Agenda ‘24: Unmögliches wird obligatorisch!

by Wolfgang Goede | 1. Dezember 2023 15:19

Michio Kaku ist beides, ein verdienter Astrophysiker der USA mit japanischen Wurzeln, und ein renommierter Erzähler. Im Vorwort seiner Physik des Unmöglichen findet sich das Zitat „Alles, was nicht unmöglich ist, ist obligatorisch!“ Buchtitel und Inhalt verdienten eher die Umkehrung: Unmögliches ist obligatorisch. Denn das ist das Narrativ, aus dem sich die Wissenschaftsgeschichte speist, auch jenes, welches der Autor hinterlegt.

Schrödingers Katze – tot, lebendig, oder was?

Kakus Werk ist Herzstück einer Trilogie, veröffentlicht bereits vor 15 Jahren, jetzt noch einmal neu aufgelegt vom Nikol Verlag und gerahmt von den später erschienenen Bänden Physik der Zukunft und Physik des Bewusstseins. Zur Extremphysik gäbe es seither bestimmt viele Updates aus der Forschungswelt, aber das Thema bleibt top-aktuell, spannend, auch verstörend. Wie wirklich ist die Wirklichkeit?

Kaku outet sich als Schüler von Einstein, der die von Jenem initiierte Suche nach der Weltformel fortsetzt. Diese will die Widersprüche der modernen Physik in einem Modell vereinigen. Die auseinanderdriftenden Vektoren sind Einsteins Relativitätstheorie, Heisenbergs Unschärferelation, Plancks Quantenphysik, was sich im Welle-Teilchen-Dualismus manifestiert, dass u.a. Licht beides ist, Teilchen und Welle. Die Kontroverse hat eine fast 100-jährige Geschichte und gipfelte 1935 im Gedankenmodell von „Schrödingers Katze“, die beides ist, lebendig und tot – was stimmt ist bis heute ungeklärt, regt die Geister aber weiterhin auf.

Versager Jung-Einstein

Einsteins Schüler charakterisiert den späteren Ausnahmephysiker, so z.B. im Studium, als anfänglichen „Versager“. Ein Freund schanzte ihm einen Job im Schweizer Patentamt zu. Hier fand er Gelegenheit, seinen kosmischen Träumereien nachzuhängen, etwa auf einem Lichtstrahl zu reiten, und sein Gedankengebäude zu entwickeln, stets greif- und vorstellbar. Ein Einstein-Maxim lautete, eine Theorie müsse einem Kind erklärbar sein, sonst tauge sie nichts. Es wurde ein Grundpfeiler seines Weltruhms und Popularität.

Gleichwohl seine historische Erkenntnis, dass Zeit keine Konstanze ist, so wie das Newtons Physik proklamierte, sondern relativ und abhängig ist von der Geschwindigkeit eines Objekts, unsere geordnete und ziemlich quadratische Welt auf den Kopf stellt.

Zeitreisen: um 0,02 Sekunden in die Zukunft geschleudert

Nur: Einstein ist empirisch bewiesen. In Gestalt der Satelliten- und GPS-Systeme, die in hohen Geschwindigkeiten unseren Planeten umkreisen und die für deren 100-prozentige Verlässlichkeit die Zeit nachsteuern müssen. Bingo!

Als weiteren Beleg nennt der Autor den realen „Weltrekord für Reisen in die Zukunft“: Den hielt (vor ca. 15 Jahren) der russische Kosmonaut Sergej Awdejew, der in 748 Tagen im Orbit bei einer Geschwindigkeit von 28.000 km/h der Raumkapsel „um 0,02 Sekunden in die Zukunft geschleudert wurde“. Leider offenbart der Autor weder die Rechenoperation hierfür noch offeriert er einen Quellennachweis.

Einsteins Spuk: die Quantentheorie

Bei allem forscherischen (und auch sonstigem) Freidenkertum war Einstein dennoch ein Advokat einer objektiv-naturgesetzlich geordneten Welt, in der Tradition Newtons, der das Weltall mit einem Uhrwerk verglich mit Gott obendrauf. Ähnlich Einstein, der in seiner Lust an gestanzten Theorien, Formeln, Sätzen verkündete: „Gott würfelt nicht.“ Damit versuchte er den neueren Theorien zu begegnen, dass etwa ein Atom nur dann sichtbar wird, wenn es beobachtet wird (Unschärferelation) oder das Teilchen gleichzeitig an diversen Orten existieren, sie quantenmäßig verschränkt sind und überlichtschnell kommunizieren (Doppelspaltexperiment).

Damit wird’s selbst für flexiblere Geister haarig, „spukhaft“, wie Einstein die nach ihm kommende neuere Physik nannte. Selbst der renommierte britische Physiker Feynman äußerte den Verdacht, dass die Quantenphysik bisher von keinem verstanden worden wäre.

Gibt es 10 hoch 100 Universen?

Bei der Stringtheorie, zu dessen Vätern Kaku gehört, geht zumindest unsere Vorstellung noch mit. Das ist das Bild eines schaumigen, aus vielen Bläschen bestehenden Universums. Das ist der Abschied vom Universum als Solist und öffnet die Tore zu Paralleluniversen oder ein Multiversum, mittlerweile auch Pluriversum genannt. Der Knaller: Der Raum rund um die Erde könnte aus einem Gogool, unfassbar 10 hoch 100 Universen (1 mit 100 Nullen)* bestehen. Auch hierzu nennt der Autor in den Anmerkungen leider keine Quelle.

Hier eine Brücke in diese Gigantomanie. Allein unser, das sichtbare Universum wird auf 200 Milliarden Galaxien geschätzt. Unter diesen befindet sich unsere Heimatgalaxie, die Milchstraße. Sie allein kommt auf über 100 Milliarden Sonnen. Viele sind vermutlich wie unser Sonnensystem von Planeten umgeben, auf denen Leben bestehen könnte, sofern man irdische Bio-Maßstäbe anlegt, sie nicht zu nah (Venus) oder zu fern (Saturn) vom Muttergestirn entfernt sind und sie in den sogenannten wohltemperierten „habitablen“ Zonen ihre Bahnen ziehen.

„Natur ist absurd“

Die Zahlen und Größen sind „mind blowing“, wie der Angelsache so bildhaft sagt, wobei der zitierte Feynman uns wünscht, dass wir die Natur akzeptieren mögen, so „wie sie ist – absurd“.

Aber vielleicht ist sie ja weniger absurd, als dies scheint. Stoßen doch in dieser universalen Kontroverse über Sinn und Wahrheit, „des Pudels Kern“, zwei altbekannte philosophische Fragen aufeinander: Danach steht der physisch-materiellen, vermeintlich objektiven Welt eine idealistisch-subjektive gegenüber und die Welt wäre am Ende eventuell als Ergänzung beider zu verstehen.

Geist oder Materie, wer beherrscht wen?

Nur ein Alltagsbeispiel: Wie verlässlich sind nach allen Mitteln der Technik vermeintlich objektiv ermittelte Temperaturdaten. Können doch 18 Grade auf der Celsiusskala je nach Höhe, Luftfeuchtigkeit, Wind, individueller Temperaturfühligkeit und anderen Faktoren wie kultureller Einbettung und geografischer Position eine Vielzahl unterschiedlicher Temperaturwahrnehmungen bedingen, die für alle dazu Befragten objektiv wären, sie sogar – körperlich reaktiv – dazu frören oder schwitzten. Objektivität ist divers und unlösbar mit dem Subjekt verbunden.

Wenn man weiterbohrt, stößt man rasch auf die uralte Frage: Geist oder Materie, wer war zuerst, wer bestimmt wen? Der Aufklärung, Wissenschaft, Industrialisierung und deren Streben, die Natur in ihre kleinsten Partikel zu zerlegen, folgte im 18. Jahrhundert der Romantizismus, Wahrheit in seinem tiefsten inneren Ich zu suchen, was Parallelen in vielen indigenen und orientalischen Praktiken und Philosophien findet, Meditation und anderen Ritualen, auch Gebeten. Für den Physiknobelpreisträger 1967, Eugene Wigener, waren dies Hinweise auf ein „kosmisches Bewusstsein“ und die „Existenz Gottes“ (S. 308).

Was fehlt: Die Graphic Novel zum Buch!

Bei aller nerdigen Theorie ist Kakus „Tour de Force“ durch die unmögliche Physik stilistisch gut lesbar, in den Inhalten und Ausblicken vielfach faszinierend, manche mögen hierin auch eine Art kosmische Religion entdecken. In dieser Vielfalt gerät das Werk streckenweise zu sprunghaft, ohne dass der Schüler seinem Meister stets in Treue gefolgt wäre, nämlich die Tugend der Einfachheit der Erklärung. Schrödingers Katze wird auch bei Kaku nicht so richtig greifbar, Theorien gehörten noch basaler erklärt ebenso ihre Position im gesamten Theoriekomplex. Möglicherweise schaffte das nur eine der beliebten Graphic Novels, deshalb, auch weiterhin:

Unmögliches bleibt obligatorisch!

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Michio Kakus 3 Extrem-Physik-Bände im Schuber
auch ein schönes Weihnachtsgeschenk für die Noch-auf-Papier-lesende Welt

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