Friede beginnt daheim

by Wolfgang Goede | 22. September 2023 21:38

Jubiläum bei Radio Lora Wissenschaft Kontrovers. Die 25. WiKo Sendung im September 2023 widmete sich Krieg und Frieden, auch in Erinnerung an einen anderen Geburtstag: das legendäre Woodstock Festival 54 Jahre zuvor. Musikalisch trug es das bisher mächtigste Friedenssignal in und um die Welt. Die Songs der Zeit, „Gimme Shelter“ (Stones), „War“ (Edwin Starr), „Imagine“ (John Lennon) sind Weltmusikgut. Die Gäste der Jubiläums-Kontroverse: Franz Kohout, Dr. der Politologie, einst Kriegsdienstverweigerer, Mitbegründer der Grünen in Bayern, emeritierter Professor der Bundeswehruniversität; und: Fritz Letsch, Theaterpädagoge gegen Unterdrückung, Arbeitslosencoach, Lora-Moderator, überzeugter Anti-Militarist.

Recht auf Selbstverteidigung

Kohout berichtete eingangs über die 1970er Jahre, den schlechten Ruf der Bundeswehr, den Onkel in 12-jähriger russischer Gefangenschaft – „nein, da mache ich nicht mit“, sagte er und verweigerte den Dienst mit der Waffe. „Heute sehe ich das viel differenzierter.“ Reiner Pazifismus sei nicht darstellbar, wie viel eigene Forschungsarbeit gezeigt habe: „Das Recht auf Selbstverteidigung geht vor Verweigerung.“

Gleichwohl Krieg kein Mittel des Konfliktaustragens sei. Man müsse sich die Ursachen anschauen, die oft in unzulänglich ausgehandelten Friedensverträgen lägen, etwa dem von Versailles 1919. Während der Wiener Kongress 1815 nach den Napoleonischen Kriegen 100 Jahre lang den Frieden gesichert hatte. Die Lehre: Kriegsverlierer müssen respektvoll behandelt werden. Revanchismus ist Saat für den nächsten Krieg.

Kolonial-Erbe

Für den Krieg Russlands gegen die Ukraine sieht Kohout kein baldiges Ende. „Offensichtlich gibt es noch nicht genug Opfer.“ Ein Waffenstillstand, in drei Jahren? – auch abhängig vom Ausgang der US-Präsidentschaftswahlen 2025.

Letsch warf auf Krieg und Frieden einen grundsätzlicheren Blick. Den Militarismus sieht er als Grundstruktur vergangener wie auch noch heutiger Gesellschaften. Der mit militärischer Gewalt erfolgte Kolonialismus der europäischen Staaten hätte zum anhaltenden Unfrieden in der Welt beigetragen. Beispiel dafür sei u.a. Afrika, wo willkürlich gezogene Grenzen Stämme entzweiten und massiv internen Konfliktstoff lieferten, bis zum heutigen Migrationsdruck auf Europa. Abzuwarten sei, ob und wie das wachsende Global-Süd-Bündnis, die BRICS-Staaten diese Spannungen auflösten.

Militärisch-Industrieller Komplex

Als historisches Relikt aus dem Militarismus verwies Letsch auf die Sektsteuer, mit der Wilhelm II. den Bau der kaiserlichen Kriegsflotte mitfinanzierte, die nicht nur dem deutschen Anspruch auf „einen Platz an der Sonne“ – Kolonien – Nachdruck verhalf, sondern im wachsenden Konflikt mit der Seemacht England auch zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs beitrug. Lukrative Waffengeschäfte destabilisierten bis heute den Frieden. Insgesamt, so Letsch, seien wir infolge eines Jahrhunderte währenden Militarismus auf einen Befehlston geeicht.

Kohout ergänzte das Waffen-Argument mit dem Hinweis auf den sogenannten „Militärisch-Industriellen Komplex“, vor dem bereits Eisenhower in den 1950ern gewarnt hatte. Aber auch hierbei sei Differenzierung geboten, meinte er, weil schwer nachweisbar sei, ob jene Allianz Kriege ausgelöst hätte.

Gefahr Nationalismus

Der Politologe gab Letsch darin Recht, dass wir verstärkt anti-militärische Strukturen bräuchten, hinterlegte aber, dass wir in Deutschland insgesamt auf gutem Wege dorthin seien, so wie wir im Aufarbeiten des Faschismus ein großes Stück weitergekommen seien, auch dank zivilgesellschaftlicher Bemühungen.

Die Frage, ob die Polarisierung zwischen politisch Rechts und Links ein zunehmender Konfliktherd sei, verneinte Kohout. Die größte Gefahr sieht er im wachsenden Nationalismus. Auch für Letsch: kein Thema. Kardinal für mehr Frieden und weniger Unfriede sind für ihn grundsätzliche Verhaltens- und Lebensweisen: Selbstorganisation, Befreien von Zwängen, alles, was Leben lebenswert macht wie Buen Vivir.

Klimakonflikte

Kohouts abschließende These: Infolge der Klimakrise steht die Welt vor erheblichen Konflikten, auch deshalb, weil Keiner auf seinen Lebensstandard verzichten wolle. Co-Moderatorin Lisa Popp resümierte und appellierte: „Keine eigenen Süppchen kochen! Die Probleme lassen sich nur gemeinsam lösen, über internationale Zusammenarbeit, Beziehungen, Freundschaften.“ Der Friede, ergänzte das Panel einvernehmlich, beginne in der Nachbarschaft, Community, Familie, werde letztlich zuhause erlernt und kultiviert.

Und hier, zum Nachhören, die gesamte Sendung im Original als Podcast

Am 7. Dezember greift Lora WiKo München 92,4 eine weitere Kontroverse auf: Sterbehilfe. Stay tuned!

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