Ende der Demokratie oder heilsamer Schock?

Der Andrang war riesig, der Theatersaal im Münchner Amerikahaus proppevoll. Der Amerikaexperte und SZ-Redakteur Jannis Brühl stellte sein neues Buch vor: „Disruption. Die Ideologie der Tech-Oligarchen und das Ende der Demokratie, wie wir sie kennen.“ Wie die Herrscher von Silicon Valley ticken, womit sie den MAGA-Geist prägen, die Rolle Donald Trumps – und die Hürden Deutschlands und Europas beim Streben nach digitaler Souveränität.

Regelbruch für absolute Freiheit

Die wirtschaftlich-technologische Disruption, der Regelbruch und das Stürzen der alten Technologien, bei dem die US-amerikanischen IT-Giganten federführend waren, hat auf die Politik übergegriffen. Der US-Präsident Donald Trump zeigt täglich, dass er national und international alle Einrichtungen der liberalen Demokratie abschaffen will. Dahinter stehen die Ideologen der „Make America Great Again Ideologie“, allen voran Peter Thiel, zusammen mit Elon Musk und anderen, die am liebsten sämtliche Kontrollen abschafften, und mit ihnen den Staat an sich.

Sie träumen, auch mit Blick auf den legendären amerikanischen Gründergeist, als dessen Inkarnation sie sich vermutlich fühlen, von absoluter Freiheit, Abschaffung aller Arbeitnehmerrechte, Verbannen der Klimapolitik, sämtlicher Regularien, Herrschaft über die Welt und den Kosmos, Leben auf dem Mars, ewigem Leben durch das Hochladen des Geistes der Menschen in die Cloud (auch geläufig unter „Transhumanismus„). Anarchische Utopien und Dystopien, zwischen Sozialdarwinismus und Machiavellismus, die mit geschickten Narrativen in Umlauf gesetzt werden und via Internet und den Plattformen eine riesige Anhängerschaft finden.

Vision vom libertären Techno-Staat

„Diese Anführer formen eine Gegenelite, sie fühlen sich als letzte Helden der Menschheit, die die Zukunft in ihre Hände nehmen wollen“, sagte Brühl. Mit ihren Apps wie Paypal, Instagram, Whatsapp sind sie allgegenwärtig, infiltrieren und beherrschen unser aller Leben, wir alle hängen an ihrem Tropf. „Ziel ist der libertäre Techno-Staat, antihumanistisch, ohne die uns bekannten Gemeinwerte.“ Das sei ein Weckruf an die Staaten Europas: „Noch ist nichts entschieden, aber man sollte endlich handeln.“ Vor allem sich der digitalen Abhängigkeit gewahr werden und gemeinsam für die digitale Souveränität eintreten.

Auch der US-Präsident, so einschüchternd und egozentrisch er auftreten möge, ist letztlich abhängig von der Macht, dem Geld und den digitalen Einflussmöglichkeiten und Manipulationen dieser Tech-Oligarchen, mithin „ein nützlicher Idiot“, wie der Autor unterstrich. Selbst Steve Bannon, dereinst glühender Unterstützer von Trump I, mahnt zur Distanz gegenüber den Oligarchen: „Die Tech-Elite will uns alle zu digitalen Sklaven machen.“

Signal statt Whatsapp nutzen

Was können Deutschland und Europa gegen ihre Position als Schlusslicht in der digitalen Kette tun, in erheblicher Gefahr, erpressbar zu sein, von den Tech-Konzernen einfach abgehängt zu werden schlimmstenfalls IT-Shutdown. Das beginne bei jedem selbst, sagte Brühl, etwa: vom beliebten Whatsapp auf andere Messenger Dienste umzusteigen. Doch das funktioniere nur, wenn man auch seine Freunde überzeugen kann, den Schritt mitzugehen, weil man sonst isoliert dasteht.

Kommunen sollten Open Source Software nutzen, um der Abhängigkeit zu entgehen. Diesen hoffnungsvollen Weg hat allerdings die Landeshauptstadt München nicht durchgehalten, die sich aus dem Linux-Projekt als Alternative zu Microsoft wieder zurückgezogen hat, weil es sich als zu komplex erwies.

Die Beliebtheit der IT-Produkte made in USA ist schwer zu erschüttern. Sie sind hocheffektiv, deshalb bei Bürgern wie auch Behörden sehr beliebt. So benutzt das Bayerische Landeskriminalamt die Palantir Software. Die wird von der US-Migrationspolizei ICE genutzt, um Netzwerke zwischen Migranten sichtbar zu machen, was den Weg zu Razzien und Zugriffen ebnet. Auch das und der Widerstand der Stadtgesellschaft dagegen führte zu den bürgerkriegsähnlichen Zuständen in Minneapolis im Januar 2026.

… und was lernen wir daraus?

Hat diese Entwicklung auch Positives? „Ja, ein heilsamer Schock für uns“, sagte Brühl. Weniger Vollkaskomentalität, weniger Bürokratie, auch der Datenschutz könnte zurückhaltender sein, mehr unternehmerische Initiative. Vom unerschrockenen Gründergeist in den USA und seiner Kultur des Scheiterns könnten sich deutsche Firmen eine ganz dicke Scheibe abschneiden. Wenn Firma A und B nicht funktioniert hat, dann wird bestimmt der dritte Anlauf Früchte tragen. Brühls Schlusswort: Europa hat sehr viele kluge Köpfe und die müssten mobilisiert werden für die digitale Souveränität.

Disruption. Die Ideologie der Tech-Oligarchen und das Ende der Demokratie, wie wir sie kennen. DVA München 2026, 20 €

[ Artikel drucken ]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert