Bleibt der Standort Deutschland wettbewerbsfähig?

18. Münchner Management Kolloquium
900 Teilnehmer diskutierten über die globale Industrialisierung

(Ein Beitrag von TELI-Mitglied Gerhard Gooß)

„Wir müssen die Zwänge des Kapitalmarktes überwinden und stattdessen die Wertschöpfung teilen. Also: Shared Value statt Shareholder Value“, so das Plädoyer von Prof. Horst Wildemann, dem Initiator und Leiter des Kolloquiums. „Daraus könnte man auch Wettbewerbsvorteile des Standortes Deutschland bei der globalen Industrialisierung ableiten“. Eine interessante These.

Das 18. Münchner Management Kolloquium (MMK) am 15. und 16. März war wie in den siebzehn Vorjahren wieder gut besucht. Gerade die organisatorische Kontinuität dieser Veranstaltung an der Technischen Universität München macht das Kolloquium zum Ereignis, das sich die Top-Manager der Republik nicht entgehen lassen.

Dabei wurde das Motto „Globale Industrialisierung – Wie bleibt der Standort Deutschland wettbewerbsfähig?“ durch die Katastrophe in Japan überdeckt. Denn wie Deutschland ist Japan traditionell eine der führenden Industrienationen der Welt. Wie Deutschland ist es ohne Ölvorkommen und ohne große Rohstoff-Reserven. Und wie Deutschland ist es auf den Export angewiesen. Das Motto des 18. MMK hätte also auch für Japan gelten können.

Je Hightech, desto Deutschland

Für die ZF Friedrichshafen AG hat der Vorstandsvorsitzende Hans-Georg Härter seinen Vortag mit „Je Hightech, desto Deutschland“ überschrieben und damit gesagt, was die meisten Referenten dachten.

Die zwanzig Kongress-Themen, wie ′Made in Germany′, ′Globale Unternehmensstrategien′, ′Industrialisierung als Chance′ oder ′Weltweite Spezialisierung′ befassten sich mit den Herausforderungen deutscher Unternehmen. Lösungen dafür: Qualität und Innovation, globale Liefer- und Produktionsketten, passgenaues Produktdesign, Premium-Qualität und Service-Exzellenz, zudem auch die Kosteneffizienz, intelligentes Wachstum, die Spezialisierung und die Portfoliostrategie. Aus dem globalen Zusammenhang genommen, sind das Allgemeinpositionen der Marketingstrategie. Für die globale Industrialisierung und die Chancen Deutschlands müssten sich spezifischere Gründe nennen lassen.

Viele Faktoren machen Deutschland einzigartig

Die spezifischen Gründe für den erfolgreichen globalen Industrialisierungs-Wettbewerb sind Querschnittsfaktoren. Als Einzigartigkeit des Standortes Deutschland wurden die bekannten Tugenden genannt, wie Verlässlichkeit, Qualität und Kreativität. Hinzu kommt die Berufsausbildung in der Bundesrepublik: Das duale Bildungssystem, die Praxisnähe an den Hochschulen für Angewandte Wissenschaften, die Forschungsnähe an den Technischen Universitäten und nicht zuletzt die interdisziplinären Studiengänge zum Wirtschaftsingenieur oder Fachinformatiker.

Prof. Wildemann ergänzt: „Das fruchtbare Zusammenwirken von Staat, Unternehmen und Gewerkschaften und die Parallelität von Produktentwicklung und Prozessentwicklung mit entsprechenden Kostensenkungen sind ausschlaggebend. Hinzu kommt die einzigartige Kompetenz, weltweit Fabriken liefern, bauen und betreiben zu können. Denn sowohl die Fertigungsmaschinen, wie auch die Automatisierungstechnik sind Kernkompetenzen der deutschen Industrie.

Premium–Produkte mehr als Nischen-Füller?

Dem Standort Deutschland scheint die globale Industrialisierung also leichter zu fallen, als anderen. Jedenfalls so leicht, dass Premium-Produkte trotz höherer Preise international gut absetzbar sind. Laut Wildemann birgt das aber auch Gefahren. „Deutsche Firmen müssen aufpassen, dass sie mit den hochwertigen Produkten nicht nur Nischen füllen“, denn grundsätzlich sei unsere Industrie in der Lage, beides, also Highcost- und Lowcost-Produkte anzubieten. Diese Chance dürfe man nicht verpassen, da schwer nachzuholen sei, was andere bereits begonnen hätten.

Stimmt eigentlich die Augenhöhe?

Kann sich der Standort Deutschland mit China vergleichen? Oder mit anderen BRIC-Staaten? Wäre es nicht besser, vom Standort Europa auszugehen, um eine vergleichbare Ausgangsposition zu haben?

Dazu Prof. Wildemann: „Für Europa kann ich nur sprechen, wenn ich das Klientel dafür im Kolloquium habe“. Und das sei schwer zu organisieren: „Es ist leichter, amerikanische Referenten zu gewinnen als Europäer“. Und außerdem käme etwa die Hälfte der europäischen Industrieleistung aus Deutschland.

Wissenstransfer zwischen Glocke und Elfenbeinturm

Das Kolloquium war wieder so konzipiert, dass jedes Thema von meistens drei Spitzenmanagern referiert und von einem Wissenschaftler – meist aus dem Kollegenkreis Wildemanns – moderiert wurde. Dafür hatte er wieder Zusagen von bundesweit etwa sechzig Vorständen und Geschäftsführern. Dieser einzigartige Zuspruch wiederholt sich jedes Jahr.

„Der Grund dafür ist sicher die Tradition dieser Veranstaltungen“, so Wildemann. Die Tradition reiche über zwanzig Jahre zurück: Wildemann war bis 1988 Professor in Passau: „Damals waren die Japaner uns mit ihrem Managementwissen weit voraus“. Ihm sei der Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Praxis wichtig. „Das Kolloquium ist ein Bindeglied zwischen Wirtschaft und Wissenschaft.“

Wahrscheinlich gibt es einen weiteren ′heimlichen′ Grund für den Zuspruch: den ehrlichen Gedankenaustausch im Kollegenkreis. Denn Top-Manager sind oft einsam und ungewollt abgeschirmt. „ Wie unter einer Glocke“, so Vasco Szymanski, Geschäftsführer der Pariser Elite-Hochschule Collége des Ingénieurs. Die verringerte Wahrnehmung führt leicht zu einer verzerrten Sicht der Wirklichkeit. In München wird das dann wieder gerade gerückt.

Das 19. MMK noch ohne Motto

Der Termin für nächstes Jahr steht. Das 19. Münchner Management Kolloquium findet am 20. und 21. März statt. Das Motto sei gewiss kein Geheimnis, so Prof. Wildemann, es sei einfach noch nicht bekannt. Er werde sich im Juni oder Juli festlegen, nach der Abstimmung mit den Partnern. Dann müsse das Thema mindestens ein halbes Jahr tragfähig bleiben. Dafür sollte es breit genug angelegt sein. Also doch ′Shared Value in globalem Kontext`?

Gerhard Gooß

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