Hat die Wissenschaft denn gar nichts dazu gelernt?

Die TELI ist die einzige Journalistenorganisation in Deutschland, die ihre NS-Vergangenheit aufgearbeitet hat. Das auch auf unserer Homepage niedergelegte Ergebnis ist erschreckend: Technik- und Wissenschafts-Journalisten haben sich mit dem Terror-Regime gemein gemacht: weil sie Karriere machen oder ihre Technikträume durchsetzen wollten; oder weil sie an den Auftrag der Herrenrasse blind glaubten, etliche waren davon sogar fest überzeugt.

All diese Motive teilten sie mit Ingenieuren und Forschern ihrer Zeit, gemeinsam verbunden oft in dem naiven Glauben, dass Politik und Forschung zwei völlig unterschiedliche Paar Schuhe seien. Das Gegenteil ist richtig!

Während die Journalisten,
auch immer mehr Wissenschaftsjournalisten, ihre Lektion gelernt haben, ist die Forschung anscheinend immer noch nicht aufgewacht. Oder ist sie zu feige? Ihre Sprachlosigkeit im Skandal um Karl-Theodor zu Guttenbergs abgeschriebene Doktorarbeit spricht Bände. Alle Medien, die den Fall kritisch begleitet haben, zeigen sich über diese Passivität konsterniert.

Der Spiegel von dieser Woche (10/2011) hat das Geschehen noch einmal nachgezeichnet. Bis zum 23. Februar, als der Verteidigungsminister im Parlament von der Opposition sich als Lügner und Betrüger beschimpfen lassen musste, gab es seitens der Wissenschaft so gut wie keine Stellungnahmen dazu. Das wurmte Tobias Bunde, einen 27-jährigen Doktoranden der Politikwissenschaft so sehr, dass er einen offenen Brief an Bundeskanzlerin Merkel schrieb.

Aus dem Wutbürger wurde ein Mutbürger. Mit offenen Worten kritisierte Bunde Merkels Ausspruch, sie habe Guttenberg nicht als „wissenschaftlichen Assistenten“ eingestellt. Das sei eine „Verhöhnung aller wissenschaftlichen Hilfskräfte“ und Doktoranden, die auf ehrliche Weise versuchten, zum wissenschaftlichen Fortschritt beizutragen.

Bunde stellte seine „Causa Guttenberg“ ins Netz und staunte. In drei Tagen hatten ihn 20.000 Menschen unterzeichnet. Als Fernsehen, Radio und Zeitungen über die Initative des wissenschaftlichen Fußvolkes berichteten, rang sich endlich auch das Establishment der deutschen Forschung zu kritischen Worten über Guttenberg durch.

Der Mathematik-Professor Matthias Kreck initiierte eine „Erklärung zu den Standards akademischer Prüfungen“, unterzeichnet von 3.000 Gelehrten, die die Bundeskanzlerin dazu aufforderte, die deutsche Wissenschaft zu rehabilitieren.

Das baute so viel Druck auf, dass Guttenberg am 1. März zurücktrat – letztlich durch eine Ein-Mann-Offensive eines Nachwuchswissenschaftlers, der geschickt die Netzgemeinde einband und damit „neue Formen der Zivilgesellschaft erfolgreich erprobte“, applaudierte die Süddeutsche Zeitung.

Dahinter werde das Vakuum Wissenschaft sichtbar, schrieb das Blatt am 3. März. Die Forschung laufe am Gängelband der Politik. So habe sie von ihr den Bologna-Prozess und die Entwertung der deutschen Diplome oktroyiert bekommen. Forscher verbrächten heute immer mehr Zeit mit der Akquise von Drittmitteln.

Bei den Veranstaltungen der „Wissenschaftsjahre“ spielten sich Forschungsminister und Moderatoren als Nobelpreisträger auf. Auch in der Wissenschaft gehe es immer mehr um „Showmanship“ und eitle Selbstvermarktung. Statt von ihren ureigenen Gesetzen werde die Forschung immer mehr vom Event-Marketing regiert. Das alles hatte übrigens im Herbst 2009 auch die TELI-Wissenschafts-Debatte, die den Bundestagswahlkampf begleitete.

Am prägnantesten auf den Punkt brachte die Guttenberg-Causa sowie ihre Implikationen unser Kollege Ulrich Schnabel in der ZEIT (3. März) in seinem Beitrag „Die Titelverteidiger“. Der Fall sei „ein Armutszeugnis für die deutschen Forschungsorganisationen“. Das lange Schweigen der Spitzenorganisationen habe die Geschäftsgrundlage der Wissenschaft zur Disposition gestellt: was geistiges Eigentum in Deutschland wert sei und welcher Stellenwert dem Streben nach Wahrheit zugemessen wird.

„Ein Orden für nachträgliche Tapferkeit“, schließt Schnabel, „gebührt der Deutschen Physikalischen Gesellschaft, der Alexander von Humboldt-Stiftung oder der Spitze der Hamburger Bundeswehruniversität“. Sie meldeten sich nach Guttenbergs Rücktritt zu Wort.

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