by Wolfgang Goede | 25. Juli 2025 09:45
Wow, ein kapitales Werk von 1008 Seiten und sogar noch mehr Gramm Gewicht. Fast einen halben Hunni ist die Investitionen in eine Rundum-Bildung über Deutschland und seine historische Entwicklung in den letzten 500 Jahren wert. Er lohnt sich! In Die Deutschen in der Welt findet man Geschichte geballt, lesenswert, detailliert, bisweilen charmant – tiefschürfender und zugleich leichtlebiger, als es dem Rezensenten im Geschichtsunterricht je vergönnt gewesen war.
Roaring & Golden
Zum Beispiel der Erste Weltkrieg und die Schuld Deutschlands daran. Ja, es war ein verzwacktes Bündnissystem und die großmäulig-kaiserliche Rhetorik hatte ein gerüttelt Maß Schuld am Ausbruch, gleichwohl die europäischen Nachbarn an der Eskalation in den Krieg entscheidend mitzündelten. Auf der anderen Seite: Deutschland hatte zwar kaum Kolonien, aber es war seit der Eroberung Amerikas an der Expansion Europas über die Welt, dem Kolonialismus, seinen Auswüchsen in vielfacher Weise beteiligt und profitierte davon.
Der Autor, der britische Historiker David Blackbourn, hat fast zehn Jahre für die Niederschrift gebraucht und vermutlich findet sein gesamtes Lebenswerk Niederschlag auf diesen tausend Seiten. Nirgendwo findet sich eine so facettenreiche Darstellung über die Berliner 20s, die sozusagen als eingetragene Warenzeichen die Attribute „golden“ und „roaring“ tragen – Blackbourn erklärt, warum, und findet wie so oft ein einprägsames Bild: Deutschlands Hauptstadt war ein Zukunftslabor.
Flüchtlingsströme – damals
Was zur Mäkelei an der grafischen Gestaltung führt. Das den Inhalt ganzseitig schmückende Foto fehlt die einnordende Bildlegende. Es war die Berliner Premiere des Stummfilms „Looping the Loop“ – „Die Todesschleife“ (UFA 1928). Auch fürs Cover-Foto, eine der schönsten Hängebrücken der Welt, findet sich kein Zeilchen. Zurecht, vielleicht! Denn was hat das New Yorker Ingenieurswerk mit Buchtitel und Inhalt zu tun? Das englische Original Germany in the World kommt optisch bescheidener daher, dafür punktgenau: Sie hebt den Nabel Deutschlands in den Blick, den verkehrsumtosten Berliner Blücherplatz, mit Tram und Pferdeomnibus, fotografiert 1901 (S. 445).
Für den rezensierenden Jahrgang 1951, der auf Familienfesten immer nur Kriegsgeschichten zu hören bekam, blieben Krieg und Flucht immer ziemlich blass. Anders in diesem Buch: Der Autor beschreibt u.a. die enormen Flüchtlingsströme nach 1945 und wie daraus wieder ein funktionierendes Deutschland wurde. Mit dieser Nachhilfe begreift das Flüchtlingskind von Eltern aus Westpreußen, aus dem nach dem Versailler Friedensvertrag der polnische Korridor wurde, was seine Angehörigen, zerstoben über Ostsee, Ruhrpott, Schwerin, Kanada, erlebt hatten.
Sogar ein wenig stolz?
Diesem Buch, auch das muss gewürdigt werden, liegt eine brillante Übersetzungsleistung zugrunde. Denn das auf Englisch verfasste Buch musste mit den 123 Seiten großteils deutschen Anmerkungen wieder ins Deutsche zurückübersetzt werden. Welch Sisyphusarbeit! Chapeau Klaus-Dieter Schmidt!
Am Ende, was ist die Moral von der Geschichte, vielleicht sogar zitabel?
Wer dieses Buch gelesen hat und als Aufwachsender sein Land vielleicht eher abgelehnt hatte, lernt, wieder ein wenig stolz auf seine Heimat in ihrer riesigen Vielfältigkeit und großen Potenzialen zu sein – thx David.
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