Kleine Meldung, großer Unsinn:
Das Google-Copy-Paste-Syndrom im Wissenschaftsjournalismus

Ein Beitrag von Wolfgang Goede über die von der TELI veranstaltete Diskussion auf der Wissenswerten in Bremen:

Mit dem Begriff aus der Überschrift lieferte Wolfgang C. Goede, P.M.-Redakteur, den Impuls für die TELI-Veranstaltung auf der Wissenswerte 2010. Zum Thema „Kleine Meldung – Großer Unsinn?“ saßen außer ihm auf dem Podium: Dr. Fabienne Hübener, freie Wissenschaftsjournalistin mit dem Schwerpunkt Medizin und Professor Lutz Frühbrodt, Leiter der Studiengangs „Fachjournalismus mit Schwerpunkt Technik“ an der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt. Moderiert wurde die Veranstaltung von Dörte Saße, Mitbegründerin des Wissenschaftsdienstes „Wissenschaft Aktuell“.

Podium Wissenswerte Bremen

Kleine Meldung, großer Unsinn?
(Bild: Axel Fischer)

Goede trug Thesen vor, abgeleitet aus seiner Studie „Plagiat im Journalismus: Schiefes Wissen“, veröffentlicht in „message“ 3/2010. Auch Wissenschaftler springen auf die von Medien gerne favorisierten Themen „Sex, Crime & Drugs“ auf und locken Wissenschaftsjournalisten mit entsprechenden Studien auf schlüfriges Parkett, warnte Goede. Dabei haben sie leichtes Spiel, weil immer weniger Journalisten Zeit für Recherche haben und populäre Themen gerne übernehmen, oft eins zu eins, ohne Prüfung. Zu einer Art journalistischem Flächenbrand kam es Anfang März 2010, als alle großen Medien Deutschlands nach einem Erdbeben in Chile eine zweifelhafte Meldung des NASA veröffentlichten: „Chile-Beben verkürzt Tage“.

Goede

„Sex, Crime & Drugs“ – Wolfgang Goede

Gründe dafür, warum Journalisten ihre Sorgfaltspflicht vernachlässigen, hat der britische Journalist Nick Davies vorgelegt. Der Stellenabbau sorge dafür, dass immer weniger Journalisten immer mehr arbeitenten. „Wir veröffentlichen heute dreimal so viele Berichte in einem Drittel der Zeit“, kritisiert er. „Die Häfte der Artikel stammt von PR-Vorlagen, ein Drittel von Werbeagenturen.“ Der Journalist, so Davies, sei zum „Churnalist“ geworden, zum Fließbandarbeiter.

Fabienne Hübener stellte an selbst angefertigten Zeichnungen dar, wie Journalisten wie Fische auf die Würmer lauern, die ihnen Wissenschaftler und deren PR-Agenturen vor die Nase halten – in Wirlichkeit sich aber davon angeln lassen. Sie plädierte dafür, auf die „EurekAlert-Würmer“ zu verzichten und das Internet selbst nach den dicken Brocken durchzuscannen. Die gebe es und es lohne sich, für die Suche Zeit zu investieren. Ihre Auftraggeber seien bereit, für exklusive News zu zahlen – diese Strategie lasse sich also empfehlen und sei viel befriedigender als die Fast-Food-Masche. „Nur das führt in den Keller der Weisheit“ und auf die Höhen des Olymps, beschloss sie ihre Präsentation.

Lutz Frühbrodt setzte sich für eine Verbesserung der Ausbildung künftiger Journalisten ein. Des weiteren sollte die Selbstkontrolle gestärkt werden. So sei nach dem Vorbild BILDblog ein wissenschaftsjournalistischer Blog denkbar, der Fehltritte publik macht und so die Qualität wieder verbessern könnte. Der Berliner Journalist Sascha Karberg macht das schon auf Englisch beim Knight Science Journalism Tracker / German Language Media.

Vertieft wird das TELI-Thema auf der Weltkonferenz der Wissenschaftsjournalisten in Kairo im Juni 2011 mit dem Workshop Ethical Compass. Dort wollen Teilnehmer nach Regularien und Körperschaften suchen, die die um sich greifende Copy-Paste-Praxis stoppen sowie Ethik-Maßstäbe definieren und diese verbindlich machen.

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