Wahrheitssuche: Vielfalt – Risiken – Hoffnung

by Wolfgang Goede | 15. Juni 2021 16:28

Lora Wissenschaft Kontrovers – im Juni 2021: Was trägt Wissenschaft bei zur Wahrheitssuche? In einer Welt, die Vielen zunehmend orientierungslos ist, in der Fake News und Verschwörungstheorien fröhlich Urständ feiern, wie finden wir darin Halt? Dazu befragten wir im Studio zwei Experten aus sehr unterschiedlichen Disziplinen: Vince Ebert, diplomierter Physiker, international öffentliche Bühnenperson und Wissenschaftskabarettist; und Max Hartung, ein von der Münchner Maximilians Universität LMU promovierter Philosoph.

„Wir irren uns nach oben“

Als Intro die „Hand aufs Herz“-Frage an beide: Was ist für Sie/Euch/Dich Wahrheit? Vince Ebert: Es gebe keine absolute Wahrheit, sondern nur ein „asymptotisches“ Sich-Annähern (Zielpunkt Unendlichkeit). „Wir irren uns nach oben – im besten Falle.“ Max Hartung: Im Wahren sein, sich im Diskurs Wahrheiten nähern. Für beide Gäste existiert Wahrheit im Sinne einer theologischen Singularität nicht.

Laut Ebert funktioniert wissenschaftliche Wahrheitssuche in der Physik (wie allen Naturwissenschaften) nur, „wenn das Problem eindeutig messbar ist“ – etwa Ermitteln bestimmter Effekte in einem Kristallsystem. Die Messergebnisse belegen, ob die anfangs aufgestellte Hypothese (Vermutung über Entstehen und Wirken dieser Effekte) stimmt oder nicht (Verifizier- und Falsifizierbarkeit). Wertfragen, betonte Ebert, wie etwa Freiheit oder Gleichheit, lassen sich schwer in Experimente packen und sind in den Naturwissenschaften nicht relevant.

Auch die Philosophie tue sich mit Wahrheit schwer, erläuterte Hartung. Einst existierte eine „göttlich geordnete Welt“, deren Interpreten „die Welt lasen“, ihre Beobachtungen in dieses göttliche Gebäude einpassten und daraus Sinn entstehen ließen. Diese Gotteshypothese fand ihren Schöpfer in Aristoteles, der von einem „unbewegten Beweger“ sprach.

„Sind heute die Querdenker Gott?“

In der Moderne ist vielen Menschen dieses zentrale Ordnungsverständnis verloren gegangen (Nietzsche: Gott ist tot). Sie ist einer multiplen Deutung gewichen. „Heute gibt es unterschiedliche Formen, die Wahrheit und die Welt zu begreifen“, sagte Hartung. Forscherisches Denken in der Philosophie verlange, Werte „aus unterschiedlichen Perspektiven einzukreisen“.

Diese Relativität des Erkenntnisprozesses ließ Co-Moderator Günter Löffelmann fragen: „Werden wir bei der Pandemie je die Wahrheit in den Griff kriegen oder sie erst erkennen, wenn sie uns auf die Füße fällt?“ Und, nachbohrend: „Sind heute die Querdenker Gott?“

Ebert antwortete mit dem Bild der unendlichen Fahnenstange (das auch die Asymptote präzisiert). Die Nichtexistenz eines Endpunktes sei die Bedingung für Fortschritt und Innovation. Ebenso „frustrierend wie faszinierend“*, wie er in einer neuen Publikation über Humor und Wissenschaft sowie einem dazugehörigen Seminar sagt. Hartung antwortete, dass es eine große Sehnsucht nach Wahrheit gebe, sie aber auch große Ängste auslöse, was sich im Streiten über vernünftige Wege aus Corona fast täglich gezeigt hat.

„Flacherdler sollten keine Fluglotsen sein!“

Ebert würdigte die Naturphilosophen der griechischen Antike. Mit den Mitteln der Logik gossen sie das Fundament der modernen Naturwissenschaften. So etwa Demokrit und sein Postulat unteilbarer Teilchen, den Atomen. Logisches Nachdenken und Argumentieren über seine Ergebnisse verdichteten sich im Zeitalter der Aufklärung vor 250 Jahren zum bis heute weltweit gültigen Forschungsmodell. Es besteht aus Beobachtung und Empirie, experimentell gewonnener Evidenz und Fakten, sowie Fachdebatte darüber, gegebenenfalls Revision (s. „Fahnenstange“). Dieser Prozess gilt als verlässlichstes Konzept des Gewinnens von Einblicken in die Beschaffenheit der Welt und ihrer Gesetze.

Wenn Ethik sich nun aber wissenschaftlich kaum erfassen lässt, ist sie dann in Gestalt der biblischen Gebote überhaupt wahr und gültig? Ebert verwies auf die Evolutionsbiologie und die Erkenntnis, dass Altruismus und Kooperation sich gegen den Egoismus als cleverere Überlebensstrategie durchgesetzt habe. Co-Moderatorin und Biologin Lisa Popp hatte Vorbehalte und sah für beide Verhaltensweisen eine Berechtigung, wenn Egoismus beispielsweise beim Ausschalten von Sexualkonkurrenten obsiegt.

Preisfrage: Wie antwortet man Flacherdlern? Ebert, kurz und knackig: „Die Erde ist ein Rotationselipsoid“, und ergänzt, schmunzelnd: „Solche Menschen sollte man nicht als Fluglotsen einstellen.“ In 20 Bühnenjahren habe er erfahren, dass sich Menschen von ihrem Glauben nicht abbringen lassen. Dafür suchen sie sich die passenden Fakten aus („Cherry Picking“) und erklären den Rest zur Lüge – fertig ist ihre Wahrheit.

„Empört Euch!“

Wie man die Wahrheit auch dreht und wendet, sie scheint uns wie saure Milch zu gerinnen. Das haben auch unsere großen Dichter erfahren im Clinch mit ihren Tücken. Lessings Nathan der Weise erhebt Toleranz zur Supra-Wahrheit. Goethes Dr. Faustus verbündet sich in fanatischer Wahrheitssucht sogar mit dem Teufel, um am Ende daraus geläutert als „strebend Bemühter“ hervorzugehen.

Wahrheit ist überaus komplex, vielleicht das komplexeste Phänomen unserer Geisteswelt. Wer daraus aber in die Apathie flüchte, betrüge sich selbst, warnt Hartung. „Nur weil es den einen Diskurs nicht mehr gibt, heißt das nicht, dass wir an keinem anderen mehr teilnehmen.“ Und fordert: „Empört euch!“ Erst durch das Reiben an Widerständen und Aufgreifen diskursiver Ungereimtheiten kommen neue Aspekte von Wahrheit ins Licht und stoßen innovativ-gesellschaftliche Diskurse an.

Des Wissenschaftskabarettisten Antwort auf diese Stolperei heißt: Emotionalisierung. Von binomischen Formeln seien Menschen im Allgemeinen genervt, sagte Ebert, dahingegen interessiere sie, warum der Himmel blau ist, warum man gelben Schnee nicht essen sollte. Emotionen sind das Sprungbrett wissenschaftlicher Kreativität. Beispiel Einstein, der imaginierte, auf einem Lichtstrahl zu reiten und im Nachdenken darüber zur Relativitätstheorie gelangte.

„Wer Wahrheit will, muss Wahrsprechen“

Darüber hinaus ist Satire für Ebert ein Kanal der Wahrheit. Ein zugebenermaßen gefährlicher, denn in Diktaturen riskieren Wahrheitssager ihren Kopf. Gleichwohl der Beruf des Hofnarren im Mittelalter ein sehr angesehener war, weil nur er dem Kaiser in verblümter, aber in für die Herrschenden hilfreicher Weise die Wahrheit sagen durfte. Narren und Kinder sagen die Wahrheit!

Mit „Parrhesie“ brachte Hartung einen wichtigen weiteren Aspekt ins Gespräch. Damit beschrieben die Griechen die Redefreiheit. Der Terminus hat eine zentrale Bedeutung im philosophischen Werk von Michel Foucault, Begründer der macht- und wissenschaftstheoretischen Diskursanalyse. Daraus leitete Hartung ab: „Wahrsprechen ist die Grundvoraussetzung für Wahrheit“, also der authentische und offene Diskurs über das, was wahr sein könnte, wie auch ausgedrückt im Sokratischen Dialog.

Was nehmen wir mit? Hartung hält es mit Hegel und seiner Dialektik, dass sich alles kreiselnd im Prozess des Werdens befindet. Darauf dürfen wir keinen Deckel setzen. Ebert plädiert fürs Überwinden der im Menschen angelegten Egomanie und Zugeben von Fehlern: Irren ist menschlich. Demut ist für ihn ein wichtiges Vehikel der Wahrheitssuche.

Die Sendung lässt sich nachhören unter

http://podcast.lora924.de/static/media/episodes/Lora_wiko_210603_wahrheit_om.mp3

SAVE THE DATE: Die nächste Wi-Ko-Sendung auf Lora München 92,4 am Do., 2. Sept. 2021, 20h: Systemischer Reset. Die Corona-Pandemie hat uns in eine tiefe Krise geworfen. Müssen wir uns gesellschaftlich-wissenschaftlich neu erfinden?

*) Vince Ebert: Lachen reißt Mauern ein, in: Weitze et al: Kann Wissenschaft witzig?“

https://www.springer.com/de/book/9783662615812
https://www.deutsches-museum.de/blog/blog-post/2021/05/14/wissenschaft-kann-witzig/

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