Großmütter sind kostbare Multi-Talente. Können wir es uns leisten, sie ins Abseits zu stellen?
Schimpansenfrauen sterben bald nach Einsetzen der Menopause. Menschenfrauen früher auch – bis sie sich um die Enkel zu kümmern begannen. Das erzeugte den „Oma-Effekt“. Die Großmütter wurden erheblich älter, und die Lebenserwartung der Menschheit nahm zu, sagt die Biologin Kristen Hawkes von der Utah Universität. Das hatte einen weiteren positiven Effekt zufolge. Kinder, die mit Großmüttern aufwachsen, fühlen sich mehr geliebt und sind emotional stabiler. Sie sind glücklicher und gesünder, mit einer höheren Lebenserwartung.
Während in nordeuropäischen Ländern Großmütter bei der Erziehung von Kindern immer weniger in Erscheinung treten, haben sie in Lateinamerika in den Familien einen festen Platz. Das sorgt für einen doppelten Oma-Effekt:
Die Kinder wachsen behütet auf in einer Zeit, in der auch vom Rio Grande bis Feuerland immer mehr Frauen und Mütter Vollzeitbeschäftigungen und Karriereberufen nachgehen. Die Großmütter selber fühlen sich gebraucht und eingebettet, bleiben im Umgang mit dem Nachwuchs körperlich, geistig und seelisch fit. Die Geißel der modernen Zivilisation, Depressionen in ihren vielen Variationen, ist im Südteil des amerikanischen Kontinents immer noch eine Seltenheit.

Club der 80-Jährigen: Freundinnen Ruth, Aida, Olga, Beatriz. Der doppelte Oma-Effekt macht sie heiter und gelassen (c) W. Goede
Das alles hält jung und dynamisch. Viele Frauen zwischen 80 und 90 sind erstaunlich gesund und leistungsfähig, etwa die Kolumbianerin Rosa Parada de Mondragon aus Medellín. Sie hat elf Kinder, acht Enkelkinder, zwei Großenkel. Bei ihrem 90. Geburtstag im Mai (Foto ganz oben) hinterließ sie auf das lange Gratulanten-Spalier den Eindruck einer Frau Ende 60.
Dies wirft Fragen auf, wie wir in Deutschland und Europa mit älteren Frauen umgehen. Müssen sie nicht mehr integriert werden in die Gesellschaft und Familien? Reicht es, wenn sie gelegentlich als Leih-Omas und Vorleserinnen in Erscheinung treten? Sollte das Ehrenamt nicht viel mehr auf Großmütter mit ihren vielen Talenten zugeschnitten werden, die Sozialversicherungen oder Kommunen ihnen einen Bonus anbieten?
Was denken Sie darüber? Posten Sie Ihren Kommentar als einen wichtigen Beitrag zur Zukunft des Alters und der gesellschaftlichen Debatte darüber!




Lieber Wolfgang,
da fehlt mir denn doch die Evidenz!
Eine einzige, dazu noch breit kritisierte Wissenschaftlerin (Kristen Hawkes) reicht nicht, zumal sie Anthropologin und weder Biologin noch Soziologin oder Psychologin ist. Aber wohl eine gute Selbstdarstellerin, wie es sie gerade an US-Unis sehr häufig gibt.
Sie forschte an der sehr kleinen, obendrein verstreut im Norden Tansanias lebenden Volksgruppe der Hadza/Hadzabe und am Verhalten von Menschenaffen. Hawkes mathematische Modelle beruhen auf zweifelhaften und unpassenden Parametern, schreiben seriöse Kritiker. Die Evidenz ihrer Arbeiten sei anekdotisch und nur sehr begrenzt vergleichend.
Der Medien-Erfolg ihrer Großmutter‑Hypothese hängt eher mit Alltagsplausibilität und emotionaler Attraktivität zusammen.
Es wäre erhellender gewesen, die gesamte wissenschaftliche Debatte um die Großmutter-Hypothese transparenter zu machen.
Denn eigentlich soll es ja hier auf der Webseite um eine WissenschaftsDEBATTE gehen und nicht um die Werbung für isolierte Theorien. Die Großmutter-Hypothese wäre eingentlich ein Klasse-Thema dafür gewesen.
Also: Nach heutigen Erkenntnissen (2026) ist die Betreuung von Enkeln durch die Großeltern für die Kinder durchaus problematisch – vor allem für männliche Kinder. Nur die Mütter profitieren davon, weil sie dann mehr Freizeit haben.
Die „Zeit“ berichtet von einer Studie von Januar 2026: „… dass regelmäßige Betreuung durch Großeltern mit einer schlechteren allgemeinen Gesundheit der Kinder assoziiert ist, insbesondere bei Grundschulkindern (6-10 Jahre) und bei Jungen. Die Effekte seien „nicht sehr stark, aber auffällig und signifikant“ und beträfen sowohl die mentale als auch die physische Gesundheit der Kinder.“
Untersucht wird das Thema international seit 16 Jahren und immer mit demselben Ergebnis: Wenn zu viele Parteien an der Betreuung von Kindern beteiligt sind, sich also Großeltern in Kombination mit Schule, Nachmittagsbetreuung und Eltern kümmern, kann das negative Auswirkungen auf die sozio-emotionale Entwicklung der Kinder haben. [Vielleicht ein Grund für den südamerikanischen Machismus?]
Eine Übersichtsstudie von 2017 kommt zu dem eindeutigen Schluss: „Overall, grandparents were found to have an adverse effect“ auf die Gesundheit ihrer Enkelkinder, insbesondere in den Bereichen Gewicht und Ernährung.
In der „Millennium Cohort Study“ von 2010 fanden die Forscher heraus, dass Kinder, die zum Teil von Großeltern betreut wurden, ein um 15 Prozent höheres Risiko für Übergewicht, haben, bei Vollzeitbetreuung durch Großeltern stieg das Risiko auf 34 Prozent. Kurios: Kinder gebildeter Mütter mit akademischem Abschluss zeigten bei Großelternbetreuung sogar ein um 43 Prozent erhöhtes Übergewichtsrisiko!
Eine Übersichtsstudie von 2018 stellte fest:
– Positive Effekte: Kleinkinder in Großelternbetreuung schnitten bei Vokabeltests besser ab als Kinder in formaler Betreuung.
– Negative Effekte: Gleichzeitig waren sie weniger schulbereit (school readiness).
– Langfristig: Die negativen Effekte auf kognitive Entwicklung persistierten im Zeitverlauf.
- Soziale Ungleichheit: Positive Effekte waren stärker bei privilegierten Familien, negative Effekte stärker bei benachteiligten Familien.
Das sind alles soziologische und psychologische Publikationen, die meiner Ansicht nach evidentere Untersuchungen über Großeltern-Enkel-Beziehungen gemacht haben, als eine Anthropologin, die eher assoziativ-spekulativ arbeitete.
Das Netz ist voll von Pro und Contra bezüglich der Großelternbetreuung – wobei inzwischen das Contra überwiegt.
Jedenfalls ist das eine sehr spannende wissenschaftliche Debatte.
Schöne Grüße
/ Hajo
Hier ein paar wenige Quellen:
https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/hec.70054
https://www.stiftung-ravensburger.de/application/files/8217/2235/4477/Broschuere_Enkelbetreuung_final.pdf
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/20142828/
https://www.gla.ac.uk/schools/healthwellbeing/news/archive/2017/headline_560443_en.html
https://www.independent.co.uk/news/health/cancer-health-risks-grandparents-warning-smoking-habits-a8054976.html
https://www.ifo.de/DocDL/dice-report-2017-1-del_boca-martino-piazzalunga-march.pdf
https://www.nature.com/articles/news.2010.430
https://www.science.org/content/article/grandmother-theory-takes-hit
https://www.sciencehistory.org/stories/distillations-pod/grandmothers-matter/
https://philsci-archive.pitt.edu/19390/1/Reevaluating%20the%20Grandmother%20Hypothesis%20FINAL.pdf
Pingback: Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, | Wissenschaftsdebatte
ARBEITEN EIN GANZES LEBEN LANG!?
Vielen Dank, Herr Reese, für diesen konstruktiven Beitrag. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dazu eine Live-Debatte zu veranstalten, Sie, einen Forscher des Max Planck Instituts für Altersforschung in Köln, zwei Bundestagskandidaten. Zumal die Bundeskanzlerin dieses Thema ganz oben auf die Politikagenda gehoben hat. Klar, darunter versammelt sich ein Großteil der Wähler.
Aber vorerst: Lasst uns mehr Information, Argumente, pro und contra sammeln, Arbeiten ein ganzes Leben lang, als integrativer Bestandteil, da ändert sich die gesamte Sozial- und Lebenswelt. Wie sieht die denn aus?
Danke fürs Erwähnen hier. Das ist erfreulich zu lesen.
Arbeiten bis 70? Ja mindestens.
Ich denke es muss ein Umdenken stattfinden:
– flexibleres Arbeiten
– besser bezahltes Arbeiten
– besserer Wissens- Erfahrungsaustausch zwischen Jung und Alt
– altersgerechtes Arbeiten
– …
Junge gehen ins Arbeitsleben mit dem Gedanken an die wohlverdiente Rente. Warum nicht Arbeiten als einen Bestandteil des gesamten Lebens betrachten? Nicht intensiv 40 Jahre, sondern ständig in angemessener Portionierung…
Viele Grüße
Jonas Reese von rentarentner.de
Der Oma-Effekt hat in Deutschland einen anderen Namen:
Rentarentner.
Rentarentner.de ist in sechs Monaten auf 5000 Mitglieder angewachsen. Es ist das Online-Arbeitsamt für Senioren. Auf Facebook setzt sich die Plattform gegen Altersdiskriminierung und für Bürgerdialoge Alt->Jung->Alt ein. Dort ist auch zu lesen, dass Israelis am ältesten werden. Deshalb will der Staat die Lebensarbeitsgrenze auf 69 oder 70 anheben.
Das ist auch ein Thema in Deutschland. Immer mehr 65-Jährige wehren sich gegen ihre „Zwangsstilllegung“. In vielen Berufen ist sie bereits ausgesetzt, etwa Hochschulllehrern oder Freiberuflern wie Journalisten und Ärzten.
SOLLTEN WIR DEUTSCHE OFFIZIELL BIS 70 ARBEITEN DÜRFEN?
Wenn dann nur bei Opas.
Ob es diesen Effekt auch bei Opa´s gibt?
In Kolumbien und Lateinamerika im Allgemein, ist es sehr schön zu sehen, wie jetzt zur Haupt- Ferien- u. Weihnachtszeit, die Autos gerammelt voll zu deren entsprechenden Urlaubsorten fahren, vorne Vater und Mutter und hinten Grossoma mit zich Enkelkinder fahren.
Das ist wirklich Altersleben und der Kern der Familie, bleiben die Grosseltern.
Diese „Omas“ tragen unsere Geschichte und wissen wer wir wirklich sind. Wenn wir sie vergessen tendieren wir unsere eigene Geschichte zu vergessen und können leichter die gleichen Fehler wiederholen.Es ist sehr schade, dass unser Gesellschaft nur an Technick und Geld denkt und vergisst, dass Liebe und Kontakt mit Menschen (auch wenn manchemal schwierig)uns mit Leben füllt.