Overnewsed but underinformed

by Wolfgang Goede | 23. November 2009 01:55

Diese Diagnose hat Axel Grychta der modernen Informations- und Wissensgesellschaft gestellt. Der Philosoph, Naturwissenschaftler und Unternehmer traf sich auf der WissensWerte in Bremen mit TELI-Mitgliedern. Dort diskutierte er mit ihnen zwei Stunden lang die TELI-Wissenschaftsdebatte. Dazu hatte er ein lesenswertes Thesenpapier mitgebracht (im zweiten roten Kasten zum Herunterladen), das mit insgesamt 74 (!) Fragen gespickt ist, aus denen er u. a. das obige Statement ableitete.

Nur am Rande: Mit der Over-under-Dialektik hatte bereits der Playboy-Erfinder Hugh Hefner jongliert, als er vor Jahrzehnten seinen Landsleuten bescheinigte: US-Americans are oversexed but underfucked.

Grychta legt seinen Finger auf viele Wunden der Hightech-Gesellschaft, die ihre Krisen selber verursacht: die Ausplünderung des Planeten und dessen Vergiftung, den Treibhauseffekt und letztlich – siehe Überschrift – die zunehmende Desorientierung, eine Vergiftung der Gehirne.

Müsste nicht genau diese Risiken die W-Debatte ins Fadenkreuz nehmen? Aber ist die Wissenschaft überhaupt die richtige Instanz, diese Fragen zu stellen und hierauf Antworten einzufordern? Grychtas Papier endet mit folgenden acht Fragen:

Warum gibt es Betrug in der Wissenschaft?
Ist das systemimmanent?
Publish or perish, Klasse statt Masse?
Kann Wissenschaft frei sein?
Ist sie nicht gelenkt von den Eigeninteressen der Individuen?
Ist sie nicht gelenkt von den Fördertöpfen der Politik?
Beisst ein Hund die Hand, die ihn füttert?
Spätestens seit Kuhn wissen wir auch, dass wissenschaftliche Ergebnisse, die nicht „ins Bild passen“, von der Scientific Community totgeschwiegen oder schlicht „verboten“ werden.

Kann also die Wissenschaft die Instanz zur Beantwortung zukunftsorientierter Fragen sein?

Source URL: https://www.wissenschaftsdebatte.de/?p=434