischen ebenfalls wieder eingeschlafen. Es waren enthusiastische, vorwiegend in Wissenschaftsbehörden angestellte Wissenschaftskommunikatoren und Journalisten, die sich eigentlich hierin organisieren wollten.

Doch nicht nur durch Harald Eia sei etwas in Norwegen in Bewegung gekommen, schreibt Vassnes. „Bis vor kurzem waren Debatten über Sexualität und Geschlechterrollen, aber auch über das norwegische Schulsystem verpönt.“ Das änderte sich erst, als Norwegen bei den großen internationalen Schultests mitmachte, von denen die PISA-Studie die bekannteste ist. Zwar errangen Norwegens Schüler, wie auch die in den anderen skandinavischen Ländern, Bestnoten. Aber in kaum einem anderen Land war die Diskrepanz zwischen den Geschlechtern in ihren Berufsvorstellung so eklatant wie in Norwegen.

Vassnes: „Die norwegischen Sozialwissenschaftler standen vor einem Rätsel, das sie das „Geschlechter-Gleichheits-Paradox“ nannten. Erklären konnten sie es nicht.“ Politik und Öffentlichkeit reagierten darauf mit noch größeren Anstrengungen, um die Geschlechtergleichheit endlich zu erreichen – bis heute erfolglos.

Dieses Phänomen erklärt Vassnes so: „In einem Land mit einem derart hohen Lebensstandard wie Norwegen, kann man sogar in den traditionell weiblichen, in anderen Ländern unterbezahlten Berufen, sehr viel Geld verdienen.“ Warum also Medizin studieren, wenn man als Krankenschwester oder Krankenpfleger fast genauso viel Einkommen hat wie ein Arzt?

Aber den Haupteffekt von Harald Eias TV-Provokationen sieht Vassnes darin, dass die norwegischen Medien plötzlich voller Beiträge von Forschern sind, von denen die norwegische Öffentlichkeit noch nie gehört hat. Zum ersten mal wird in Norwegen wirklich über Wissenschaft berichtet und diskutiert, zum ersten Mal ist Wissenschaft ein Thema in den Medien des Fjordlandes.
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Der vollständige Aufsatz von Bjørn Vassnes ist im EUSJA-Blog auf Englisch zu lesen.

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2 Gedanken zu “Norwegen, Gehirnwäsche:
Comedy-Star provoziert Wissenschaft

  1. Harald Eia macht ja kein Kabarett daraus! Die Sendung ist durchaus seriös. Aber er ist eben bekannt als Comedy-Star, von dem man sowas nicht erwartet. Das verwirrt die Zuschauer. Dazu sieht er noch naiv aus und benimmt sich auch so. Das verwirrt noch mehr. Eine Art Michael Moore eben.

  2. Ein Kabarett über Wissenschaft — hat das jemand schon mal versucht? Sollte man eine solche nicht einmal versuchen auf eine der großen Veranstaltungen, ESOF, WissensWerte, Weltkonferenz? Wäre doch ein schöner Initialfunken für eine Debatte!

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