Was sich im Wissenschaftsjournalismus ändern muss: Sechs Thesen von Alexander Stirn

Im Vorfeld der gerade stattfindenden Konferenz „Wissenswerte” hatte mich die WPK, der Berufsverband der Wissenschaftsjournalisten, um ein kurzes Statement zur Frage „Sind Wissenschaftsjournalisten zu zahm?” gebeten. Das habe ich gerne getan, und weil ich mir zuletzt eh einige Gedanken über das Verhältnis von Wissenschaft und Journalismus gemacht habe, sind aus dem kurzen Statement letztlich sechs Blog-Thesen zu den aktuellen Herausforderungen des Wissenschaftsjournalismus geworden – gedacht als Zustandsbeschreibung, als persönliche Handlungsmaxime und (im Idealfall) auch als Ausgangspunkt einer Diskussion:

1. Der Wissenschaftsjournalismus steckt in der Klemme

Die Medien befinden sich, ausgelöst durch den Siegeszug des Webs, in einer tiefen Strukturkrise. So weit, so bekannt. Der Wissenschaftsjournalismus hat dabei aber ein ganz spezielles Problem: Wie vielleicht keine andere Sparte im Journalismus muss er damit kämpfen, dass die (langjährigen) Objekte seiner Berichterstattung plötzlich selbst aktiv werden: Zum einen bloggen Wissenschaftler (in zugegeben noch überschaubarem, aber steigenden Ausmaß) und bringen dabei die Ergebnisse ihrer Forschung selbst an die interessierte Öffentlichkeit. Zum anderen haben die Pressestellen der Universitäten und Forschungseinrichtungen ihre Aktivitäten stark ausgebaut. Die Pressestellen geben gedruckte Magazine heraus, die es in puncto Layout und immer öfter auch in der Qualität der Texte mit klassischen Wissenschaftsmagazinen aufnehmen können. Die Pressestellen veröffentlichen im Netz klassische Wissenschaftsreportagen, sie bloggen, sie versuchen sich an Podcasts und sind daher klassische Medien bereits sehr ähnlich – nur mit dem Unterschied, dass sie eine klare PR-Agenda verfolgen. Uni-Pressesprecher in den USA sagen bereits: „Wenn ich unsere Themen an den Mann bringen will, brauche ich keine Journalisten mehr.” Wie also kann in diesem Spannungsfeld zwischen (bloggenden) Wissenschaftlern und immer professionellerer PR der Journalismus seinen Platz behaupten?

2. Der Wissenschaftsjournalismus ist zu zahm

Journalisten, die einfach nur die Pressemitteilungen der Universitäten wiedergeben, braucht kein Mensch. Das können (und machen) die Pressestellen genauso gut. Bunte Geschichten, die den Leser oder Zuhörern die Welt erklären, werden auf Dauer auch keine Lösung sein. So etwas erledigen bloggende Wissenschaftler ähnlich gut – und im Zweifel sogar glaubwürdiger. Wissenschaftsjournalisten müssen mehr leisten. Sie müssen neue Entwicklungen einordnen, in einen Kontext stellen, auf mögliche Widersprüche abklopfen. Sie müssen wissenschaftliche Ergebnisse infrage stellen, sie müssen ihre Hintergründe und die Motivation der Forscher erkunden – inhaltlich, finanziell, politisch. Und sie müssen endlich anfangen, unangenehme Fragen zu stellen. Ja, investigative Arbeit ist schwer, mühselig, oftmals furchtlos und macht einem (zumindest kurzfristig) wenig Freunde. Aber einfach weiterhin den verständnisvollen Wissenschaftsfreund zu spielen, wird auf Dauer keine Lösung sein. Bei aller Liebe zur Wissenschaft: Journalisten müssen endlich aufhören, sich wie Schoßhündchen der Forscher aufzuführen. Schoßhündchen beißen nicht. Ein bisschen mehr Biss ist aber genau das, was dem Wissenschaftsjournalismus fehlt.

3. Vergesst die Objektivität

Ein Text nach dem Schema „Forscher A hat etwas entdeckt, Forscher B sagt irgendetwas dazu” bringt niemandem etwas – auch wenn er der reinen Lehre entsprechen mag. Er ist nur ein Zeichen dafür, dass sich der Autor oder die Autorin das Leben allzu leicht gemacht hat, dass er oder sie sich hinter der beliebten Formulierung „US-Forscher haben herausgefunden…” versteckt. Anstatt die neue Entdeckung einzuordnen, anstatt sie zu analysieren, anstatt zu recherchieren, Veröffentlichungen zu lesen und sich selbst Gedanken zu machen, wälzen die Autoren diese Aufgabe auf ihr Publikum ab. Wer sich als Journalist auf die (bequeme) Position zurückzieht, nur der Überbringer der Nachricht zu sein, wird in einer Zeit, in der die nächste Nachricht nur einen Klick entfernt ist, seiner Aufgabe nicht mehr gerecht – er wird zu einem, wie es der britische Wissenschaftsjournalist Ed Yong formuliert, „Megafon mit Ohren”. Um es klar zu machen: Auch das Analysieren, Einordnen und Kommentieren von Wissenschaftsthemen muss auf den Fakten basieren. Trotz aller Subjektivität dürfen sich Wissenschaftsjournalisten nicht auf eine Seite schlagen – nicht auf die eines Forschers, eines Forschungsgebiets und schon gar nicht auf die Seite „der Wissenschaft”. Auch hier gilt das alte Friedrichs-Zitat, dass ein Journalist sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht einer guten Sache. Und er/sie macht keine PR. Punkt.

4. Die Zukunft ist sozial

Seien wir ehrlich: Der Autorenname, der klein unter einer Tageszeitungs- oder Magazingeschichte steht, interessiert die Leser überhaupt nicht. Ein Wissenschaftsjournalismus, der sich nicht nur als neutraler Betrachter, sondern als kritischer Begleiter versteht, lebt aber von den Menschen, die diese Positionen einnehmen. Die Journalisten müssen daher zu den Lesern kommen – und die sind (zumindest zu einem gewissen Teil) im Internet. Also: bloggen, twittern, den direkten Kontakt mit den Menschen suchen. Dieser Dialog ist manchmal schmerzhaft und nervend, aber er ist auch sehr erhellend.

5. Erzählt Geschichten

Eine gute Geschichte braucht eine gute Geschichte. Daher die Aufforderung: Vergesst die Meldungen und die Erklärstücke, erzählt Geschichten aus der Wissenschaft, persönlich, emotional, gut komponiert! Das Wissenschafts-Fernsehen (an dem man vieles kritisieren könnte) macht es in diesem Punkt vor: Es personalisiert gnadenlos, es sucht sich seine Geschichte mit ihren Höhen und Tiefen, es vermittelt Wissenschaft anhand eines klaren roten Fadens. Eine gute Wissenschaftsgeschichte muss fesseln, daher wird Storytelling, also das Geschichtenerzählen, immer wichtiger. (Kleiner Nachtrag aus den Kommentaren: Ich will keine Personalisierung um jeden Preis – im Gegenteil. Ich will nur, dass sich Journalisten im Vorfeld überlegen, mit welchen Ideen, Menschen, Konzepten sie eine Geschichte möglichst interessant und zum Thema passend erzählen können).

6. Ihr seid Journalisten!

Vor knapp zehn Jahren bei der Aufnahmeprüfung an der Deutschen Journalistenschule wurde ich gefragt, was der bessere Weg im Wissenschaftsjournalismus sei: Wissenschaftlern das journalistische Handwerk beizubringen oder Journalisten die wissenschaftlichen Grundkenntnisse zu vermitteln? Ich weiß nicht mehr, was ich damals gestammelt habe, aber heute ist meine Antwort klar: Wissenschaftsjournalisten müssen sich in erste Linie als Journalisten verstehen und keinesfalls als Wissenschaftsfans mit journalistischen Ambitionen. Lange Zeit war das anders, da wurde hauptsächlich Wert auf fachliche Kompetenz gelegt, da wurden sachlich korrekte aber staublangweilige Texte in der Redaktion etwas aufgehübscht. Doch es muss genau andersherum laufen. Einige der besten Wissenschaftsgeschichten, die ich jemals gelesen habe, stammen von Journalisten, die sich zwar intensiv ins Thema eingearbeitet hatten, die aber zunächst einmal nicht viel mit Wissenschaft am Hut hatten. Dafür waren die Texte sauber recherchiert, sie stellten die richtigen Fragen, sie waren unterhaltsam und packend aufgeschrieben. Sie waren, mit einem Wort, journalistisch. Nur wenn sich der Wissenschaftsjournalismus auf diese Tugenden besinnt, hat er eine Chance.

Aus Alexander Stirns Blog: Alles was fliegt

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Ein Gedanke zu “Was sich im Wissenschaftsjournalismus ändern muss: Sechs Thesen von Alexander Stirn

  1. Hmm, hinsichtlich der Einordnung von wissenschaftlichen Entwicklungen und der Darstellung von Kontexten sind ja gerade die deutschen TV-Zuschauer und Printmedienleser im Gegensatz zu denen in anderen EU-Ländern besonders zufrieden mit der Wissenschaftsberichterstattung in den Medien. Zu dem Ergebnis kam das Spezial-Eurobarometer „Wissenschaftliche Forschung in den Medien“ von 2007. Insgesamt sind danach die Deutschen recht zufrieden mit der Wissenschaftsberichterstattung in TV und Print. Und wenn es um die Wünsche der deutschen Zuschauer und Leser geht, so sind Wissenschaftsinformationen aus der Feder von Wissenschaftlern selbst beliebter als von Journalisten. Nur 19% der deutschen Medienkonsumenten wünschen sich, dass Wissenschaftsgeschichten von Journalisten geschrieben werden. Übrigens vertrauen 78% der Deutschen Medienkonsumente den Wissenschaftsberichten im Fernsehen, nur 19% halten auch die im Internet für vertrauenswürdig. Und den Magazine, in denen ja manchmal noch Storytelling praktiziert wird, trauen auch nur 22%. Dokumentarfilme werden hierbei bei weitem bevorzugt (nur gibt es davon leider immer weniger). Naja, einfach mal ins Eurobarometer reinschauen (gibt es auf der EU-Homepage).

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