Boom des Technik-Journalismus: Zwischen Euphorie und Hysterie

Der Fachjournalist vermeldet in seiner Aprilausgabe einen Boom des Technikjournalismus. Darüber berichtet Andreas Schümchen, der vor zehn Jahren an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg den ersten reinen technikjournalistischen Studiengang begründete.

Schümchen begrüßt, dass nach dem Vorbild am Rhein mittlerweile zwei weitere Studiengänge eingerichtet worden sind; zum einen an der Georg-Simon-Ohm-Hochschule in Nürnberg, zum anderen an der Hochschule Würzburg-Schweinfurt.

Damit stehen 250 Studienplätze pro Jahr zur Verfügung, was gegenüber 1999 eine Verzehnfachung bedeutet. Außerdem zeichnet sich ein neuer Trend ab, der die Professionalisierung weiter verstärkt. Wurden früher nur Ingenieure und Naturwissenschaftler Technikjournalisten, steht heute die journalistische Qualifizierung im Vordergrund.

Gleichzeitig nimmt Schümchen wahr, dass das Interesse an Technik überall in der Gesellschaft stark gestiegen ist. So berichteten etliche Medien über den Sieg des Supercomputers Watson in einer Quizsendung über einen Menschen. Der größte Teil des Technikjournalismus spiele sich allerdings in den 3800 deutschen Fachzeitschriften ab. Diesen Schatz, muss man hinzufügen, haben viele Technikjournalisten aber noch gar nicht entdeckt. Die TELI wird sich mit diesem Thema auf der Wissenswerte im November in Bremen eingehend befassen.

Der Professor für Technikjournalismus in Sankt Augustin beklagt, das viele Produkte des Technikjournalismus wenig seriös seien, sie zwischen Euphorie und Hysterie schwanken. Apples iPad löste einen Medienhype aus. Journalisten befassten sich viel zu positiv mit der neuen elektronischen Zeitschrift aus Kalifornien und erlagen der Firmen-PR erlag, gleichzeitig aber kämpften sie damit, das technische Prinzip dieser neuen Applikation Laien zufriedenstellend zu erklären.

Das zeigt die Gefahr,
dass auch und besonders Technikjournalisten es immer schwerer haben, den Fängen der Öffentlichkeitsarbeit der großen Hersteller technischer Geräte zu entkommen. „Die Diskussion um die Vereinbarkeit von Journalismus und PR, nicht zuletzt durch die Netzwerk-Recherche-Forderung „Journalisten machen keine PR“, muss gerade auf dem Gebiet des Technikjournalismus noch intensiver geführt werden, um Fehlverhalten vorzubeugen“, fordert Schümchen.

In erster Linie gehe es beim Technikjournalismus nicht um die Technik, sondern um den Menschen, erklärt der Autor. Dabei verweist er auf historische Beispiele. Einer der ersten technikjournalistischen Beiträge erschien 1816 in der Kölner Rundschau, als der erste Raddampfer auf dem Rhein eingesetzt wurde. Das Blatt stellte nicht nur die neue Technik vor, sondern ließ auch die Gegner ausführlich zu Wort kommen.

Schümchen verweist
auch auf die Altvorderen aus der TELI und zitiert Josef Stummvoll. „Technikberichterstattung müsse immer den Einfluss auf den Menschen miteinbeziehen. Technik wird erst in ihrer Auswirkung auf den Menschen zu einem interessanten und relevanten Thema.“

Abschließend erwähnt Deutschlands führender Technikjournalistenausbilder das „Innovation-Journalism-Konzept“ von David Nordfors an der Universität Stanford. Danach hat Technikjournalismus nicht nur eine Erklär- und Bildungsfunktion, sondern wirkt ganzheitlich. Er muss nicht nur den Menschen berücksichtigen, wie die TELI-Gründer verlangten, „sondern auch wirtschaftliche, soziale und politische Aspekte technischer Entwicklungen in seine Analysen und Bewertungen einbeziehen“, schreibt Schümchen.

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Ein Gedanke zu “Boom des Technik-Journalismus: Zwischen Euphorie und Hysterie

  1. Der Hype-Journalismus (iPad und Ähnliches) hat zweifellos zugenommen. Der Erklärjournalismus („Wie funktioniert das?“) nimmt nach meiner Beobachtung ab. Ranga Yogeshwar wurde zwar kräftig bemüht, doch sonst sah man nicht viele Kollegen, die die Vorgänge in Tschernobyl, Fukushima und in der Asse verständlich auf den Punkt bringen konnten. Langwierige Erläuterungen scheinen nicht mehr gefragt, und kurzweilige, gar unterhaltsame Darstellungen werden (noch) nicht in genügendem Umfang angeboten.

    Vielleicht hängt die „Sprachlosigkeit“ der Technikjournalisten auch damit zusammen, dass sie „von Natur aus“ eine allzu große Nähe zu ihrem Berichtsgegenstand mitbringen und von der plötzlichen Anti-Atom-Bewegung in Politik und Gesellschaft völlig überrascht und förmlich mundtot gemacht wurden. Auch dies ist heute mehr gefragt: die gesellschaftliche Positionierung des Technikjournalisten. Es ist eben nicht nur ein technisches Problem, wie hochstrahlende Abfälle über Jahrtausende sicher gelagert werden können.

    Die neuen Studiengänge stimmen hoffnungsfroh. Ob sie freilich die entstandene Lücke werden füllen können, müssen wir erst abwarten.

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