Debate goes Europe

Die TELI-Wissenschafts-Debatte war Thema auf dem diesjährigen Euroscience Open Forum, kurz ESOF 2010 in Turin. Auf dem Programm der europäischen Wissenschaftskonferenz stand ein Workshop mit dem Titel: „The Missing Mediator“, organisiert vom Verband der europäischen Wissenschaftsjournalisten EUSJA. Die Veranstaltung ergründete die geschichtlichen und philosophischen Grundlagen der Wissenschaftsdebatte, berichtete über ihre Erfolge in den letzten Jahren, richtete den Blick nach vorne und forderte: Einführung einer europaweiten Debatte über die wichtigen Themen der Wissenschaft.

Wichtigster Redner und Stargast war Shawn Otto aus den USA. Der Journalist und Filmemacher hatte im letzten Präsidentschaftswahlkampf die US Science Debate 2008 mitbegründet, um die Wissenschaft „auf ihren verdienten Platz im Jahrhundert der Wissenschaft“ zu stellen. Top-Moderatoren der TV-Medien hatten den Präsidentschafts-Kandidaten insgesamt 2975 Fragen gestellt, davon nur sechs über den Klimawandel, dafür drei immerhin über UFOs. Das zeigte Shawn Otto und seinen Mitorganisatoren, dass es Zeit zum Handeln war, um so mehr, als nur elf der 535 Mitglieder im Kongress einen naturwissenschaftlichen Abschluss hatten, während 225 Rechtsanwälte waren.

Er berief sich auf Staatsgründer Thomas Jefferson und seinen denkwürdigen Satz: „Nur wenn die Menschen gut informiert sind, kann ihnen ihre eigene Regierung anvertraut werden.“ Deshalb müssten sie über die Wissenschaft besser informiert werden, denn Wissenschaft und Demokratie sind miteinander verbunden, beide egalitär und anti-autoritär. Ein entsprechender Vorstoß für eine Wissenschaftsdebatte wurde von 38 000 US-Wissenschaftlern unterstützt, 30 Nobelpreisträgern und nahezu allen Wissenschaftsorganisationen im Lande.

Doch die Kandidaten
der Demokratischen Partei, Clinton und Obama, sprachen stattdessen über Religion und die US-Presse hakte nicht nach. Warum? Weil viele TV-Kanäle und Print-Medien ihre Wissenschaftsjournalisten auf die Straße gesetzt hatten. Auch die politischen Journalisten fassten nicht nach, weil sie Wissenschaft nicht als ihr Revier betrachten – das, obwohl Wissenschaft immer auch politisch ist, kritisiert Otto. Diesen Ghetto-Status der Wissenschaft galt es aufzubrechen, insbesonders auch deshalb, weil im Auge der Öffentlichkeit diese Einschätzung gar nicht stimmte, sondern sie eine öffentliche Debatte über die Herausforderungen der Wissenschaft wollte.

Aus einer ganzen Serie
von Umfragen wurden die 14 wichtigsten Fragen formuliert, online gestellt – und tatsächlich: Die beiden Spitzenkandidaten der Demokraten und Republikaner, Barack Obama und John McCain, antworteten. „Die Wissenschaftsdebatte 2008 wurde zur größten politischen Initiative in der Geschichte der Wissenschaft“, unterstrich Shawn Otto in Turin den Erfolg der Aktion im gut gefüllten ESOF-Auditorium.

Das alles hatte großen
Einfluss auf Wahlsieger Barack Obama. Seine Antworten wurden die Grundlage einer neuen Wissenschaftspolitik. Bei seinen Personalentscheidungen berücksichtigte er viele Unterstützer der Wissenschaftsdebatte. Zum ersten Mal ging ein US-Präsident mit einer ausformulierten Wissenschaftspolitik in seine Amtszeit. In seiner Antrittsrede übernahm Obama das Motto der Wissenschaftsdebatte: „Wissenschaft wieder auf ihren verdienten Platz zu stellen“. Im nächsten Wahlkampf 2012 wollen Otto und seine Mitstreiter wieder alle Register ziehen und über eine Online-Debatte hinaus diesmal endlich auch ein TV-Duell über Wissenschaft entzünden.

Wolfgang C. Goede, Vertreter der TELI bei der EUSJA und Redakteur der Zeitschrift P.M, führte den Begriff „Scientific Citizenship“ in das Debatten-Workshop ein. In diesem Sinne ist der Bürger in seinen Rechten und Pflichten auch eine Art Wissenschaftler, der in der Debatte über Forschungsthemen sich Wissen aneignet, darüber urteilt und sich so in den demokratischen Abstimmungsprozess einfädelt. Nur die „Zwei-Wege-Kommunikation“ von oben nach unten und unten nach oben mache Forschungsergebnisse „sozial robust“, sagte Goede unter Berufung auf den britischen Sozialwissenschaftler Brian Wynne. Er fordert eine neue Partnerschaft zwischen Laien-Experten und Fach-Experten. Die Brücke zwischen beiden sei die Debatte.

In der Medizin, beispielsweise, werde es immer wichtiger, den Patienten als Experten in eigener Sache zu akzeptieren. Viele Therapien, von Bluthochdruck bis Depressionen, basieren auf dem eigenen Wissen über die Krankheit und wie sich dieses für die Behandlung aktivieren lässt. In vielen weiteren Forschungen ist der Bürger derjenige, der einen Großteil der Projekte mit seinem Steuergeld bezahlt; als Käufer technischer Produkte ist er letztendlich Nutznießer, oft auch Geschädigter.

Deshalb gehört der Bürger ins Zentrum der Gesellschaft. Er ist die Sonne, um die herum sich als Planeten die gesellschaftlichen Einrichtungen bewegen. Dieses so genannte Galileo Modell ist die Grundlage eines neuen Gesellschaftsvertrages, in dem der Bürger eine gleichberechtigte Rolle spielt. Der französische Soziologe Bruno Latour spitzt dieses Zusammenspiel auf den Satz zu: „Keine Innovation ohne Repräsentation.“

Der italienische Ingenieur
und Hochschulprofessor Michele Ciavarella setzte sich mit der Wissenschaft in Europa auseinander. Er hat in Italien nach US-amerikanischem Vorbild eine Wissenschaftsdebatte ins Leben gerufen, die hauptsächlich auf akademischer Ebene geführt wird. Ciavarella rief in Erinnerung, dass Europas Staatschefs im Jahr 2000 in Lissabon und Barcelona ankündigten, Europa bis zum Jahr 2010 zum „dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum in der Welt“ werden zu lassen. Dazu gehört die Investition von drei Prozent des Bruttosozialproduktes in die Wissenschaft.

Zehn Jahre später sei allerdings festzustellen, dass Europa in vielen Wissenschafts- und Technikfeldern abgefallen ist. Im Durchschnitt ist die Wissenschaft den Ländern Europas nur 1,3 Prozent wert. Bei der Fussball-Weltmeisterschaft haben das Ausscheiden von Italien, Frankreich und England leidenschaftliche nationale Debatten heraufbeschworen – warum werden aber diese Misserfolge der Wissenschaft akzeptiert?

„Es ist ein Muss“, so Ciavarella, „Wissenschaft und Technologie für junge Leute attraktiv zu machen.“ Die Wissenschaftsdebatte sei ein möglicher Weg. Was die Europäer bräuchten, seien Appelle wie der Präsident Kennedys 1961, dass bis zum Ende des Jahrzehnts ein Mensch erstmals seinen Fuß auf den Mond gesetzt haben würde. Wenn solche Initiativen ausblieben, werde eine Prognose des ehemaligen EU Präsidenten Romani Prodi eintreffen: Europa wird zu einem Museum – und nur im Fußball weltweit führend bleiben.

Organisator des Workshops war Hanns-J. Neubert, EUSJA-Präsident und Vorsitzender der TELI. In seiner Präsentation „The German Science Debate 2009+: A perspective for a European Science Debate“ fasste er die deutschen Erfahrungen zusammen und warb für eine europäische Perspektive.

Die Idee für die deutsche Wissenschaftsdebatte sei im Mai 2009, dem 80. Geburtstag der TELI geboren und synchronisiert worden mit den Bundestagswahlen im Herbst 2009. Die Journalistenvereinigung für technisch-wissenschaftliche Publizistik ist der älteste Verband dieser Art der Welt. Angesichts dieser Tradition sowie der Probleme und Sackgassen im Wissenschaftsjournalismus müsse das Berufsfeld neu verortet und definiert werden. Der Wissenschaftsjournalist als Mediator der Gesellschaft zwischen Forschung und Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft sei ein Versuch, neue Funktionen für diesen Beruf ausfindig zu machen.

Auch die TELI-Wissenschafts-Debatte
habe sich eng an das US-amerikanische Vorbild angelehnt. Das Konzept wurde schnell von den Medien aufgegriffen, die es unter die Überschrift stellten: „Deutschland stellt die W-Frage“. Im Verlauf wurden etliche Experten in Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft über die Notwendigkeiten in der Forschung befragt. Die Ergebnisse wurden an die Kandidaten im Wahlkampf zurückgeleitet, doch in der großen Fernsehdebatte zeigte sich: „Wissenschaft kommt in der Politik nicht mehr vor.“

Das war eine weitere Schlagzeile,
die die TELI-Wissenschafts-Debatte hervorbrachte und die nachdenklich stimmte. In anderen Ländern Europas ist die Situation nicht anders, wie auch Ciavarella bereits herausgestellt hatte. Deshalb, so Neubert, wollen er und die EUSJA zu einer europaweiten Debatte aufrufen. Der Dachverband besteht aus 27 Mitgliederorganisationen in 25 Ländern. Die traditionellen Wissenschaftsdebatten sind nach Auffasssung Neuberts „End-of-Pipe Debates“. Die Ergebnisse seien bereits fertig und zur Umsetzung vorbereitet. Die Bürger dürfen Kommentare beisteuern, aber die Agenda wird sich dadurch nicht verändern.

Die EUSJA-Wissenschafts-Debatte dagegen soll eine „Start-of-Pipe Debate“ werden. Die Rohre sind noch nicht verlegt, alles ist offen, die Bürger haben Einfluss auf die Entscheidungen und die Agenda. Nur dieser Weg erzeugt in der Bevölkerung „wissenschaftliches Alphabetentum“, so Neubert. Das mache den wissenschaftlichen Erkenntnisprozess transparent und demokratisch, wie von Shawn Otto gefordert. Als Möglichkeit der Umsetzung sieht Neubert Online Debatten, so wie von der TELI und dem US-Vorbild ausprobiert, sowie persönliche Debatten, in der Protagonisten gegen Antagonisten auftreten. Auch das hat die TELI mit guten Erfahrungen im Braunschweiger Haus der Wissenschaft getestet zum Thema Mobilität der Zukunft.

Sein abschließender Appell: „Lassen Sie die Menschen sprechen – und schreiben Sie darüber!“

Video vom Workshop „The Missing Mediator“

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